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Nachwuchsprobleme: Keine Lust aufs Handwerk

Auf den Tischen der deutschen Handwerksmeister landen zu wenige Bewerbungen. Der Branche droht vor allem im Osten ein Azubi-Mangel. Weil es unter den wenigen Schulabgängern zu wenige Hauptschüler gibt. Und weil die Wenigen gravierende Schwächen haben.

Von Margitta Schulze Lohoff

Der Arbeitsmarkt erholt sich, die Unternehmen suchen nach Mitarbeitern - und nach Lehrlingen. Jetzt hat die erste Branche Alarm geschlagen. Das Handwerk befürchtet einen Azubi-Mangel. Im Osten wird dieser Mangel 2008 bereits deutlich, in den alten Bundesländern erst in drei Jahren.

Das Handwerk hat Nachwuchssorgen, die Betriebe suchen nach qualifizierten Bewerbern. Alexander Legowski, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des ZHD, erklärt: "Wir brauchen eine ausreichende Zahl an qualifizierten Bewerbern", sagt er. Besonders in Ostdeutschland sind nach 1990 immer weniger Kinder geboren worden. Die Konsequenz: Auf den Tischen der deutschen Handwerker landen heute immer weniger Bewerbungen.

"Weil sie nicht richtig rechnen können"

In Ostdeutschland sind die Zahlen der Schulabgänger in den vergangenen Jahren deutlich eingebrochen. Haben 2002 noch 175.000 Jugendliche Real- oder Hauptschule abgeschlossen, werden es 2008 nur 140.000 sein. Dieser Trend "wird sich noch erheblich verschärfen", sagt Hannelore Plicht vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Sie schätzt, dass im Jahr 2010 weniger als 80.000 ostdeutsche Jugendliche einen Ausbildungsplatz suchen werden.

Doch es gibt nicht nur weniger Schulabgänger. Sie seien - so Legowski - auch nicht ausreichend qualifiziert und Handwerksberufe sind nicht immer die erste Wahl. Kfz-Mechatroniker und Frisöre wollten zwar viele werden, aber beliebter seien kaufmännische Berufe. "Und so kriegen wir die Bewerber, die im kaufmännischen Bereich keinen Ausbildungsplatz gefunden haben - weil sie nicht richtig rechnen oder schreiben können", klagt Legowski.

Die Quote der Schulabbrecher ist hoch. Im Osten haben 13 Prozent der jungen Männer keinen Abschluss, im Westen neun Prozent. Aber es gibt auch den umgekehrten Trend: Deutschlands Azubis sind oft besser qualifiziert als früher. Immer mehr Abiturienten machen eine Ausbildung anstelle eines Studiums. "Es gibt eine tendenzielle Verschiebung hin zu höheren Abschlüssen. Woran das liegt, weiß man noch nicht genau", sagt Plicht. Es sei möglich, dass die Unternehmen eine bessere Qualifikation forderten, weil die Schüler insgesamt schlechter geworden seien.

Zu wenige Hauptschüler

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sieht das, als Vertreter der Arbeitnehmerseite, anders. Die Wirtschaft habe die Ausbildung von Nachwuchskräften verschlafen. Gerade einmal 24 Prozent der Betriebe würden Lehrlinge schulen, so der DGB. "Die Wirtschaft kann nicht davon ausgehen, dass sie sich die fertigen Fachkräfte am Betriebstor abholen kann", sagt Marion Knappe, Pressesprecherin des Verbandes und relativiert die Ausmaße des Problems: "Wir steuern zwar auf einen Azubi-Mangel zu, flächendeckend wird es ihn aber nicht geben."

Noch ist jeder zehnte Angestellte im Handwerk ein Lehrling, rechnet ZDH-Sprecher Legowski vor. In ganz Deutschland werden 480.000 Jugendliche zu Handwerkern ausgebildet. Doch das werde sich ändern: "Im Osten wird es in Zukunft Betriebe geben, die keinen Lehrling mehr finden", sagt er und fordert eine engere Zusammenarbeit zwischen Schule und Wirtschaft. Die Schüler sollten deutschlandweit bereits früh in die Betriebe hereinschnuppern - damit sie Lust aufs Handwerk bekommen.

Lehrstellen gibt es genug. 626.000 Schulabgänger haben 2007 einen Ausbildungsvertrag unterschrieben. Im Osten sind es, laut Bundesinstitut für Berufsbildung rund 125.000 gewesen. 125.000 Unterschriften bei rund 140.000 Real- und Hauptschulabsolventen in Ostdeutschland - auf den ersten Blick dürfte das Handwerk doch gar keine Nachwuchssorgen haben - oder?

"Unser Problem ist vor allem, dass wir nicht die Masse der guten Absolventen bekommen", sagt Legowski. Im Westen Deutschlands haben 30 Prozent der Schulabgänger einen Hauptschulabschluss, im Osten sind es nur 19 Prozent. Aber gerade die Hauptschüler sind das "typische Klientel für das Handwerk, auch deswegen ist das Azubi-Potenzial dort deutlich geringer", sagt Plicht. Und anscheinend haben Deutschlands Jugendliche einfach keine Lust auf Handwerk.

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