Siemens Ende der Schonzeit in Erlangen


Bisher war Erlangen ein Synonym für Siemens. Doch nun geht es auch dem Geburtsort Heinrich von Pierers an den Kragen. Über 1000 Stellen werden abgebaut, obwohl sich die Mittelfranken vor Aufträgen kaum retten können.
Von Angela Maier, Erlangen

Auf dem Platz vor der neuen Siemens-Kantine im Röthelheimpark in Erlangen tummeln sich die Mitarbeiter in kleinen Grüppchen. Sie trinken Kaffee, essen Eis. Wie immer. Nur die Stimmung ist nicht mehr die alte. Das Fernsehen war schon da. Aber erzählen will kaum einer etwas. Aus Angst vor Konsequenzen. Und auch aus Loyalität.

Seit Wochen kursieren Gerüchte über den geplanten Stellenabbau bei Siemens. Nun ist es amtlich: Fast 17.000 Stellen will Siemens-Chef Peter Löscher weltweit streichen, das sind drei Prozent aller Arbeitsplätze. Die Stadt Erlangen, seit jeher der industrielle Kern des weitverzweigten Konzerns, trifft es besonders hart: 1350 der knapp 23.000 Mitarbeiter sollen gehen, fast sechs Prozent. Das ist ein Schock für den Ort, der praktisch jahrzehntelang als Synonym für den Konzern stand. Und auch deshalb bisher von Kahlschlägen weitgehend verschont blieb.

Eine Betriebsversammlung jagt die nächste

Seit vergangenem Dienstag jagt eine Betriebsversammlung die nächste, zum Teil müssen die Veranstaltungen wegen Überfüllung geschlossen werden. "Die Stimmung ist sehr schlecht", sagt Wolfgang Niclas, erster Bevollmächtigter der IG Metall Erlangen. Unter den Mitarbeitern kursiert das digitale Foto einer Tasse mit einem vertikalen Aufdruck des Firmennamens SIEMENS - und dessen Interpretation: "Suche In Einem Monat Eine Neue Stelle."

Siemensianer zu sein, das war immer was, vor allem in Erlangen. 104.000 Menschen leben in der Stadt. Hier reiht sich ein Siemens-Gebäude an das andere: Bürohäuser und Werke des Kraftwerksbaus im Süden, ganze Straßenzüge voller Gebäude für die Medizintechnik im Osten, dazu Stromübertragung, Verkehrstechnik, Automation und Antriebstechnik (A&D), Industrielösungen über die übrigen Stadtgebiete verteilt. Inklusive Zulieferern arbeiten etwa 30.000 Menschen für Siemens, das entspricht in Erlangen fast jedem dritten Arbeitsplatz.

Autogramme geben beim Bier

Erlangen war immer Siemens-Town. Heinrich von Pierer, der langjährige Chef, ist hier geboren und nie weggezogen. 18 Jahre saß er im Stadtrat. Seine ehemaligen Kollegen Erich Reinhardt, Jürgen Radomski und Klaus Wucherer wohnen in Erlangen oder der Region. Auch von Pierers Nachfolger als Siemens-Chef, Klaus Kleinfeld, ist in der mittelfränkischen Stadt gut bekannt - aus seiner Zeit in der Führung der Medizintechnik. Auf der traditionellen "Bergkirchweih" im Frühjahr traf sich regelmäßig die Konzernspitze. Beim Bier gaben von Pierer und Ex-Finanzchef Heinz-Joachim Neubürger auch gern mal Autogramme.

Nirgendwo wurde die Siemens-Familie so gelebt wie in der kleinsten Großstadt Bayerns. Von Pierer plauderte in der Kantine mit den Mitarbeitern. Noch heute hat jeder Siemens-Pensionär eine Karte für die Kantine. "Ein Stück weit war Siemens wie ein inhabergeführtes Unternehmen", sagt Konrad Beugel, seit acht Jahren Wirtschaftsreferent der Stadt und ein Siemens-Kind: Sein Vater fing 1960 bei Siemens an und blieb dort bis zur Rente.

