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Premiere-Börsengang: Weckruf für Anleger?

Geht es nach dem Willen von Premiere, dann soll das Börsendebüt am kommenden Mittwoch ein echter Knaller werden. Auch die Branche hofft auf eine Signalwirkung: Mindestens 12 Neuemissionen sollen 2005 noch folgen. Doch die Aktie ist riskant.

Die Aktie jedenfalls ist nach viel Werbe-Tamtam mehrfach überzeichnet. Vor allem Kleinanleger trauen sich nach jahrelanger Zurückhaltung offenbar wieder aus der Deckung - obwohl der Titel als risikoreich gilt. Ob ein Erfolg von Premiere aber endlich zum lang ersehnten Weckruf für den am Boden liegenden Neuemissionsmarkt wird, ist eher fraglich. "Wir hoffen, dass bei Gelingen die Aktionäre 2005 wieder wach gerufen werden", betont Franz-Josef Leven vom Deutschen Aktieninstitut. Jede positive Erstnotiz sei "Gold wert am Kapitalmarkt". Stimmung und Situation für das Initial Public Offering (IPO), wie das Platzieren frischer Aktien auch genannt wird, seien jedoch "immer noch angespannt", ist Leven überzeugt.

Die Angst sitzt tief

Die Angst vor einem teuren Flop sitze tief, bei Privatanlegern wie bei den Unternehmen selbst, meint Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW). Das Interesse an Premiere sei nicht zuletzt auch durch die Werbemacht des Fernsehsenders in eigener Sache angefacht worden. "Die Anleger schmeißen aber nicht mehr jeder Neuemission Geld hinterher", ist auch Florian Weber, Vorstandsmitglied beim Börsenmakler "Schnigge", sicher.

Das zeigte sich schon beim ersten klassischen Börsengang 2005. Der Kandidat, die defizitäre kleine Aachener Biotech-Firma Paion, hatte zunächst Schwierigkeiten, Abnehmer zu finden. Erst als das Unternehmen mit seinen Preisvorstellungen kräftig runter ging, wurde das Debüt noch in letzter Minute vom Markt angenommen. "Der Kurs hat sich dann ganz ordentlich entwickelt", betont Peter Grieble, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Stuttgart. Er meint: "Das Interesse am Spekulieren ist wieder da, doch die Unternehmen müssen die Ausgabepreise akzeptabel halten."

Premiere-Ausgabepreis "recht teuer"

Auch die Premiere-Aktien seien "relativ teuer", mahnt Börsenhändler Weber zur Vorsicht. Der Pay-TV-Sender bietet sie in der Preisspanne von 24 bis 28 Euro an. "Soll die Aktie nach dem Start nicht gleich wieder nach unten absacken, muss sie noch Luft nach oben haben", so der IPO-Experte. Premiere sei gut beraten, einen Ausgabepreis um 25 bis 26 Euro festzulegen und die Spanne nicht auszureizen.

Bislang laufen bei etwa einem Dutzend Firmen konkrete Vorbereitungen, um 2005 noch an die Börse zu gehen. Besonders optimistische Investmentbanker halten sogar bis zu 30 IPOs in diesem Jahr für möglich. Zum Vergleich die trostlose Bilanz der vergangenen Jahre: 2003 wagte sich kein einziges Unternehmen in Deutschland neu aufs Parkett, 2004 gerade mal fünf.

Börsen-Euphorie schon lange vorbei

Die Euphorie einstiger Boomzeiten, als Bundesbürger "blind" jede Aktie von Börsendebütanten zeichneten, ist schon lange vorbei. Im Ausland ist das IPO-Karussell dagegen wieder in Schwung. Allein in Großbritannien gab es 2004 über 100 Börsengänge. "In Deutschland läuft die Aktienkultur nach wie vor so: Finger verbrannt, der Anleger taucht ab", meint Weber.

"Wir glauben nicht an die Eisbrecherfunktion von Premiere", betont Markus Straub von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Seine Organisation spüre "die ganz extreme Zurückhaltung von Anlegern, die immer noch ihre Depotleichen von einst verdauen müssen". Straub warnt: "Es gibt nur wenig gute Neuemissionen." Die jüngste Vergangenheit habe gezeigt: "Im Schnitt endet ein IPO-Engagement in der Katastrophe".

Über 90 Prozent der IPOs brachten Verluste

Nach einer Untersuchung der Münchner Aktionärsschützer fuhr die Mehrzahl der Investoren in den letzten Jahren mit dem Kauf frischer Aktien verheerende Verluste ein. Über 90 Prozent aller Neuemissionen zwischen 1997 und 2004 seien im Minus gelandet, also unter den Ausgabepreis abgesackt, so Straub. Dabei habe die Hälfte der Börsenneulinge gut 70 Prozent an Wert verloren. "Nur rund 7 Prozent sind im Plus", berichtet der SdK-Sprecher. Er ist überzeugt: "Man muss sich schon sehr gut auskennen, wenn man mit IPOs Geld machen will."

Berrit Gräber/AP / AP