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S-Bahn und Bus: Obskure Zwei-Minuten-Regel macht Sie ungewollt zum Schwarzfahrer

Schnell das Handy-Ticket lösen und gleich ab in die Bahn? Das kostet in Berlin 60 Euro wegen Schwarzfahren. Jakob Wais musste lernen, dass er zwei Minuten auf dem Bahnsteig hätte warten müssen.

Zwei Minuten muss der Passagier nach dem Kauf des Tickets in Berlin warten, bis er einsteigen darf.

Zwei Minuten muss der Passagier nach dem Kauf des Tickets in Berlin warten, bis er einsteigen darf.

Wussten Sie, dass Sie zum Schwarzfahrer gestempelt werden können und entsprechend Buße zahlen sollen, obwohl Sie ein gültiges Ticket vorzeigen? Natürlich nicht. Wie soll das möglich sein? Doch tatsächlich kann in Berlin jeder ganz leicht in diese Situation kommen, dass passiert nämlich immer dann, wenn er allzu rasch Bus oder Bahn betritt.

Laut einer kaum bekannten Regelung, verlangen die Betriebe der BVG nämlich, dass der Käufer eines Handy-Tickets immer zwei Minuten warten muss, bevor er befördert wird. Einfach das Ticket ordern, wenn der Bus bereits in Sichtweite ist, geht also nicht. In so einem Fall müsste man auf den nächsten Bus warten. Die "Bild" berichtet von diesem Fall.

"Bild"-Mitarbeiter Jakob Wais (28) ging mit Ticket einem Kontrolleur ins Netz. "Ich landete am Sonntagabend mit meiner Freundin am Flughafen Schönefeld", sagte Wais dem Blatt. Anstatt eines Taxi nahm er die S-Bahn. Das Vergehen: "Ich stand auf dem Bahnsteig, als ich das Ticket kaufte." Unmittelbar danach stieg er in den Zug ein. Das Ticket war also nicht zwei Minuten vor Fahrtantritt gekauft worden. Bei der folgenden Kontrolle sollte Wais 60 Euro zahlen.


Unbekannte Regel

Natürlich kannte er die kundenunfreundliche Regelung nicht. In den Beförderungsbedingungen der S-Bahn soll sie auch gar nicht zu finden sein. Zum Thema Handy-Tickets sei dort lediglich zu lesen, dass sie nur in Verbindung mit einem Ausweis gelten, so der "Tagesspiegel". Tatsächlich kann der Kunde diese Regel nur in einem Untermenü der Online-Seite finden.

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Die Sprecherin des BVG, Petra Reetz, bestätigte die Existenz der Zwei-Minuten-Regel, die sonst niemand kennt. Sie soll verhindern, dass ihr Smartphone griffbereit halten und das Ticket erst lösen, wenn ein Kontrolleur das Abteil betritt. Angezeigt wird die Zwei-Minuten-Frist auf dem Online-Ticket. "Der 2-Minuten-Zähler ist ein kleiner Countdown auf dem Handyticket, oben rechts in der Ecke."  

Plötzlich nur ein technischer Defekt

Jakob Wais beschwerte sich öffentlich und per Post bei den Verkehrsbetrieben. Nicht nur wegen der obskuren Regel sondern auch wegen des beleidigenden Tons des Kontrolleurs. In seinem Fall spricht die Bahn inzwischen von einem technischen Darstellungsproblem und verzichtete aus "Kulanz" auf die zunächst geforderten 60 Euro.

Vielleicht ruderte sie auch vor der Bild-Zeitung zurück. Für andere Passagiere gilt die Zwei-Minuten-Regel nämlich weiterhin. Die Kunden sollten sich übrigens auch nicht darauf verlassen, dass die Uhrzeit des Smartphones stimme. Petra Reetz rät dazu, vor dem beim Kauf eines Online-Tickets die Uhrzeit mit dem zentralen Server zu synchronisieren, "damit keine Missverständnisse auftreten". 

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