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Pleite der Drogeriekette Zwei Schlecker-Schicksale von 25.000


So viele Frauen werden bald auf der Straße stehen. Und die Suche nach einem neuen Job ist schwierig - wie die Geschichten von Martina Dippl und Antonia Aigner zeigen.
Von Malte Arnsperger

Martina Dippl hat am Wochenende viel geweint. Sie hat sich zuhause eingeigelt, wollte niemanden sehen, hatte keine Lust, Freunde zu treffen. Ihr Mann wollte mit ihr wenigstens einen kleinen Spaziergang machen, als Ablenkung. Martina Dippl sagte ab: "Mich erkennt doch auf der Straße jeder und fragt mich nach Schlecker. Das brauche ich jetzt wirklich nicht." Der 61-Jährigen aus dem niederbayerischen Dorf Grafenau ging es wie vielen tausend Schlecker-Mitarbeiterinnen deutschlandweit. Sie mussten am Wochenende erst mal die bittere Nachricht verdauen, dass ihr Arbeitgeber endgültig pleite ist.

Nach dem Schock beginnt für Martina Dippl und ihre Kolleginnen das Leben nach Schlecker. Die knapp 14.000 verbliebenen Angestellten des Drogeriekonzerns - die meisten von ihnen weibliche Verkäuferinnen - müssen sich eine neue Stelle suchen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte den sogenannten "Schlecker-Frauen" Mut gemacht. "Wir werden über die Bundesagentur für Arbeit und natürlich vor allem über die regionalen Arbeitsämter sicherlich alles daran setzen, dass die Beschäftigen die Chance bekommen, schnell wieder eine Arbeit bekommen", sagte Merkel, nachdem der Insolvenzverwalter das Aus verkündet hatte. Und die Bundeskanzlerin fügte mit Blick auf den derzeitigen Arbeitsmarkt hinzu, im Augenblick sei sicherlich vieles möglich.

Merkel macht Druck

Vieles möglich? Schnell wieder Arbeit bekommen? Da war Merkel wohl etwas zu zweckoptimistisch oder hat sich vorher nicht wirklich informiert. Denn die Experten sind eher skeptisch, was die Zukunftsperspektiven für das Gros der Schlecker-Angestellten angeht.

Die Bundeskanzlerin hat mit ihrer Aussage vor allem die Bundesagentur für Arbeit unter Druck gesetzt. Hier kennt man sich aus mit den Schlecker-Frauen, schließlich waren nach der ersten Schließungswelle im März bereits rund 11.000 von ihnen auf einen Schlag arbeitslos geworden. Die Vermittlungsbilanz der Nürnberger Behörde sieht bislang eher mager aus. Nur gute zehn Prozent, genau 1340, haben laut einer Agenturstatistik bis Anfang Mai einen neuen Job bekommen. Und das, obwohl die Arbeitsvermittler im März noch optimistisch von "guten Chancen" für die Schlecker-Frauen gesprochen hatten. Zudem hatte es bei der ersten Massenentlassung eine Sozialauswahl gegeben, so dass damals vor allem junge, kinderlose, flexible Mitarbeiter eine Kündigung erhalten hatten. Es waren, wenn man so will, die Schlecker-Spitzenkräfte. "Und jetzt kommen die auf den Arbeitsmarkt, die es ohnehin schwer haben werden", sagt Agentursprecherin Susanne Eikemeier und gibt zu. "Bei der ersten Welle konnte man noch optimistisch sein. Jetzt wird es für die einzelnen Betroffenen viel schwieriger, einen neuen Job zu bekommen."

Die Gewerkschaft Verdi ist sich dieses Problems bewusst. Viele der Schlecker-Mitarbeiter, bei denen demnächst die Kündigung im Briefkasten liegt, seien Ende 40, Anfang 50 und schon seit Jahren bei der Drogeriekette angestellt. "Zum einen haben sich diese Menschen lange nicht beworben. Und zum anderen muss man ihnen auch eine Perspektive außerhalb des Handels aufzeigen. Wir sehen deshalb großen Beratungsbedarf für die Schlecker-Frauen", sagt Verdi-Sprecherin Christiane Scheller.

