Spielwarenmesse Spielzeug für Pisa-Kinder


Nach dem Pisa-Schock greifen verunsicherte Eltern gern zu "intelligentem" Spielzeug für ihre Kinder. Die darbende Branche schöpft Hoffnung - denn Lernspiele sind der neue Trend der Nürnberger Spielwarenmesse.

Einfach Räuber und Gendarm spielen? Geht nicht mehr. Seitdem Eltern ernüchternde Studien über den Lernerfolg ihrer Kinder um die Ohren gehauen bekommen, ist der Drang zu "intelligentem" Spielzeug groß. Deshalb sind Lernspiele, Puzzles und Bewegungsspielzeug in diesem Jahr die große Hoffnung der Nürnberger Spielwarenmesse. Dabei wartet einiges auf den Besucher, wenn sich die Pforten zur weltweit größten Leistungsschau der Branche öffnen: Bis zum 15. Februar werden 2747 Aussteller aus 62 Ländern über eine Million Spiele vorstellen. Und da Hersteller und Händler ungefähr die Hälfte ihres Umsatzes mit Neuheiten machen, ist die Messe auch eine wichtige Präsentationsplattform, etwa 60.000 neue Produkte sollen vorgestellt werden.

Das rege Brancheninteresse an den Neuvorstellungen allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Konsumflaute auch in den Kinderzimmern breit macht. Das wichtige Weihnachtsgeschäft lief 2004 um drei Prozent schlechter als im Jahr zuvor, und auch im Gesamtjahr ging der Umsatz um zwei Prozent auf knapp 2,4 Milliarden Euro zurück. Nicht weiter verwunderlich, wenn immer weniger Kinder geboren werden.

Doch nicht nur die sinkende Geburtenrate bereitet den Spielwaren-Händlern in Deutschland Sorgen, sie leiden auch zunehmend unter der Konkurrenz durch Discounter. "Lidl, Aldi & Co. haben immer öfter auch Spielzeug im Sortiment, Drogeriemärkte verkaufen Babysachen", sagte Gerhard Gollnest vom Spielwaren-Handelshaus Gollnest & Kiesel aus Güster im Kreis Herzogtum Lauenburg. "Vor 20 Jahren hatten wir noch 13.500 Einzelhändler für Spielwaren, heute sind es nur noch 3200", erklärte Kiesel. Zudem würden jährlich rund 70.000 Kinder weniger geboren.

Discounter betreiben "Rosinen picken"

"Für die Discounter ist der satte Gewinn durch Spielzeug ein willkommener Nebeneffekt. Durch ihre Lebensmittel verdienen sie im Preiskampf untereinander ja kaum etwas", sagte Gollnest. Sein Unternehmen beschäftigt 70 Mitarbeiter und machte 2004 einen Umsatz von 15 Millionen Euro. Vor allem Holzspielzeug wird entworfen, hergestellt und vertrieben. 1300 Produkte umfasst das Sortiment, jährlich werden 200 Neuentwicklungen aufgenommen.

"Während der Einzelhändler das ganze Jahr über 40.000 Artikel vorhält, kommen die Discounter zu Weihnachten mit 1000 Artikeln auf den Markt und machen das Geschäft in der besten Saison des ganzen Jahres", sagte Gollnest. Er wirft den Discountern vor, sie würden "Rosinen picken". Der Kunde müsse möglicherweise bald kaufen, was gerade im Angebot sei und könne nicht mehr auf breite Sortimente zurückgreifen. "Vielleicht bekommt der eine oder andere Hersteller auf der Messe dann ja auch ein paar kritische Fragen der Händler zu hören", sagt Gollnest. Allerdings geraten immer mehr Hersteller durch den wegbrechenden Einzelhandel unter Druck, auch an Discounter zu liefern.

