HOME

Diskussion um Paracetamol: "Warnungen ähnlich wie auf Zigarettenschachteln"

Aufgrund einer neuen Paracetamol-Studie fordern einige Experten die Rezeptpflicht für Schmerzmittel. Der Mediziner Hartmut Göbel dagegen plädiert für mehr Selbstverantwortung und bessere Aufklärung.

Von Mirja Hammer

Schmerzlinderer oder Teufelszeug? Derzeit entflammt wieder eine Diskussion über Paracetamol und andere Wirkstoffe.

Schmerzlinderer oder Teufelszeug? Derzeit entflammt wieder eine Diskussion über Paracetamol und andere Wirkstoffe.

Eine neue Studienanalyse, erschienen im "European Journal of Pain", hat die Diskussion um Paracetamol und andere Schmerzmittel wieder einmal in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Frauen, die während der Schwangerschaft regelmäßig Paracetamol eingenommen hatten, erhöhten das ADHS-Risiko für ihr ungeborenes Kind um rund 30 Prozent. So lauten die Ergebnisse der Studie, für die der Pharmakologe Kay Brune von der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitarbeiter des Universitätsklinikum Hamburg verschiedene Studien zusammengetragen hatten.

Für Brune, der schon lange vor einem allzu lapidaren Umgang mit Schmerzmitteln warnt, bestätigte sich damit einmal mehr, was er seit Jahren fordert: Schmerzmittel wie Paracetamol und Aspirin bedingungslos unter Rezeptpflicht zu stellen. Paracetamol würde heute nicht mehr zugelassen werden - auch nicht auf Rezept, sagte der Pharmakologe dem Focus. Selbst die erlaubte Höchstmenge von vier Gramm am Tag könne zu schweren Leberschäden führen, die doppelte Dosis bereits zu Leberversagen.

Seit 2009 ist Paracetamol daher nur noch in kleinen Dosen rezeptfrei zu haben - Packungen mit bis zu 20 Tabletten à 500 Milligramm Wirkstoff sind weiterhin frei verkäuflich.

Schmerzmittel genießen ein gutes Image

Der Deutsche schluckt im Schnitt 37 Einzeldosen Schmerzmittel pro Jahr, rund 60 Prozent nehmen regelmäßig Schmerzstiller wie Paracetamol, Ibuprofen oder Aspirin oder Triptane zur Migränebehandlung zu sich. Einen Arzt konsultiert nur die Hälfte der Betroffenen, die andere behandelt ihre Kopfschmerzen über Selbstmedikation außerhalb des professionellen medizinischen Systems.

Der rezeptfreie Zugang zu einem Schmerzmittel lasse den Übergebrauch steigen, sagt Hartmut Göbel, Leiter der Schmerzklinik Kiel. "Insbesondere wenn sie so billig sind wie heute: 20 Tabletten Paracetamol sind für weniger als einen Euro zu bekommen. Die Hemmschwelle, eine Tablette gegen den Kopfschmerz einzunehmen, sinkt."

Freiverkäufliche Schmerzmittel genießen ein harmloses bis gutes Image - für manche gar den Status eines Lifestyle-Produkts. Neben ihrer schmerzlindernden Wirkung versprächen sich viele Menschen von ihrer Einnahme eine Leistungssteigerung. Verharmlost würde dabei aber, dass es sich um wirksame Medikamente handelt, die auch Nebenwirkungen haben, warnt Göbel.

Warum es keine strengeren Kontrollen gibt

Doch wenn die Faktenlage so eklatant ist, wie Göbel und vor allem Brune Glauben machen, weshalb werden ASS und Paracetamol dann nicht von Hersteller- oder Regierungsseite stärkeren Kontrollen unterzogen? Brune glaubt, die Hersteller interessierten sich nicht an einer weiteren Forschung der Wirkstoffe, da sie beide patentfrei seien. Keiner wolle Kosten für wissenschaftliche Studien aufbringen, von denen dann auch die Konkurrenz profitieren würde, sagte er dem Focus.

Aus gesundheitspolitischer Sicht spräche auch vieles dafür, Aspirin und Paracetamol nicht unter Rezeptpflicht zu stellen, sagt Göbel. Die Selbstmedikation müsse vom Patienten schließlich bezahlt werden und belaste das Gesundheitssystem daher nicht direkt.

Anders als Brune lehnt Göbel die Selbstmedikation mit Schmerzmitteln nicht ab. Paracetamol sei in normaler Dosierung ein sehr gut verträgliches Schmerzmittel, das durch die beschlossene Rezeptpflicht in eine fragwürdige Diskussion hineingeraten sei, sagte er damals dem stern

Nichtmedikamentöse Behandlung vorziehen

In der nun neu entfachten Diskussion appelliert er an die Eigenverantwortung der Patienten und den Aufklärungsauftrag der Ärzte. Wer zum Beispiel häufiger als an zehn Tagen im Monat ein Schmerzmittel gegen Kopfschmerzen benötige, sollte unbedingt beim Arzt abklären lassen, was die Schmerzen verursache. Gemeinsam gälte es ein Konzept über die Art und Entstehung des Schmerzes zu entwickeln.

Sprich: Arzt und Patient sollten zusammen erörtern, wie individuelle Auslösefaktoren - etwa Schlafmangel oder falsche Ernährung - vermieden werden könnten. Nichtmedikamentöse Behandlungsstrategien seien erstmal vorzuziehen. Entspannungstrainings und regelmäßiger, leichter Ausdauersport beispielsweise könnten viele der chronischen Kopfschmerzproblematiken lösen.

Seien die Ursache des Schmerzes bekannt, die Merkmale gleichbleibend und alle nichtmedikamentösen Behandlungsmethoden ausgeschöpft, so spräche auch nichts gegen eine Selbstmedikation mit Schmerzmitteln. Dies setze jedoch eine Kenntnis von Einnahmemenge, Wirkung, Risiken und Nebenwirkungen voraus. Daran scheitere es bislang in der Praxis häufig, nicht zuletzt, weil die Beipackzettel schwer verständlich seien. Auf das Problem des Übergebrauchskopfschmerzes etwa würde nicht klar hingewiesen. Der bei weitem häufigste Grund für eine Chronifizierung der Migräne sei aber ein Übergebrauch spezifischer Migräneakutmedikamente oder Schmerzmittel.

Göbel spricht sich daher für deutlichere Warnhinweise aus, ähnlich wie auf Zigarettenschachteln. Ginge es nach ihm, würde auf Verpackungen zukünftig etwa stehen: "Wenn Sie Sie das Medikament an 10 und mehr Tagen im Monat einnehmen, können Ihre Kopfschmerzen zunehmen und dauerhaft werden".

Mirja Hammer

Wissenscommunity