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Opel-Krise: "Dann kann Bochum dichtmachen"

Die Krise von Opel ist auch eine Krise für die Stadt Bochum. "Opel zu fahren, hat in Bochum eine ziemliche Tradition", sagt Ralf Richter. Im stern.de-Interview spricht der Schauspieler, der in der Stadt aufgewachsen ist, über die Folgen einer möglichen Pleite und warum er selbst nie Opel fahren wird.

Herr Richter, sind Sie mal Opel gefahren?

Nee, nie. Ich war auch in keinem Kadett-Club. Mein erster Wagen war ein Citroen DS. Opel ist mir einfach zu hässlich.

Früher waren das schöne Autos.

Ganz früher, da gab es ein paar gute Sachen: der Diplomat, der Kapitän.

In Wolfsburg fährt jeder VW. Wie ist das mit Bochum und Opel?

Da gibt es sehr viele Opel. Klar, über das Opelwerk bekommen die Arbeiter günstige Wagen. Opel zu fahren, hat in Bochum eine ziemliche Tradition.

Überraschen Sie die Probleme?

Mich wundert bei Opel überhaupt nichts. Mich rief vor eineinhalb Jahren ein Opel-Manager an: Ich komme ja aus Bochum, ob wir nicht was zusammen machen könnten. Um Näheres zu besprechen, rief er mich in der kommenden Woche jeden Abend an. Dabei war rauszuhören, dass die Gespräche aus einer Kneipe kamen und er seinen Kumpels zeigen wollte, wen er so alles kennt. Ich musste ihn bitten, die Gespräche auf den Tag zu verlegen. Nach drei Monaten fruchtlosem Rumgelaber stellte sich raus, dass die mir lediglich ein Auto stellen wollten, welches ich später zum Vorzugspreis kaufen und voller Stolz privat weiterfahren sollte. Aber Opel hat so ein schlechtes Image, dass jeder Produzent denken würde: Dem kann ich auch weniger Gage geben, der hat es nötig, sonst würde er keinen Opel fahren. Ich kann mir vorstellen, dass mit Gewohnheitstrinkern in der Führungsriege jeder Laden kleinzumachen ist. Wie soll die Regierung denn da Geld reinbuttern? Womöglich ist deren Konzept auch am Thekentisch entstanden! Von denen halte ich nun überhaupt gar nichts mehr.

Sie sind dort aufgewachsen und zur Schauspielschule gegangen. Was wohnen dort für Menschen?

Malocher sind das. Als ich woanders lebte, ist mir aufgefallen, dass viele nicht die Wahrheit sagen oder mit der ehrlichen Meinung hinterm Berg halten. Das ist da nicht so. Als wenn sie im Ruhrgebiet weniger zu verbergen hätten - weil sie auch weniger besitzen und so auch ein bisschen ehrlicher sein können. Zusammen mit Claude-Oliver Rudolph und Uwe Fellensiek war ich einer der bekannteren Schauspieler aus der Gegend. Da hieß es dann schnell: Ah, die Ruhrgebietsdarsteller. Wir waren angesehen, weil wir kein Blatt vor den Mund genommen haben und weil man den Ruhrgebietlern unterstellte, dass sie nicht so ängstlich sind.

Der Niedergang der Stahlwerke, das Ende des Kohlebergbaus, das Verschwinden von Nokia: Wie gehen die Menschen dort mit den immer wiederkehrenden Krisen um?

Da gibt's die Lebenskünstler, die sich nichts anmerken lassen und auch Menschen, die durch die Schicksalsschläge nicht mehr so leicht aus der Ruhe zu bringen sind. Man lernt, mit Dingen umzugehen. Das ist das eine. Und dann: ganz viel Existenzangst. Völlige Existenzangst. Ist doch klar. Die werden ja auch plattgewalzt. Es ist ja nicht so, dass die eine Arbeit aus ist und morgen eine neue kommt. Nein, da wird kaputtgewalzt. Es gibt ja so viele Dinge nicht mehr. Der Pütt, die Bergwerke, zum Beispiel. Da kommt nichts nach. Für die Menschen ist das Arbeitsleben auch schon mit 30, 40 Jahren vorbei.

Und was machen die dann?

Entweder sind sie so schlau gewesen und haben sich bei Schalke im Fanclub angemeldet. Dann haben sie immer genug zu tun. Oder sie stehen an den Büdchen, den Kiosken im Ruhrgebiet. Und sehr viel gucken sie aus dem Fenster, gucken raus, so wie die Oma, auf dem Kopfkissen aufgestützt.

Das prägt eine Stadt.

Na klar.

Mögen Sie Ihre Heimatstadt?

Na klar, sehr. Nur wohnen von meinen Geschwistern nur noch zwei da, die anderen sind über Deutschland verteilt. Meine Mutter wohnt auch nicht mehr da. Insofern bin ich jetzt nicht mehr so häufig in Bochum. Aber wir werden dort demnächst ein Lokal aufmachen. Ich suche nur noch nach einem günstigen Standort.

Die Stadt ist erst durch die Arbeit so groß geworden. Als die Werke nach Bochum kamen, kamen auch die Menschen. Verleiht das der Arbeit eine besondere Rolle in der Stadt?

So wie später die Italiener, Türken und Jugoslawen, kamen anfangs die Menschen aus Pommern, Schlesien und Masuren. Deswegen gibt es da auch viele Grabowskis und Dornioks. Die kamen wegen der Arbeit, klar. In Bochum gibt es ein Theater, ein Schauspielhaus, eine Schauspielschule und eine Pornoproduktion. Das war's. Und das Bergbaumuseum, das ist bekannt. Eigentlich ist das eine absolute Arbeiterstadt.

Wie wichtig ist das Opel-Werk für Bochum?

Wenn das Opel-Werk dichtmacht, dann kann Bochum auch dichtmachen. Da arbeiten eine Unmenge Bochumer, die arbeitslos wären. Aber das ist nicht alles. Angefangen vom Pommeswagen, der vorm Werk steht bis hin zu Gummidichtungslieferern. Da würde einiges den Bach runtergehen.

Interview: Axel Hildebrand