Die Kurzvideo-Plattform Tiktok verstößt nach vorläufiger Einschätzung der EU-Kommission gegen EU-Regeln für Internetdienste. Tiktok nutze ein die Nutzer süchtig machendes Design, das nicht im Einklang mit den Regeln des Digital Services Act stehe, teilte die Brüsseler Behörde am Freitag mit.
Vorläufige Ergebnisse einer Untersuchung deuteten darauf hin, dass Tiktok in den Funktionen seines Dienstes Risiken für das körperliche und geistige Wohlbefinden seiner Nutzer nicht angemessen berücksichtige. Dies betreffe vor allem Minderjährige. Zu den beanstandeten Funktionen zählten unter anderem personalisierte Empfehlungssysteme, die etwa auf immer längeres Scrollen abzielten. Diese könnten zu zwanghaftem Verhalten führen und die Selbstkontrolle der Nutzer verringern. Kann der Onlineriese die Vorwürfe nicht ausräumen, drohen ihm empfindliche Strafen. Tiktok wies diese zurück.
Tiktok weist alle Vorwürfe zurück
Tiktok müsse seinen Dienst ändern, um Heranwachsende zu schützen, forderte die zuständige EU-Kommissarin Henna Virkkunen. Die Kommission hält die bestehenden Schutzmaßnahmen von Tiktok, wie Werkzeuge zur Begrenzung der Bildschirmzeit oder die Kindersicherung, für nicht ausreichend wirksam. Die Behörde fordert das Unternehmen auf, das grundlegende Design seines Dienstes zu ändern.
"Abhängigkeit von sozialen Medien kann schädliche Auswirkungen auf die sich entwickelnden Gehirne von Kindern und Jugendlichen haben", kritisierte Virkkunen. Es gehe darum, europäische Regeln durchzusetzen, um Bürgerinnen und Bürger online zu schützen.
Das soll sich bei Tiktok ändern
Die vorläufige Untersuchung der EU-Kommission fordert zum Beispiel diese Anpassungen:
- Die Einführung wirksamer "Bildschirmzeitpausen". Tiktok hole Nutzer derzeit auch nachts, wenn sie nicht online seien, mit Benachrichtigungen immer wieder auf die Plattform zurück. Derzeitige Zeit-Beschränkungen seien außerdem leicht zu umgehen.
- Änderungen daran, welche Inhalte den Nutzern empfohlen werden.
- Deaktivieren des "Infinite Scrolling". Damit ist gemeint, dass beim Scrollen in einem Dienst ständig neue Inhalte geladen werden, ohne dass der Nutzer zu Pausen gezwungen ist.
Tiktok hat nun die Möglichkeit, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Sollten sich die Bedenken der Kommission bestätigen, droht dem Unternehmen eine Geldstrafe von bis zu sechs Prozent seines weltweiten Jahresumsatzes. Die vorläufigen Ergebnisse greifen dem Ausgang des Verfahrens jedoch nicht vor.
EU-Kommission untersucht noch andere Plattformen
Eine Tiktok-Sprecherin wies die Vorwürfe der EU-Kommission als unbegründet zurück. "Die vorläufigen Ergebnisse der Kommission stellen unsere Plattform kategorisch falsch und völlig haltlos dar." Das Unternehmen werde sich mit allen Mitteln zur Wehr setzen.
Die Brüsseler Behörde untersucht derzeit verschiedene große Online-Plattformen. Der Digital Services Act (DSA) soll unter anderem die Einhaltung von Transparenzanforderungen sicherstellen. Er umfasst auch Maßnahmen zur Bekämpfung rechtswidriger Online-Inhalte. Das Regelwerk ist der US-Regierung unter Präsident Donald Trump sowie zahlreichen US-Techkonzernen ein Dorn im Auge.