Das Ende der Gemütlichkeit

Doch nun ist es endgültig vorbei mit der Gemütlichkeit. Von Pierer und die anderen Schutzpatrone der Erlanger sind aus der Konzernspitze ausgeschieden, weggespült von der Korruptionsaffäre. Seit gut einem Jahr ist Peter Löscher im Amt, geboren in Kärnten und in der Welt zu Hause.

Siemens habe im Konkurrenzvergleich viel zu hohe Verwaltungskosten, begründet Löscher seine jüngsten Maßnahmen. Diese jetzt zu senken solle den Konzern wetterfest machen gegen die bevorstehende Eintrübung der Konjunktur. Die Mitarbeiter in Erlangen können damit nicht viel anfangen. Die Auftragslage ist in vielen Bereichen so gut wie selten. Auch die Medizinsparte kommt kaum noch nach. Um die Auftragsflut zu bewältigen, bedient sich Healthcare der Mithilfe von Leiharbeitern. Der Bereich erwirtschaftet inzwischen rund ein Viertel des gesamten Konzerngewinns. Doch auch hier soll nun kräftig an Personalkosten gespart werden. "Dass ausgerechnet jetzt massiv Stellen abgebaut werden, versteht hier kein Mensch", sagt ein Siemensianer. "Jetzt herrscht hier der amerikanische Führungsstil vor: Hire and Fire."

Höhepunkt einer schleichenden Entwicklung

Es ist der vorläufige Höhepunkt einer schleichenden Entwicklung. Auch unter von Pierer stand Erlangen, wie es Gewerkschafter Niclas formuliert, nicht unter "Artenschutz". Aber "es war sicher von Vorteil, dass er die Struktur hier sehr gut kannte". So hielt der ehemalige Chef Ende der 90er-Jahre gegen den Rat vieler Kritiker an der Medizintechnik fest, die damals tief in der Krise steckte. Er sorgte auch dafür, dass ein neues Werk für Magnetresonanztomografen in Erlangen gebaut wurde - gegen harte Konkurrenz aus Großbritannien, aber mit intensiver Unterstützung der Belegschaft und der Stadt.

Doch in den vergangenen Jahren bekamen die Familienbande leichte Risse. Die Zeiten, in denen ein Arbeitsplatz bei Siemens so sicher war wie ein Beamtenjob, beendete von Pierer, als er dem behäbigen Großkonzern Ende der 90er-Jahre ein Zehnpunkteprogramm für mehr Rendite verordnete. Seither wurden in Deutschland weitere Stellen gestrichen, zugunsten von Arbeitsplätzen im Ausland, wo der Siemens-Konzern mehr als vier Fünftel seiner Umsätze erlöst.

Nach dem Umbau der Konzernspitze 2007 mussten die Erlanger in diesem Jahr einen weiteren Schlag verkraften: Erich Reinhardt, der langjährige Chef der Medizintechnik, trat vor drei Monaten zurück. "Reinhardt war die Seele der Medizintechnik", sagt Gewerkschafter Niclas. Der Nachfolger Jim Reid-Anderson geht die neue Aufgabe anders an: Der Brite lebt mit seiner Familie in Lake Forest im US-Staat Illinois und will dort auch bleiben. Bei seinem Amtsantritt versprach er noch, dass die Medizinsparte in der fränkischen Provinz bleibe, er sich dort einen Schreibtisch einrichte und Deutsch lerne. Die beiden letzteren Punkte sind bereits in Vergessenheit geraten. Und nun fürchten Arbeitnehmervertreter, der neue Chef werde sich vielleicht auch bald an den ersten nicht mehr erinnern. Dass die Fernsteuerung aus den USA funktionieren wird, daran gibt es Zweifel. "Es ist kaum möglich, einen Weltmarktführer so zu managen", glaubt ein altgedienter Siemens-Manager.

Löschers neuer Stil sorgt für Unruhe

Für weitere Unruhe im Konzern sorgt vor allem Löschers neuer Stil. "Umstrukturierungen gab es bei Siemens ständig", sagt ein älterer Medizintechnikmitarbeiter. Für das Ziel, die Verwaltung zu verschlanken und die Prozesse zu vereinfachen, erhält der Chef sogar Beifall aus der Belegschaft. "Aber warum kann man das nicht geräuschloser machen?", fragt der Mann. "Es geht doch nur um 1,2 Mrd. Euro Einsparungen." Allein die Strafe, die Siemens wegen der Korruptionsvergehen von der US-Börsenaufsicht SEC droht, werde mindestens so groß sein.

