VG-Wort Pixel

Prestigeprojekt EU-Ratingagentur droht das Aus


Die Europäer kritisierten die US-Ratingagenturen für ihr Verhalten in der Finanzkrise - und planten den Aufbau einer eigenen. Die Beraterfirma Roland Berger hält das Projekt offenbar für gescheitert.
Von Heinz-Roger Dohms und Sven Clausen

Eines der wichtigsten Prestigeprojekte der europäischen Politik steht vor dem Scheitern. Nach Informationen der "Financial Times Deutschland" (FTD) glaubt die Beraterfirma Roland Berger nicht mehr daran, 300 Millionen Euro Startkapital für den Aufbau einer europäischen Ratingagentur zusammenzubekommen. Berger hatte vor allem auf die Unterstützung deutscher und französischer Großbanken gehofft, stieß jedoch auf wenig Interesse. Auch aus der deutschen Industrie kam Gegenwind: Der Spitzenverband BDI machte zuletzt Front gegen die Pläne.

Das Oligopol der amerikanisch geprägten Agenturen S&P, Moody's und Fitch dürfte damit auf Jahre hinaus zementiert bleiben. Ihr Marktanteil liegt bei 95 Prozent. Die drei hatten die Finanzkrise mitverursacht, indem sie zweifelhafte US-Hypothekenanleihen mit besten Bonitätsnoten versahen. Dadurch verstärkten sie die spekulative Blase bei sogenannten Subprime-Papieren, deren Platzen im globalen Finanzdesaster endete.

Politik setzte auf "Lex Berger"

Europäische Politiker werfen den US-Agenturen außerdem vor, durch die Herabstufung Griechenlands und anderer Schuldenländer zur Euro-Krise beigetragen zu haben. Der Aufbau einer europäischen Ratingfirma gilt daher in vielen EU-Hauptstädten als eine wesentliche Lehre aus den Krisen der vergangenen Jahre.

Zwar gibt es mehrere solcher Initiativen. Die Politik hatte aber bislang eindeutig auf das Berger-Projekt gesetzt. Ihm trauten Beteiligte am ehesten zu, in echte Konkurrenz mit den "großen drei" zu treten. Der im Herbst präsentierte EU-Entwurf zur Reform der Ratingbranche liest sich in Teilen wie eine "Lex Berger". Er sieht unter anderem ein Rotationsmodell vor - die Pflicht, die Agentur regelmäßig zu wechseln, was neuen Anbietern den Markteintritt erleichtern soll. Kritiker wie der BDI, die Europäische Zentralbank oder die Finanzaufsicht ESMA halten dies für nicht praktikabel.

Das von Berger-Partner Markus Krall erdachte Ratingkonzept hätte das Geschäftsmodell der Branche umgekrempelt. Anstelle der Emittenten, die Wertpapiere begeben, sollten die Investoren für Ratings bezahlen. So hätten die Agenturen keinen Anreiz mehr, sich mit übertrieben guten Noten Aufträge zu sichern. Unklar blieb, wie die Investoren dazu gebracht werden sollen, für die Ratings zu zahlen. "Viele potenzielle Geldgeber, die von Krall angesprochen sind, zweifeln, ob das Investorenzahlmodell funktionieren kann", sagte ein Brancheninsider.

Berger gibt Hoffnung nicht auf

Die Berger-Pläne sahen ein Stiftungsmodell vor. Insgesamt 30 Investoren aus der Finanzbranche sollten jeweils zehn Millionen Euro beisteuern. Nach fünf bis sieben Jahren sollte sich die neue Agentur so weit etabliert haben, dass die Geldgeber aus dem Cashflow heraus ausbezahlt werden können.

Auf Steuergelder wollte Berger eigentlich verzichten, um die Agentur nicht dem Verdacht der Staatsnähe auszusetzen. Nach FTD-Informationen fühlte die Beraterfirma zuletzt aber doch wegen einer möglichen Unterstützung in Berlin vor. Im Gespräch waren Einnahmen aus einer möglichen Finanztransaktionssteuer oder eine Zwangsabgabe der Wirtschaft.

Vertreter der schwarz-gelben Koalition lehnten eine staatliche Anschubfinanzierung ab. "Ich bin strikt dagegen, eine europäische Ratingagentur mit staatlichem Geld zu finanzieren", sagte Unionsfraktionsvize Michael Meister (CDU).

Die Beraterfirma Roland Berger hält dennoch zunächst am Aufbau einer europäischen Ratingagentur fest. Eine Sprecherin sagte: "Die Gespräche dazu laufen weiter." Sie räumte aber ein, dass bisher keine konkreten Zusagen für finanzielle Beiträge europäischer Banken vorlägen.

FTD

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker