Öko-Energie Die "grüne" Globalisierung


Dirk Ketelsen war ursprünglich Landwirt. Heute betreibt der Nordfriese einen Windpark und liefert ein Zehntel der Energie eines Atomkraftwerks. Der Einstieg in die umweltfreundliche Stromerzeugung ist jedoch teuer.
Von Frank Donovitz

Dirk Ketelsen ist ein Pionier. Ende der 80er Jahre krempelte der gelernte Landwirt sein Arbeitsleben um: von "konventionell" auf "öko". Und dies radikal. Sein Bauerhof, gut 20 Kilometer nördlich des nordfriesischen Städtchens Husum, wurde zum Bio-Hof - mit eigenem Ladenlokal. Aber noch viel wichtiger: Im Jahr 1989 kaufte er für 589.000 D-Mark (knapp 300.000 Euro) ein Windrad, und pflanzte es direkt neben den Hof in den Reußenkögen, wenige hundert Meter vom Wattenmeer, der Nordseeküste, entfernt.

"Meine Eltern hatten mir abgeraten, die Banken gaben keinen Pfennig dazu", erinnert sich Ketelsen. "Öko" war zwar bekannt, aber eher was für Eingefleischte, "Müslis" und "Alt-Spontis", häufig beseelt von der 1973 erschienenen "Club of Rome"-Studie "Die Grenzen des Wachstums" - nichts massentaugliches.

Vom Land- zum Energiewirt

Bauer Ketelsen, 56, war und ist kein "Eingefleischter". In seiner Scheune steht neben dem hochmodernen Riesen-Traktor auch eine nagelneue Oberklasse-Limousine, schwarz mit Leder. Dirk Ketelsen war und ist Unternehmer, längst mehr "Energie-Wirt" als Landwirt. "Ich habe damals keine andere Chance gesehen, langfristig zu überleben. Dass das ganze mal sooo groß wird, sich wirklich rechnet, konnte ja niemand ahnen."

Aus der "Szene" ist eine "Welle" geworden, industrialisiert und globalisiert. Ketelsens Laden für die eigenen Produkte gibt es nicht mehr. Sein "Bioland"-Hof beliefert jetzt in großem Stil den Baby-Nahrungshersteller Hipp. Und aus der ersten Windmühle wurde ein Bürger-Windpark mit 100 Megawatt Leistung, rund ein Zehntel der Leistung eines Kernkraftwerks.

"Wir sind heute Kraftwerksbetreiber"

Daneben machen Ketelsen und die anderen Landwirte der Region auch noch ein bisschen in Solar- und Biogas-Energie. "Wir sind heute Kraftwerksbetreiber", sagt der Nordfriese. Seine Scheune ist jetzt überwiegend Bürogebäude. Auf drei Etagen bimmeln Telefone, sirren Computer, hängen Landkarten, ordnen sich Aktenberge. Alles vom feinsten, Natur-Holz-Design versteht sich. Und ganz oben im Dach gibt es einen Ausguck mit Terrasse. Freier Blick über den Deich, auf's Meer. Dass Ketelsen einmal Landwirt war, lässt sich nur noch beim Händedruck erahnen. Heute konferiert er in halb Europa mit Anwälten, Investmentbankern, Konzernvorständen, Kommunalpolitikern und Ministerpräsidenten.

Sein Betrieb "Dirkshof" hat sieben Vollzeitbeschäftigte, darunter ein studierter Betriebswirt, der sich um die Finanzen kümmert. "Ich hätte Arbeit für noch mehr Leute, aber dann würde es mir zu unübersichtlich. Lieber bezahle ich die Mannschaft besser", sagt Ketelsen.

Die Öko-Wirtschaft beschäftigt eine Million Menschen

Ohne den Aufstieg der Öko-Energie-Branche, da ist sich Dirk Ketelsen sicher, sähe es an den deutschen Küsten wirtschaftlich trübe aus. Außer ein wenig Tourismus gäbe es kaum Jobs. "Mittlerweile ist die Landflucht gestoppt, die regionalen Energie-Firmen suchen händeringend Nachwuchs. Ingenieure, Techniker, Kaufleute", berichtet Ketelsen.

Zwischen Husum und Flensburg werben Plakate mit der Aufschrift "Energie ernten - Klima schonen". Ein junger Mann schaut kurz in Ketelsens Büro, die beiden besprechen sich kurz auf Platt-Deutsch, der Gast verschwindet wieder. "Ein Solar-Unternehmer aus dem Nachbarort, 80 Beschäftigte", erklärt Ketelsen. Insgesamt, so schätzt das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, sind rund eine Million Menschen in der heimischen Öko-Wirtschaft beschäftigt.

Die Zukunft: "Offshore"

Weil ertragreiche Landstandorte für Windkraft weitestgehend mit Mühlen bestückt sind, richtet sich der Blick der Energiewirtschaft auf das Meer. Die Zukunft gehört so genannten "Offshore"-Windparks. Die beiden größten der Welt stehen vor Dänemarks Küsten: "Horns Rev", 22 km vor der Nordseeküste, und "Nysted" in der Ostsee, in Sichtweite der deutschen Insel Fehmarn. "Horns Rev" gehöhrt dem schwedischen Energie-Konzern Vattenfall, an "Nysted" ist der Düsseldorfer Strom-Multi Eon zu 20 Prozent beteiligt.

