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Verschreibungspflicht für Paracetamol: Wichtiger als ein Rezept ist die (Eigen-)Verantwortung

Studien zeigen, dass Paracetamol sich negativ auf Ungeborene auswirken können. Die Forderung nach einer Rezeptpflicht steht im Raum. Doch sie löst das Problem nicht.

Ein Kommentar von Bernhard Albrecht

Soll es Paracetamol künftig nur noch auf Rezept geben? Das Schmerzmittel wird ohnehin nicht mehr in Großpackungen rezeptfrei verkauft

Soll es Paracetamol künftig nur noch auf Rezept geben? Das Schmerzmittel wird ohnehin nicht mehr in Großpackungen rezeptfrei verkauft

Stellen Sie sich vor, Sie haben einige Gläser Wein getrunken und erwachen mit einem Brummschädel. Auf dem Weg zur Arbeit halten Sie kurz an der Apotheke, wollen sich eine Packung Paracetamol holen und bekommen zu hören: Sorry, nur noch auf Rezept. Genau das fordert der Erlanger Pharmakologe Kay Brune, der seit Jahren vor einem zu sorglosen Umgang mit nicht verschreibungspflichtigen Schmerzmedikamenten warnt.

Er bezieht sich unter anderem auf zwei großangelegte Studien aus Dänemark und Norwegen, die bisher unerkannte Risiken von Paracetamol offenlegen. Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft über längere Zeiträume Paracetamol eingenommen haben, sind demzufolge vermehrt von Störungen in der motorischen Entwicklung betroffen. Sie zeigen auch häufiger ein gestörtes Kommunikationsverhalten und sind öfter verhaltensauffällig als Kinder von Müttern, die auf das Schmerzmittel Ibuprofen zurückgegriffen haben.

Und was ist mit den Nebenwirkungen von Ibuprofen?

Nun ist längst bekannt, dass Paracetamol andere gefährliche Nebenwirkungen hat. In hohen Dosierungen oder eingenommen über lange Zeiträume schädigt es die Leber irreversibel. Und nicht nur das: Es macht Bauchschmerzen, kann schwere Allergien auslösen und die Niere schädigen, wenn auch sehr selten. Die möglichen Schädigungen an Ungeborenen sind nur ein neuer Punkt auf einer langen Liste. Die Autoren beider Studien schreiben jedoch selbst, dass aus ihren Ergebnissen noch nicht gefolgert werden dürfe, dass Paracetamol auch tatsächlich verantwortlich dafür ist. Sie fordern weitere Untersuchungen.

Der Pharmakologe Kay Brune empfiehlt, statt Paracetamol doch Ibuprofen zu nehmen. Ja, wo sind wir denn hier? Ist die lange Nebenwirkungsliste von Ibuprofen plötzlich vergessen? Und was ist mit Aspirin? Bekannte Nebenwirkungen: Gerinnungsstörungen, Hirnblutungen, Magengeschwüre. Wenn Paracetamol verschreibungspflichtig würde, müssten auch die anderen bislang rezeptfreien Schmerzmedikamente folgen. Die Wartezimmer der Hausärzte wären überfüllt mit Patienten, die gerade unter Spannungskopfschmerzen leiden oder am Abend zuvor zu tief ins Glas geschaut haben. Wollen wir das? Wollen wir die komplette Bevormundung, nur weil viele Menschen dem Irrglauben anhängen, jedes Medikament, das frei verkäuflich ist, könnte bedenkenlos über lange Zeiträume und in großen Mengen geschluckt werden?

Großpackung ohnehin nur noch auf Rezept

Längst hat das Bundesinstitut für Arzneimittelsicherheit BfArm dafür gesorgt, dass Großpackungen mit Schmerztabletten nur noch auf Rezept zu bekommen sind. Bald werden voraussichtlich auch die mittelgroßen Packungen folgen. Die Vorräte, die wir künftig zuhause horten können, werden dann nur noch vier bis fünf Tage reichen. Das ist notwendig, weil Schmerzmittelmissbrauch häufig ist und viele der Medikamente, auf Dauer eingenommen, selbst chronische Schmerzen auslösen. Mit der restriktiven Regelung des BfArm sollte es dann aber einstweilen auch gut sein.

Natürlich muss den Hinweisen auf Gefahren für Schwangere durch Paracetamol weiter nachgegangen werden. Sie gehören umgehend auf den Beipackzettel in den Abschnitt "Schwangerschaft und Stillzeit". Diesen Abschnitt sollten Schwangere stets aufmerksam studieren und jedes Medikament, sei es nun rezeptfrei oder nicht, mit ihrem Arzt besprechen. Paracetamol sollten sie künftig nicht über längere Zeiträume einnehmen. Hier ist Eigenverantwortung gefragt, so wie bei anderen Medikamenten und Krankheitszuständen auch - nicht Verschreibungspflicht.

Der besser Weg - ohne Schmerzmittel

Apropos: Wer sagt denn, dass Mediziner verantwortungsvoller handeln als Patienten. Es ist noch nicht lange her, dass die ärztliche Zunft wegen des sorglosen Umgangs mit dem starken Schmerzmittel Metamizol, besser bekannt unter dem Handelsnamen Novalgin, am Pranger stand. Wegen seiner gefürchteten Nebenwirkungen ist das Medikament in anderen Industrieländern wie Japan und Schweden nicht zugelassen, in Deutschland ergab eine Hochrechnung aufgrund von Zahlen des Barmer GFK Arzneimittelreports 20 Millionen Verschreibungen.

Das also sind die beiden Hauptprobleme der Schmerztherapie in Deutschland: Patienten, die sich bedenkenlos selbst therapieren sowie eine maßlose Selbstüberschätzung vieler Ärzte, die glauben, ohne weitere Zusatzausbildung auch schwere, chronische Schmerzzustände behandeln zu können. Und als einzige Waffen kennen sie: Tabletten und Spritzen. Wer einmal in den Händen eines guten Schmerzspezialisten war, weiß, dass es viele weitere Methoden gibt, Schmerzen zu bekämpfen: Biofeedback, Physiotherapie, Psychotherapie und manuelle Medizin zum Beispiel. Oft können Patienten nach Anwendung solcher Verfahren ganz auf Medikamente verzichten.

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