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Schließung von Drogeriefilialen: Zum letzten Mal Schlecker-Shampoo

Am Samstag sind bundesweit 2200 Schlecker-Filialen endgültig geschlossen worden. In Forstinning, einem Dorf vor den Toren Münchens, wurde es ein leiser und trauriger Abschied.

Von Malte Arnsperger, Forstinning

Die Sonne scheint, ein Traktor knattert vorbei, ein Hahn kräht. Forstinning erwacht zu einem normalen Samstag im März. Um 7.43 Uhr zückt Ute Uhlig ihren Schlüsselbund mit dem grünen Band, zum letzten Mal schließt sie ihre Schlecker-Filiale auf. Eine leicht süßliche Duftmischung von Duschgel, Wunderbaum und Gesichtscreme umhüllt die 51-Jährige, während sie an den vielen leeren Regalen vorbei läuft. Im Mitarbeiterbüro legt die Filialleiterin ihre Jacke ab, rückt den weißen Schlecker-Kittel zurecht. Zum letzten Mal holt sie die beiden Kassenladen aus dem Tresor. Über ihr hängt ein umgedrehtes Bild. Es ist das Porträt von Anton Schlecker mit seiner Frau Christa. "Das habe ich vor ein paar Tagen umgedreht, als uns die Schließung mitgeteilt wurde", sagt Uhlig. "Ist ja nicht mehr mein Chef."

Das Foto des Ehepaars Schleckers hing jahrzehntelang in wohl allen Filialen der Drogeriekette in ganz Deutschland. Es ist eine Tradition, es gehört zu jeder Verkaufsstelle, so wie das Rilanja-Shampoo oder die AS-Geschirrspültabs. Auch die Schlecker-Geschäfte gehörten wie selbstverständlich zum Ortsbild vieler Gemeinden, in Forstinning seit 1998. Doch nun wird die Filiale in dem 3500-Einwohner-Dorf vor den Toren Münchens - wie 2200 weitere republikweit - endgültig geschlossen.

In ihrem Schlecker-Kittel, den kurzen roten Haaren, dem freundlichen Gesicht, sieht Ute Uhlig aus wie man sich die typische Schlecker-Mitarbeiterin vorstellt. Und so wie rund 11.000 weitere sogenannte "Schlecker-Frauen", hat Uhlig an diesem 24. März 2012 ihren letzten Arbeitstag. Aber anders als viele von ihren Kolleginnen hat Uhlig selber gekündigt, sie fängt demnächst bei einer Baufirma als "Gebäudemanagerin" an. "Ich habe sehr mit mir gerungen. Aber man weiß ja nicht, wie es mit der Firma Schlecker weitergeht. Die Unsicherheit ist mir einfach zu groß." Fast zehn Jahre lang hat die gebürtige Chemnitzerin für die Drogerie-Kette gearbeitet, seit November 2011 als Filialleiterin in Forstinning, ihrem Wohnort. "Es ist schon ein komisches Gefühl nach so langer Zeit", sagt sie und schiebt sechs Einkaufswägen mit Schlecker-Logo vor die Tür. "Ich hätte nie gedacht, dass es mit dem Schlecker mal so den Bach runtergeht."

Schlange stehen beim Schlussverkauf

Seit Tagen herrscht Ausverkauf in den von der Schließung betroffenen Filialen. 30 Prozent Rabatt gibt es auf alle Artikel, manche sind sogar um die Hälfte günstiger. Am ersten Tag des Schlussverkaufs seien die Kunden an der Kasse Schlange gestanden, erinnert sich Uhlig. "So viele Leute habe ich noch nie in einer Schlecker-Filiale gesehen." Sie geht vorbei an dem Regal, in dem bisher dutzende verschiedene Waschmittel-Produkte standen. Vier Tuben Fleckenentferner, eine Packung "Anti-Grau-Tücher" und eine Flasche Bügelwasser haben die Schnäppchenjäger übrig gelassen. Ähnlich sieht es ein Regal weiter bei den Süßwaren und den Getränken aus, kaum noch etwas bedeckt das weiße Metall, einsam steht die letzte Dose Mezzo-Mix neben zwei Flaschen Sekt, fast schon traurig sehen die beiden verbliebenen Schokoladen-Ostereier aus.