Noch nie eine Bewerbung geschrieben

Martina Dippl ist eine von denen, die jahrelang einen weißen Kittel mit blauem Logo trugen. Seit 24 Jahren arbeitet sie bei Schlecker, hat in ihrem ganzen Leben noch nie eine Bewerbung geschrieben. Dabei will ihr ihre Tochter helfen, aber Jobs kann sie auch nicht herzaubern. Nötig wäre es offenbar. "Es gibt weit und breit überhaupt keine einzige Vollzeitstelle im Handel", klagt Martina Dippl. "Ich würde ja auch eine lange Anfahrt in Kauf nehmen. Aber das einzige, was es hier auf dem Land gibt, sind schlecht bezahlte Teilzeitstellen."

Ländlicher Raum, schlechte Bezahlung. Zwei Probleme, denen tausende ihrer Kolleginnen auch begegnen werden. Denn ein Kernelement der Schlecker-Strategie waren die vielen Filialen in Dörfern fernab der großen Ballungszentren. Und gerade hier ist mangels Alternative die Aussicht auf eine adäquate neue Stelle ziemlich schlecht für die Schlecker-Frauen. Denn der vielgescholtene Drogeriegigant hat seine Angestellten sehr gut bezahlt. "Die Schlecker-Mitarbeiterinnen aus den ländlichen Gebieten werden nun überlegen müssen, ob es sich für sie lohnt, für weniger Geld zu arbeiten und dazu noch weiter fahren zu müssen als bisher", sagt Susanne Eikemeier von der Arbeitsagentur.

Rossmann will kein Auffangbecken sein

Antonia Aigner will es nicht. Die 44-Jährige wohnt in einem kleinen niederbayerischen Dorf und gehörte im März zu den ersten entlassenen Schlecker-Frauen. Rund 20 Bewerbungen hat sie bisher geschrieben, fast nur Absagen. Begründung von DM, Rossmann, Aldi. Lidl und Co: Es gibt schon zu viele Anwärter. Und wenn Antonia Aigner dann doch mal zu einem Bewerbungsgespräch bei einer Metzgerei oder Bäckerei eingeladen wurde, war sie hinterher frustrierter als zuvor. Denn statt 13 Euro pro Stunde wie bisher hätte sie nur acht Euro bekommen. Und der Konkurrenzkampf wird noch härter: "Wenn jetzt auch die anderen Schlecker-Frauen auf den Arbeitsmarkt kommen, dann habe ich ja überhaupt keine Chance mehr", sagt Antonia Aigner.

Der bisherige Schlecker-Konkurrent Rossmann gilt angesichts seines stetigen Wachstums als erste Anlaufstelle für ehemalige "Schleckerianer". Viele hundert haben sich bereits in Burgwedel beworben. Wie viele wirklich eingestellt wurden, kann Unternehmenssprecher Stephan-Thomas Klose nicht sagen. Aber er meint, die Chancen auf einen neuen Job für die Schlecker-Angestellten seien generell nicht schlecht. "Mitarbeiter bei Schlecker gewesen zu sein, ist ja kein Makel. Sie haben viel mitgemacht, sind belastbar und oft gut qualifiziert." Aber auch Rossmann wird nicht zu einem riesengroßen Auffangbecken für insgesamt rund 25.000 Mitarbeiter des insolventen Konzerns werden. "Wir können und wollen nicht nur noch ehemalige Schlecker-Mitarbeiter einstellen. Das wäre nicht fair gegenüber den anderen Bewerbern."

Martina Dippl will erst mal das tun, was die Schlecker-Frauen am besten können: kämpfen. Sie will weiter für den Erhalt ihres Arbeitsplatzes demonstrieren. Und sie sagt einen Satz, den in den vergangenen Wochen wohl viele ihrer Kolleginnen gesagt und gedacht haben: "Die Hoffnung stirbt zuletzt."


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