Selbst IG-Metall-Mann Niclas will nicht verneinen, dass an manchen Ecken Personalkürzungen nötig sind. "Aber da, wo es brummt, wo Überstunden geschoben werden, kann man doch keine Stellen abbauen." Er hat für Löschers Vorgehen, auch angesichts des stark erodierenden Kurses der Siemens-Aktie, nur eine Erklärung. "Löscher will der Börse imponieren und ein Ausrufezeichen setzen: Ich ziehe das Ding durch", glaubt der Gewerkschafter.

Kein Wort des Bedauerns

Mit seinem Auftritt am vergangenen Dienstag hat Löscher nichts gegen diesen Ruf getan. Kein Wort des Bedauerns kommt über seine Lippen, als er die Abbaupläne in München der Presse vorstellt. In einem am selben Tag versandten Brief an alle Mitarbeiter argumentiert der Siemens-Chef ausschließlich mit formellen und ökonomischen Erfordernissen. Nur ein einziges Mal, ganz am Schluss, in den letzten Zeilen, spricht er seine Mitarbeiter persönlich an - mit einer Phrase: "Lassen Sie uns die vor uns liegende Phase auf Basis unserer gemeinsamen Werte entschlossen und verantwortungsbewusst angehen."

Seine Kommunikationspolitik wird ihm nun schwer angekreidet. "Löscher hat einen Fehler gemacht, den Abbau so lange ohne konkrete Zahlen anzukündigen", schimpft ein Siemensianer. "Danach kamen Zahlen raus, die nicht hinterlegt waren und ohne dass es darüber zuvor Gespräche mit dem Betriebsrat gegeben hätte. Jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen. Jetzt sind die Mitarbeiter nicht nur nervös, sondern auch aufgebracht."

Mitarbeiter und Manager haben genug

Nicht nur die Mitarbeiter, auch viele Manager haben genug. Vor zwei Wochen meldete Siemens den Rücktritt des langjährigen Industrielösungenchefs Joergen-Ole Haslestad. Auch den Norweger hatten die Erlanger längst in ihr Herz geschlossen. Haslestad wohnte viele Jahre mit seiner Familie in Erlangen, auch er war regelmäßiger Gast auf der Bergkirchweih, auch noch in diesem Jahr. Vergangenen Herbst war schon der Erlanger A&D-Chef Helmut Gierse freiwillig gegangen, da er in Löschers neuem Personaltableau keinen adäquaten Platz mehr fand.

Noch hält sich die Sorge des Wirtschaftsreferenten Beugel in Grenzen. Schließlich steht Erlangen mit einer Arbeitslosenquote von 3,7 Prozent so gut da wie kaum eine andere bayerische Großstadt. Außerdem hat Löscher Erlangen formell sogar gestärkt: Neben den traditionell dort verankerten Geschäftsfeldern Energie und Medizintechnik wird auch der neu gebildete Industriesektor von der mittelfränkischen Stadt aus geführt, der mit 40 Mrd. Euro Umsatz größte Siemens-Bereich. Auch von den unterhalb der Sektoren angesiedelten 15 Divisionen haben elf ihren Sitz in Erlangen, so viele wie noch nie.

"Jetzt spürt man Angst"

Doch auch Beugel sind die Veränderungen in der Stadt nicht entgangen. "Wir kennen Siemens bislang als Unternehmen, das Gewinnstreben, Shareholder-Value und soziale Verantwortung in der Balance gehalten hat", sagt der Wirtschaftsreferent. "Das hat unter Heinrich von Pierer funktioniert, und auch bei Klaus Kleinfeld. Jetzt spürt man die Angst, dass sich das zugunsten des Shareholder-Value verschiebt." Einen persönlichen Eindruck von dem Siemens-Chef hat Beugel allerdings nicht. "Löscher ist nicht so viel da. Er ist ja kein Erlanger."

FTD

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