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Forderung nach Rezeptpflicht: Forscher warnen erneut vor Paracetamol

Paracetamol ist günstig, rezeptfrei und gilt auch in der Schwangerschaft als unbedenklich. Doch neue Studien zeigen, dass sich das Schmerzmittel negativ auf ungeborene Kinder auswirken kann.

Soll es Paracetamol künftig nur noch auf Rezept geben? Das Schmerzmittel wird ohnehin nicht mehr in Großpackungen rezeptfrei verkauft

Soll es Paracetamol künftig nur noch auf Rezept geben? Das Schmerzmittel wird ohnehin nicht mehr in Großpackungen rezeptfrei verkauft

Paracetamol ist das meistverkaufte Medikament in Deutschland - und das vielleicht am heftigsten umstrittene zugleich. Bei chronischem Gebrauch kann das Schmerzmittel Leber und Nieren schädigen und das Risiko für Magengeschwüre, Herzleiden und Schlaganfälle erhöhen. Seit fünf Jahren ist das Arzneimittel daher nur noch in kleinen Dosen erhältlich, pro Patient darf nur noch eine Packung mit insgesamt zehn Gramm Wirkstoff verkauft werden.

Kay Brune, Pharmakologe an der Universität Erlangen-Nürnberg, setzt sich schon seit Jahren für eine kontrollierte Ausgabe des Medikaments ein. Vor vier Jahren warnte er in der Ärztezeitung vor Risiken, vor allem für Schwangere und ältere Menschen. Er forderte, dass Paracetamol nicht mehr rezeptfrei käuflich sein dürfe - auch deshalb, weil dadurch der Glaube, es handele sich um ein harmloses, verträgliches und ungefährliches Schmerzmittel, gefestigt würde, so Brune.

Nun hat Brune mit einem Team des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) seiner Forderung durch eine neue Übersichtsarbeit Nachdruck verliehen. In der Studie, die im "European Journal of Pain" erschienen ist, erörtern die Wissenschaftler die Frage, welche Nebenwirkungen Paracetamol in den empfohlenen Mengen von höchstens vier Gramm täglich hat. Dazu werteten sie die Ergebnisse der jüngsten Forschung aus.

Paracetamol als Risikofaktor für ADHS

In einer diesjährigen dänischen Studie etwa wurden 64.322 Kinder, die zwischen 1996 und 2002 geborenen wurden, sowie ihre Mütter untersucht. Mehr als die Hälfte der Frauen hatte während der Schwangerschaft regelmäßig Paracetamol eingenommen. Ihre Kinder litten später häufiger unter hyperkinetischen Erkrankungen, ADHS oder zeigten Verhaltenauffälligkeiten. Die Auffälligkeiten seien dabei unabhängig vom physischen und psychischen Gesundheitszustand der Mutter aufgetreten. Für Kinder im elften Lebensjahr ist das Risiko an einer ADS- oder ADHS-ähnlichen Störung zu erkranken demnach um mehr als 30 Prozent höher, wenn Paracetamol während der Schwangerschaft eingenommen wurde.

Zu ähnlichen Ergebnissen kam eine weitere Studie aus Norwegen. Darin erhoben die Forscher zwischen 1999 und 2008 die Daten von 48.631 Kindern von der Zeit im Mutterleib bis zu ihrem dritten Lebensjahr. Kinder, die während der Schwangerschaft mehr als 28 Tage dem Medikament ausgesetzt waren, wiesen häufiger eine Störungen in der motorischen Entwicklung, dem Kommunikationsverhalten, dem Sozialverhalten nach außen und nach innen und zudem eine verstärkte Hyperaktivität auf.

Frauen vor Risiken warnen

Bedenken an der Sicherheit von Paracetamol äußern auch andere Mediziner, wie Hartmut Göbel, Leiter der Schmerzklinik Kiel. Vor dem Hintergrund der jüngsten skandinavischen Studienergebnisse, sowie der "vielfältigen Hinweise", dass Paracetamol auch mit Hodenhochstand und Asthma bei vorgeburtlicher Exposition einhergehen könne, sei die Empfehlung an Schwangere wissenschaftlich nicht mehr länger haltbar. Es sei unabdingbar, so Göbel, dass Frauen auf die jetzt bekannten Risiken eindeutig hingewiesen würden, schreibt er auf der Seite seiner Klinik.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hatte im Jahr 2012 Paracetamol bei therapeutischer Einnahme als unbedenklich deklariert und abgelehnt, das Medikament der Verschreibungspflicht zu unterstellen. Damit habe das Institut die langanhaltende Diskussion auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt, lobten Pharmahersteller damals.

Grundsätzlich empfehle das BfArM Paractemaol aber nur in der niedrigsten wirksamen Dosis, sagte Sprecher Maik Pommer jetzt Spiegel Online. "In der Schwangerschaft sollte Paracetamol nur bei dringender Notwendigkeit angewendet werden."

Im Zweifel für das ungeborene Leben

Noch könne der Zusammenhang zwischen einer Paracetamol-Exposition in der Schwangerschaft und den genannten Risiken nicht eindeutig belegt werden, räumt Göbel ein. Bis zur finalen Klärung sollten Mütter sich im Zweifel aber für das ungeborene Leben und gegen die Einnahme von Paracetamol, insbesondere in Kombination mit anderen Schmerzmitteln, entscheiden.

Alternativ und vor dem Hintergrund, dass Paracetamol ohnehin nur eine geringe, nachweisbare Wirkung gegen Kopf- und Gliederschmerzen habe, empfiehlt Göbel Schwangeren den Arzneistoff Ibuprofen. Im ersten und zweiten Schwangerschaftsdrittel könne es ohne die genannten Risiken eingenommen werden. Im dritten Trimenon sollte jedoch auch darauf komplett verzichtet werden.

Mirja Hammer

Wissenscommunity