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Prozess: Enron-Chefs schuldig gesprochen

Ende des Enron-Prozesses: Die beiden ehemaligen Firmen-Bosse Jeffrey Skilling und Kenneth Lay sind von der Jury schuldig gesprochen worden. Nun drohen ihnen lebenslange Haftstrafen.

Im Prozess um den spektakulären Zusammenbruch des US-Energiekonzerns Enron sind die beiden früheren Firmenchefs in den Hauptanklagepunkten schuldig gesprochen worden. Die einst von der Wall Street gefeierten Enron-Bosse Jeffrey Skilling und Kenneth Lay müssen sich nun darauf gefasst machen, den Rest ihres Lebens hinter Gittern zu verbringen. Die US-Regierung und Rechtsexperten zeigten sich am Donnerstag zufrieden: Das Urteil sende eine klare Botschaft an alle Manager und Aktiengesellschaften, dass Wirtschaftskorruption in den USA nicht toleriert werde. Über das Strafmaß in einem der bedeutendsten Wirtschaftsprozesse der US-Geschichte soll am 11. September entschieden werden.

Lebenslange Haft für Enron-Bosse wahrscheinlich

Die zwölf Geschworenen kamen in Houston zu dem Schluss, dass sich Lay und Skilling in ihrer Zeit als Führungskräfte bei Enron Verschwörung und Betrug zu Schulden kommen ließen. Zudem sah es die Jury als erwiesen an, dass sich Skilling auf Grund von Insider-Wissen über die finanzielle Misere des einst siebtgrößten US-Konzerns mit Aktienverkäufen persönlich bereichert hatte.

Mit dem Urteil der Geschworenen kann Richter Simeon Lake die beiden Angeklagten für Jahrzehnte ins Gefängnis schicken: Lay wurde in allen sechs Anklagepunkten wegen Betruges und Verschwörung schuldig gesprochen, womit dem 64-Jährigen eine Haftstrafe von bis zu 45 Jahren droht. Skilling wurde in 19 Anklagepunkten wegen Betruges, Verschwörung, Insider-Handels und Falschaussagen schuldig gesprochen. Damit muss sich der 52-Jährige auf eine maximale Strafe von 185 Jahren Gefängnis gefasst machen. Die Anwälte der Angeklagten kündigten an, das Urteil anzufechten. "Wir haben den Kampf gerade erst begonnen", sagte Skillings Verteidiger Daniel Petrocelli.

"Gott hat noch etwas anderes vor"

Als die Jury im Gerichtssaal ihr Urteil gegen Mittag verlas, blickte Skilling zu Boden. Lays Ehefrau Linda ergriff den Arm ihres Mannes. Nach dem Schuldspruch umringten Lay weinende Familienangehörige. Der Verurteilte blieb dagegen gefasst und sagte knapp: "Gott hat noch etwas anderes vor." Skilling erklärte, er und sein Team hätten vor Gericht einen guten Kampf abgeliefert. Es könne aber nicht immer alles nach Plan laufen. "Natürlich bin ich enttäuscht, aber so funktioniert das System nun einmal", sagte er.

Skilling bleibt gegen eine Kaution von fünf Millionen Dollar zunächst auf freiem Fuß. Lay muss seine Kaution von ebenfalls fünf Millionen Dollar noch hinterlegen und zudem seinen Personalausweis abgeben. "Ich lasse ihn nicht aus diesem Gebäude hinaus, bevor sein Pass hinterlegt ist", sagte Richter Lake. In einem Nebenverfahren wurde Lay zudem noch wegen Bankbetruges und illegaler Börsengeschäfte in vier Punkten schuldig gesprochen. Pro Anklagepunkt drohen Lay hierbei noch einmal Haftstrafen von je 30 Jahren. Juristen schätzen jedoch, dass Lay im Nebenprozess zu maximal zwei Jahren verurteilt wird, weil er den betroffenen Banken alle Kredite zurückbezahlt habe.

Ex-Finanzchef belastet seine ehemaligen Chefs schwer

In dem Hauptverfahren hatten Lay und Skilling wiederholt ihre Unschuld beteuert und vor allem den geständigen Ex-Finanzchef Andrew Fastow für die Bilanzierungstricks und Gewinnmanipulationen verantwortlich gemacht. Zudem gaben sie der Presse und habgierigen Investoren eine Mitschuld an dem Niedergang der Firma. Fastow war in dem knapp vier Monate dauernden Prozess als Hauptzeuge der Anklage aufgetreten und hatte seine ehemaligen Chefs schwer belastet.

Nach dem Bankrott von Enron im Dezember 2001 verloren mehr als 4000 Beschäftigte ihre Arbeitsplätze. Milliarden von Dollar in den Pensionskassen der Mitarbeiter gingen verloren. Anleger mussten mit ansehen, wie ihre Enron-Aktien von einstmals fast 90 Dollar bis auf wenige Cent abstürzten. Die Wall Street war schockiert.

"Urteil ist ein Sieg der Gerechtigkeit"

Die Enron-Pleite und weitere Bilanzskandale führten schließlich zu dem Sarbanes-Oxley-Gesetz, das strengere Bilanzierungsregeln und härtere Kontrollen für börsennotierte US-Unternehmen brachte. "Heute hat die Gerechtigkeit gesiegt", sagte der Republikaner Michael Oxley, der dem Reformgesetz den Namen gab. "Die Urteile der Jury helfen dabei, ein dunkles Kapitel in der Geschichte der öffentlich gehandelten Firmen in Amerika zu schließen." Auch die US-Regierung zeigte sich zufrieden mit den Schuldsprüchen in Texas. Korruption in Führungsetagen habe keine Chance in den USA.

Wegen der massiven Auswirkungen auf Angestellte und Anleger war der Fall Enron auch über die Grenzen der USA hinaus zum Inbegriff von Wirtschaftskriminalität und unternehmerischer Arroganz geworden. Er erregte aber auch deshalb großes Aufsehen, weil Lay als Förderer der Republikanischen Partei ein enger Freund von US-Präsident George W. Bush und dessen Familie in Texas war. Bush pflegte Lay mit dem Spitznamen "Kenny-Boy" zu rufen.

Reuters / Reuters