Für Eon-Chef Wulf Bernotat stehen Wind- und Biogas-Projekte seit einiger Zeit ganz oben auf der Wichtig-Liste. Vor der schottischen Küste will Eon die bislang führenden Dänen in Sachen Offshore-Windkraft-Leistung alsbald übertreffen. Ökologische Risiken, Nebenwirkungen? "Keine uns bisher bekannten", sagt Greenpeace-Sprecherin Ortrun Albert. "Ständige Begleit-Forschung in Sachen Fisch- und Vogelzug ist bei Offshore-Parks aber unbedingt notwendig."

Offshore-Parks sind teuer

Der größere Haken ist ein ökonomischer: Offshore lässt sich nicht mit "Kleingeld" finanzieren. Das weiß auch Dirk Ketelsen. Mit sechs Gleichgesinnten initiierte er vor sieben Jahren den Offshore-Park "Butendiek". 8412 Bürger haben sich bislang an der Finanzierung von insgesamt mehr als einer halben Milliarde Euro beteiligt. Einstiegssumme: 20.000 Euro.

Die gesammelten "Risikoanteile", wie Ketelsen die Beteiligungen unumwunden nennt, reichten nicht. Kurz vor Jahreswechsel übernahm der irische Öko-Stromer Airtricity die Hälfte von "Butendiek" - vorbehaltlich der Zustimmung der über 8000 Beteiligten im März dieses Jahres. Der "Butendiek"-Park, 34 km westlich von Sylt, soll nunmehr bis spätestens 2010 ans Netz gehen. "Gleich vom ersten Betriebsjahr an will Airtricity eine Jahresrendite von zwölf Prozent", sagt Ketelsen.

Der letzte private Windpark

Die 160- bis 300-Megawatt-Anlage "Butendiek", glaubt er, wird wohl der letzte große Windpark nach dem "Bürger-/Privatanleger-Prinzip" sein. Zumal die deutschen Küsten nicht allzu groß sind. Aber: "Was wir anfangen, bringen wir auch zu Ende - das ist hier bei uns Tradition", sagt Wind-Manager Ketelsen. So sind denn auch "Butendiek" und 16 weitere bereits genehmigte Anlagen auch Schau-Projekte - um den weltweiten Export zu forcieren.

"Rentable Wind-Energie steht auf zwei Säulen", erklärt Pionier Ketelsen. "Nummer eins: ein guter Standort. Den findet und nutzt man mit Know-how und Spitzentechnik. Und Säule zwei: Energie-Einspeisegesetze." Diese Gesetze garantieren die Einspeisung von Öko-Energie in das deutsche Stromnetz. Und es legt sogar Preise fest. "Als das erste Gesetz 1991 kam, konnte ich es kaum fassen. Mein Windrad wurde über Nacht profitabel. Ich war sicher, das hält nur ein Jahr", schmunzelt Ketelsen. Schließlich lockten neben der Einspeisung auch Steuerabschreibungen für Öko-Beteiligungen dutzende Fonds-Konzipierer und tausende Anleger. Aber anders als etwa beim Run auf Immobilien-Fonds in Ostdeutschland, brach der Öko-Energiemarkt nicht zusammen - er läuft, was die Steuer-Zuckerl für Anleger angeht, ganz geregelt aus. Aber ein Effekt dieses Marktes, den 1991 der damalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) anleierte, und sein Amtsnachfolger Jürgen Trittin (Grüne) im Jahr 2000 fortschrieb, ist gerade erst am anlaufen: Der Aufstieg der deutschen Öko-Energiewirtschaft zur Weltmacht.

Deutsche Technik- und Marktführer

Neben den Giganten E.ON, RWE und Siemens haben fast zwei Dutzend Öko-Energie-Firmen den Gang an die Börse geschafft, zuletzt der Biokraftstoff-Hersteller BKN. Ihr Gesamtbörsenwert beträgt rund 15 Milliarden Euro (siehe Tabelle). Zu den größten gehören Nordex (Windkraft) sowie Solarworld und Q-Cells (beide Solar). Ihr Wisssen dominiert den Weltmarkt. Mithalten können der japanische Misch-Konzern Sharp in punkto Solar und der dänische Windturbinen-Bauer Vestas. Doch rund die Hälfte des globalen Business gehört den Deutschen. Kein Wunder also, dass der weltgrößte Atomstrom-Konzern Areva (Frankreich) für die Übernahme der Repower Systems AG mit Sitz in Hamburg und Großbetrieb im nordfriesischen Husum, in diesen Tagen satte 600 Millionen Euro geboten hat.

Der große Trend - deutsches Öko-Wissen und Technologie als globaler Exportschlager - funktioniert auch ein, zwei Nummern kleiner. Dirk Ketelsen freut sich über ein Wind-Projekt im französischen Mittelgebirge südlich von Paris. Daneben betreibt er seit Jahren einen schwunghaften Handel mit alten, runderneuerten Windrädern. Abnehmer sind unter anderem Polen, Rumänen und Bulgaren. Und eines seiner früheren "Lehrmädels" macht heute Öko-Energie-Deals in der Türkei. Dass die "grüne" Globalisierung richtig in Fahrt gekommen ist, merkte Ketelsen als erstes an länger werdenden Lieferzeiten und Sevice-Terminlisten bei Repower & Co. "Die kommen ja kaum noch hinterher. Es ist schon eine irre Welle."


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