Die Vermögensschere verläuft nicht nur zwischen Arm und Reich, sondern auch zwischen Ost- und Westdeutschland. Im Jahr 2017 betrug das Durchschnittsvermögen in Ostdeutschland 50.000 Euro, im Westen 122.000 Euro. Der Abstand hat sich seit der Jahrtausendwende sogar nochmals leicht vergrößert. Dadurch wird im Osten nicht nur seltener geerbt als im Westen, sondern auch deutlich geringere Beträge.
Das wird 35 Jahre nach der Einheit zum Problem. Immer mehr Ostdeutsche haben das Gefühl, dauerhaft benachteiligt zu sein. Und zwar nicht wegen mangelnder Leistungsbereitschaft, sondern wegen ungerecht verteilter Startbedingungen. Doch wie ist die regionale Ungleichheit beim Vermögen zu erklären und an welchen Stellschrauben lässt sich drehen? Dieser Frage geht eine von mir beauftragte neue Studie des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) Tübingen nach.
Ein Teil der Antwort: Die Unterschiede sind historisch gewachsen. In der alten Bundesrepublik hatten die Menschen 40 Jahre Zeit, ein Vermögen aufzubauen. In der DDR war der Erwerb von Wohneigentum streng reguliert. Und auch privates Unternehmertum ist im Osten erst seit der Wiedervereinigung wieder möglich. Und im Zuge der Währungsunion wurden Sparbeträge nur begrenzt 1:1 in D-Mark getauscht. Die Ostdeutschen sind deswegen mit wenig Geld und noch weniger Besitz im wiedervereinigten Deutschland angekommen.
Ost-Beauftragte: Kenntnis über Finanzmärkte geringer
Auch beim Wohneigentum sind die Unterschiede zwischen Ost und West noch immer beachtlich. 40 Prozent der Westdeutschen leben in ihrer eigenen Immobilie, aber nur 30 Prozent der Ostdeutschen. Dieser Abstand hat sich seit der Wiedervereinigung so gut wie nicht verringert.
Warum also besteht die Diskrepanz auch dreieinhalb Jahrzehnte später fort? Die Wissenschaftler haben dazu Fokusgruppen in beiden Landesteilen befragt. Vor allem die ostdeutschen Diskussionsteilnehmer wiesen darauf hin, dass für den Vermögensaufbau im Osten bis heute schlicht oft die Mittel fehlen. So sagte eine Frau aus Ostdeutschland: „Die Einkommen sind niedriger, die Renten sind niedriger, die Leute hatten teilweise in der DDR wirklich kein Vermögen, weil es quasi verboten war … Da gibt es nichts, wo man groß aufbauen kann.“
Hinzu kommt: Im Osten ist die Kenntnis über die Finanzmärkte oftmals geringer als im Westen, auch weil das Thema vor 1989/90 so gut wie keine Rolle spielte. Zudem suchen Ostdeutsche öfter nach sicheren Anlagestrategien. Sie meiden Investments mit höheren Renditeversprechen. Hier haben vermutlich gerade die wirtschaftlichen Unsicherheiten der Transformationsjahre nach 1990 Spuren hinterlassen.
So setzen in Ostdeutschland finanziell gut gestellte Haushalte häufig auf risikoarme Anlageformen mit geringen Renditechancen. Ganz anders im Westen: Hier nimmt die Risikofreude mit dem durchschnittlichen Vermögen zu. Zusammen mit der meist hohen Finanzbildung dieser Gruppe führt das dazu, dass sich im Westen große Vermögen schneller vermehren, während das Vermögen im Osten langsamer anwächst.
Das Gefühl, zweite Klasse zu sein
Das verbreitete Gefühl der materiellen Benachteiligung ist ein zentraler Grund, weshalb zwei Drittel der Menschen im Osten sagen, Ostdeutsche seien Bürger zweiter Klasse. Um die Demokratie zu stärken, muss der Staat die Vermögensunterschiede genauer in den Blick nehmen.
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Notwendig ist eine Debatte um eine Reform der Erbschaftssteuer. Es kann nicht sein, dass wir Erbschaften und Vermögen geringer besteuern als Löhne und Gehälter. Die Erbschaftssteuer ist eine Ländersteuer. Erhöht man sie, sollten die Länder diese Mittel vor allem in den Ausbau des Bildungssystems stecken. Das haben auch die Wirtschaftsweisen in ihrem neuen Jahresgutachten herausgearbeitet. Denn gute Bildung reduziert den biografischen Einfluss der sozialen Herkunft – und führt langfristig zu mehr Chancengleichheit auch beim Vermögensaufbau.
Parallel müssen wir die Menschen, die wenig besitzen, stärker bei der Vermögensbildung unterstützen. Deshalb ist die im Koalitionsvertrag vereinbarte Frühstart-Rente relevant: Für jedes Kind sollen pro Monat 10 Euro in ein kapitalgedecktes Vorsorgedepot einbezahlt werden.
Nach Eintritt ins Erwachsenenalter kann der angesparte Betrag bis zum Beginn der Rente durch private Einzahlungen weiter bespart werden. Das ist ein gutes Instrument, um jungen Menschen und deren Eltern risikoarme Erfahrungen mit dem Kapitalmarkt zu ermöglichen.
Frage der Vermögensverteilung für Einheit zentral
Außerdem müssen wir die Finanzbildung bundesweit verbessern. Finanzwissen sollte ein fester Teil von schulischen Lehrplänen werden, um frühzeitig ökonomische Grundkompetenzen zu vermitteln. Ebenso sehr benötigen wir Weiterbildungsangebote zur Vermögensbildung für Erwachsene.
Überdies müssen wir über eine Anpassung bestehender Förderinstrumente diskutieren. Wieso nicht die Arbeitnehmersparzulage auch für die Mittelschicht zugänglich machen? Oder eine stärker pauschalierte Förderung beim Immobilienerwerb einführen? Diese Vorschläge gehen über den Koalitionsvertrag hinaus. Doch die Debatte müssen wir jetzt führen.
Die Frage der Vermögensverteilung ist für die Einheit unseres Landes zentral. Es geht dabei nicht nur um materielle Fragen, sondern auch um Anerkennung, Respekt, Gerechtigkeit. Denn die im Vergleich geringeren Vermögen vieler (Ost)deutscher haben nichts mit ihrer Lebensleistung, sondern einzig mit ihrer Herkunft zu tun. Das Thema muss oben auf der politischen Agenda bleiben.