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MODE: Luxus nach Maß

Italienisches Schneiderhandwerk setzt auf Qualität und erzielt so astronomische Preise. Das Problem auch hier: Zu wenig junge Leute interessieren sich fürs Handwerk.

Der Name Rossana Mattioli ist zwar längst nicht so berühmt wie die exklusiven italienischen Schneider-Konzerne Brioni oder Caraceni. Jedoch hat die Dame einen ausgewählten und vor allem internationalen Kundenkreis - katalogisiert nach Kragenweite, Armlänge und Brustumfang. Ihr Hemden-Geschäft liegt in der Via della Stelletta im Herzen Roms, zwischen Parlament und Pantheon - im traditionellen Viertel für alt eingesessene Familien- und Handwerksbetriebe. »Unser Motto heißt schlicht und einfach 'Qualität'«, sagt die 51-jährige Geschäftsinhaberin.

Astronomische Preise für Handarbeit

Italien ist das Land der Kleinbetriebe. Hunderttausende sind über das ganze Land verteilt, führen uralte italienische Traditionen fort und erwirtschaften damit reichlich Profit. Neben unzähligen Schuhmachern, Restauratoren und Goldschmieden gibt es allein 18.000 Schneidereien. In Deutschland mutet es so manchem eher seltsam an, dass die Italiener sich ihre Kleidung so gerne auf den Leib schneidern lassen, obwohl sie für diesen Luxus Höchstpreise hinblättern müssen. Bei Mattioli kostet ein Hemd immerhin 180 Euro, ein Herrenanzug je nach Stoff und Extrawünschen ab 2.500 Euro.

Wichtiger Industriezweig

Die Erfolgsstory der Mode »made in Italy« begann in den 50er Jahren, als vor allem die Städte Neapel, Mailand und Rom verstärkt Abnehmer für ihren innovativen und qualitativ hochwertigen Stil in Europa und Amerika fanden. Heute ist die italienische Modeindustrie einer der wichtigsten Wirtschaftszweige und erzielte nach Schätzungen des staatlichen Statistikamtes Istat 2001 einen Umsatz von 47,6 Milliarden Euro. 29,7 Milliarden Euro wurden allein durch Exporte eingenommen. Neuesten Berechnungen zufolge sind mittlerweile 14,8 Prozent aller Manufaktur-Arbeiter in der Modebranche tätig.

Problem fehlender Nachwuchs

Allerdings zeigen sich seit geraumer Zeit auch dunkle Wolken am Horizont: Das Problem ist heute nicht etwa fehlende Kundschaft sondern vor allem fehlender Nachwuchs. Immer mehr junge Italiener bevorzugen die Universität anstelle von Papas Nähmaschine. »Um die Tendenz aufzuhalten, bräuchten die italienischen Schneider-Betriebe mindestens 9.000 neue Lehrlinge«, errechnete zuletzt der italienische Handwerksverband Confartigianato.

Erfolgreiche Tradition

»Wir spüren von den Problemen nichts. Unser Geschäft läuft bestens!«, freut sich Rossana Mattioli, die 1969 zusammen mit ihrer Schwester den ersten Hemden-Laden in der Peripherie Roms eröffnet hatte. Vor zehn Jahren schaffte sie den Sprung ins Zentrum und zählt heute zu den besten Schneidermeisterinnen der Ewigen Stadt. Auch Deutsche gehören jetzt zu Rossanas eingefleischter Kundschaft. Stolz zeigt sie gleich Postkarten aus Hamburg und München: »Die Hemden tragen sich wunderbar!« ist da zu lesen und »Bitte schicken Sie mir noch weitere fünf, meine Maße haben sie ja«.

Carola Frentzen

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