Um acht Uhr, pünktlich zur Ladenöffnung, tritt Ute Engelhardt in die Filiale. Sie ist eine Teilzeitkraft, arbeitet auf 400 Euro-Basis. Bislang zumindest. "Ich habe noch keine Kündigung bekommen, aber ich rechne fest damit", sagt die 49-Jährige, die seit eineinhalb Jahren bei Schlecker ist. "Gott sei dank bin ich auf das Geld nicht angewiesen. Aber ich bin schon traurig, es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Und ich hatte eine wirklich gute Chefin", sagt sie und blickt zu Ute Uhlig. Die hat einen leeren Karton für Milchschokoladeneier in der Hand. Sie ringt mit den Tränen, wischt sich über die Augen und steckt den Karton wortlos in den Mülleimer unter der Kasse.

Im Nachbarort hat Schlecker schon geschlossen

Die erste Kundin am letzten Tag kommt um 8.12 Uhr. Die alte Dame blickt sich suchend um, geht die Regale ab, greift nach einem Duschgel. 1,49 Euro zeigt die Kasse an. "Ich komme aus dem Nachbarort, da hat der Schlecker schon zugemacht", sagt die 73-Jährige. "Es ist schon blöd, dass die Läden alle schließen. Ich war es gewohnt, beim Schlecker Waschmittel, Shampoo und so was zu kaufen. Jetzt muss ich viel weiter fahren. Und besonders tut es mir für die Angestellten leid." Die beiden Schlecker-Frauen nicken.

Stetig kommen Kunden in den Laden, kaufen Katzenfutter für 1,39 Euro, stecken sich die letzten Shampoo-Flaschen unter den Arm, suchen vergeblich nach schwarzen Strümpfen. Die beiden Schlecker-Mitarbeiterinnen bekommen immer wieder ein aufmunterndes "Euch alles Gute" zugeworfen, manche Stammkunden verteilen sogar kleine Streicheleinheiten. Uhlig und Engelhardt nehmen sich Zeit, beraten minutenlang einen Mann, dessen gewohnter Nassrasierer ausverkauft ist. "Ich war immer gerne bei euch", sagt er. "Die Beratung ist viel besser als woanders." 18,53 Euro kostet sein neues Rasierermodell inklusive Klingen. 1,47 Euro will ihm Engelhardt auf den Zwanzig-Euro-Schein rausgeben. "Ah, die sieben Cent, brauche ich nicht" sagt er, nimmt das restliche Rückgeld und strebt dem Ausgang zu. "Es tut mir echt leid für euch. Aber ich kann euch ja nicht helfen." Engelhardt legt die sieben Cent auf die Kasse, ihre Chefin sagt: "Trinkgeld dürfen wir nicht annehmen. Das ist Vorschrift."

Um 14.00 Uhr ist alles vorbei

Um 12.41 Uhr fängt Ute Engelhardt damit an, die Aufkleber von der Eingangstür zu entfernen. "Stop. Überfall lohnt sich nicht. Kassengeldbestände sind gering gehalten", steht auf einem. Uhlig steigt auf eine Leiter und dreht die Heizungskörper aus. "Ist ja gleich keiner mehr hier drin", sagt sie. Um 13.46 Uhr tritt der letzte Kunde der Schlecker-Filiale in Forstinning durch die Tür. "Habt’s ihr noch ’n Feuerzeug", fragt Gerhard Holleriet. "Das ist ein Stammkunde", sagt Engelhardt und legt dem Mann mit dem Dreitagebart zwei Feuerzeuge hin, ein grünes und ein buntes mit Glückskäfern drauf. 1,41 Euro zahlt Holleriet für die Feuerzeuge und eine Flasche Wasser. Er streicht Uhlig über die Schulter und verabschiedet sich in tiefstem bayerisch: "pfiat eich." Uhlig stützt sich auf das Kassenband, blickt ihrem letzten Kunden nach. "Gespenstisch, schrecklich", sagt sie, während ihre Kollegin die Fenster mit Plastikplanen abklebt.

Dann schlägt die Kirchturmuhr gegenüber zweimal und Uhlig schiebt die Einkaufswagen mit dem blau-weißen Schlecker-Logo wieder zurück in die Filiale.

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