Hauptthema: Lernen und Bewegung

Lernen und Bewegung - diese Themen stehen angesichts des Pisa-Schocks und des Übergewichts vieler Kinder im Mittelpunkt der Spielwarenmesse. So wird zum Beispiel eine DVD präsentiert, mit der schon Dreijährige Englisch lernen können, aber auch viel Spielzeug für mehr Bewegung im Freien. Doch auch spielerisches High-Tech mit weniger Bildungsanspruch ist vertreten: Einen Innovationspreis der Messe in der Kategorie "Technik" räumten die jungen Spiele-Entwickler Klaus Doth und Daniel Gurdan mit einem ferngesteuerten Ufo ab, das bis zu 100 Meter hoch fliegen kann. Auch ferngesteuerte Rennwagen liegen bei den Sprösslingen nach wie vor im Trend.

Spielwarenmesse-Chef Ernst Kick sagte vor der Schau, man wolle neue Segmente erschließen, "damit die Kunden ganzjährig in die Geschäfte kommen". Dazu soll auch die neue Produktgruppe "Outdoor/Freizeit" beitragen, die erstmals vertreten ist. Neu ist auch eine Zusammenarbeit mit der Frankfurter Buchmesse: 18 Kinder- und Jugendbuchverlage werden ihre Produkte auf der Spielwarenmesse vorstellen. Im Gegenzug sind die in Nürnberg präsentierten Bücher im Herbst dann auch in Frankfurt zu sehen.

Märklin will die Kinder zurückholen

Auf der Suche nach jüngeren Zielgruppen ist der Modelleisenbahn-Hersteller Märklin. "Plug and play" - einschalten und spielen - lautet die Devise: "Damit wollen wir die Kinder zu uns zurückholen", sagt Manager Lars Schilling. Man habe sich zu sehr vom Spielzeughersteller wegentwickelt zum Produzenten von Sammlerstücken. Unverwüstlich sind dagegen die Figuren von Playmobil. Der Zirndorfer Hersteller gilt als einer der großen Branchengewinner des vergangenen Jahres. Mit der tragbaren "Piratenschatztruhe" folgt Playmobil dem Trend zum "mobilen Spielzeug", das die Kleinen gut auf Reisen mitnehmen können.

Immer gefragt sind Puzzles und Spiele - schließlich greifen Erwachsene hier auch für sich selber zu. Sie brachten 2004 einen Umsatz von 300 Millionen Euro und sind damit stärkstes Spielwarensegment, berichtete die Fachgruppe Spiel im Verband der Spielwaren-Industrie. "Durch Neuheiten Kaufimpulse auslösen" lautet etwa das Rezept von Ravensburger-Chef Karsten Schmidt. Die Schwaben bringen ihr Erfolgsprodukt "Puzzleball" jetzt auch in einer Juniorausgabe auf den Markt. "Bereits im ersten Jahr konnten wir über eine Million Bälle verkaufen," so Schmidt.2003 hatte Ravensburger unter dem Strich 14,9 Millionen Euro verdient. Der Erfolg des Balls zeigt einen Trend, der sich bereits in den letzten Jahren abgezeichnet hat. Auch die Verkaufszahlen von Erwachsenen-Puzzles waren in den vergangenen drei Jahren deutlich gestiegen. So viel Erfolg ermuntert auch zu Investitionen - Ravensburger will rund zehn Millionen Euro in die Produktion in Ravensburg stecken.

Das meiste Spielzeug kommt aus China

China bleibt wichtigster Lieferant von Spielwaren für Deutschland. Wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte, stammten 2004 (Januar bis November) 51 Prozent aller Importe von Spielwaren im Gesamtwert von 2,3 Milliarden Euro aus China. Allerdings gingen die Einfuhren um 12,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurück. Dem leichten Abwärtstrend konnte sich auch die Spielwarenindustrie in Hongkong nicht widersetzen. Nach Angaben der Hongkonger Außenhandelsorganisation HKTDC ging in den ersten elf Monaten 2004 der Wert der Spielwarenexporte nach Deutschland um rund vier Prozent auf 606 Millionen US-Dollar zurück.

<em>spi</em> mit Material von AP/DPA/Reuters DPA Reuters

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