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Zucker, Salz, Fett: "Dreister Versuch": Neues Nährwert-Logo der Lebensmittellobby sorgt für Empörung

Grün für gesund, rot für ungesund – so einfach könnte man Lebensmittel kennzeichnen. Doch die Lebensmittelbranche sträubt sich gegen ein Ampelsystem und hat einen eigenen Vorschlag vorgelegt. Der erntet harsche Kritik.

Die Nährwertkennzeichnung für Verbraucher soll verbessert werden - über das Wie gibt es unterschiedliche Ansichten

Die Nährwertkennzeichnung für Verbraucher soll verbessert werden - über das Wie gibt es unterschiedliche Ansichten

Getty Images

Viele Produkte im Supermarkt enthalten zu viel Zucker, Fett oder Salz. Doch selbst wenn der Kunde diese meiden will, wird es ihm aktuell noch schwer gemacht. Die auf der Rückseite versteckten Nährwerttabellen sind für viele wenig hilfreich, daher wird seit geraumer Zeit über ein besseres System diskutiert.

Bei Verbraucherschützern hoch im Kurs steht der Nutri-Score, ein fünfstufiges Ampelsystem, das jedes Lebensmittel anhand der enthaltenen Mengen an Zucker, Salz und gesättigten Fettsäuren auf einer übersichtlichen Farbskala einsortiert. In Frankreich hat sich das System bereits etabliert und auch hierzulande beginnen erste Firmen wie Danone und Iglo, den Nutri-Score freiwillig auf ihre Produkte zu drucken. Doch weite Teile der Lebensmittelbranche sträuben sich gegen das übersichtliche Farbsystem.

Lebensmittelverband will den Nutri-Score nicht

Der Spitzenverband der Lebensmittelwirtschaft BLL erklärte am Donnerstag, weder der Nutri-Score noch das ähnlich funktionierende System der Lebensmittelampel fänden mehrheitliche Unterstützung. Weltweit gebe es 150 Kennzeichnungsmodelle, davon 80 mit Nährwertbezug, erklärte BLL-Präsident Stephan Nießner. "All diese Modelle haben wissenschaftlich betrachtet Vor- aber auch Nachteile. Und allein die Zahl zeigt, dass kein Modell dabei ist, das flächendeckend von der Lebensmittelwirtschaft akzeptiert werden kann."

Die Konsequenz, die der Spitzenverband aus dieser Unübersichtlichkeit zieht, ist allerdings nur bedingt logisch: Die deutsche Lebensmittellobby möchte den bereits bestehenden Nährwert-Logos noch ein weiteres hinzufügen, das es soeben selbst erfunden hat.

Wichtig ist dem Verband dabei vor allem eines: "Das Modell soll das Lebensmittel nicht bewerten. Eine subjektive Bewertung, beispielsweise durch die Verwendung von Ampelfarben, die den Verbrauchern eine Empfehlung suggerieren, lehnt der BLL angesichts unterschiedlicher Ernährungsgewohnheiten und -vorlieben ab."

Dementsprechend fällt der vom BLL präsentierte eigene Vorschlag aus: Fünf Kreise, die ganz neutral angeben, wieviel Kalorien, Fett, gesättigte Fettsäuren, Zucker und Salz pro 100 Gramm enthalten sind. Also im Grunde die bisherigen Tabellen in Kreisform. Darüber hinaus wird noch angegeben, wieviel Prozent einer täglichen Referenzmenge dieser Wert entspricht. Die "Referenzmenge" wirkt wie eine empfohlene Tagesdosis, obwohl es sich teilweise vielmehr um Höchstwerte handelt, die man nicht überschreiten sollte.

So sollen Nährwerte nach dem Willen des BLL gekennzeichnet werden

So sollen Nährwerte nach dem Willen des BLL gekennzeichnet werden

Harsche Kritik am Kreismodell

Dementsprechend vernichtend fällt das Urteil der Kritiker aus. "Die Industriekennzeichnung suggeriert, man müsse täglich eine bestimmte Menge an ungünstigen Nährstoffen konsumieren", erklärt die Verbraucherorganisation Foodwatch. Zudem sei der Referenzwert für Zucker bei 90 Gramm festgelegt, obwohl die Weltgesundheitsorganisation für eine erwachsene Frau empfehle, maximal 50 Gramm, besser noch maximal 25 Gramm an freien Zuckern zu sich zu nehmen. "Die neue Nährwertkennzeichnung der Industrie ist ein dreister Versuch, eine verbraucherfreundliche Kennzeichnung zu verhindern", sagt Foodwatch-Mitarbeiterin Luise Molling. Statt auf ein bewährtes System wie den Nutri-Score zu setzen, versuche die deutsche Lebensmittelindustrie mit einem eigenen Modell Verwirrung zu stiften.

Auch der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands, Klaus Müller, kritisierte den Vorschlag als "nicht intuitiv und sofort verständlich". Die Grünen-Expertin Renate Künast sagte der DPA: "Auch hier werden Verbraucher mit einem Zahlenwirrwarr konfrontiert und müssen erst mal rechnen."

Das Bundesernährungsministerium äußerte sich zurückhaltend zum neuen Branchen-Modell. Es sei sehr deskriptiv und wiederhole nur bestimmte Nährwertangaben auf der Schauseite. Vom Nutri-Score ist man im Ministerium allerdings bislang auch nicht überzeugt, da es zu sehr vereinfache und manche Produkte eine fragwürdige Einstufung erhielten. Bevor ein Kennzeichnungsmodell in Deutschland flächendeckend eingeführt wird, möchte Ernährungsministerin Julia Klöckner daher erst mal eine Verbraucherbefragung und einen Praxistest durchführen. Was so klingt, als würde es noch eine Weile dauern, bis sich wirklich etwas ändert. 

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