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Spitzel-Affäre bei der Bahn: Eine Herkules-Aufgabe für Rüdiger Grube

Die Abgründe des Spitzel-Skandals bei der Deutschen Bahn sind enorm. Dem neuen Bahn-Chef bleibt deshalb keine andere Wahl: Rüdiger Grube pflügt den Konzern um. Vom System Mehdorn soll nichts übrig bleiben. Eine gewaltige Aufgabe, bei der der Austausch der Führungsmannschaft nur ein erster Schritt sein kann.

Ein Kommentar von Marcus Gatzke

In einem Punkt ähneln sich der neue und der alte Chef der Deutschen Bahn: Rüdiger Grube drückt sich wie sein Vorgänger Hartmut Mehdorn klar und unmissverständlich aus. Zweifel an seiner Durchsetzungskraft, an seinem Willen, getroffene Entscheidung auch umzusetzen, kommen auf der Pressekonferenz am Mittwoch zu keiner Sekunde auf.

Grube will in der Spitzel-Affäre aufräumen, ohne Rücksicht auf Verluste. Deshalb hat er jetzt kräftig mit der Faust auf den Tisch gehauen. Viel ist danach nicht stehengeblieben. Wann hat es so etwas bei einem deutschen Großkonzern schon mal gegeben? Die Bahn trennt sich nahezu vom kompletten Vorstand, zudem müssen eine Vielzahl von Managern aus der zweiten Reihe gehen.

Aber die Auswüchse der Spitzel-Affäre sind so enorm, so abgrundtief, dass nur ein Tabula Rasa, ein großes Ausfegen hilft. Nur so kann verloren gegangenes Vertrauen zurückgewonnen werden. Bei den Mitarbeitern, den Bahn-Kunden, der Politik. Grube weiß genau: Er muss die alten Strukturen, das Mehdornsche System der Angst zerschlagen. Um das zu erreichen, müssen in einem ersten Schritt Mehdorns Vasallen bei der Konzernrevision, der Konzernsicherheit und der Abteilung "Politische Beziehungen" gehen.

Aber auch an den anderen Stellen ist Grubes hartes Durchgreifen richtig und wichtig: Auch wenn der Aufsichtsrat betont, jedes Vorstandsmitglied habe glaubhaft versichert, "weder veranlassend, noch mitwissend, noch tolerierend in irgendeiner Weise" in die Datenaffäre verstrickt gewesen zu sein, repräsentieren sie das alte System Mehdorn. Ein Neuanfang ist mit ihnen nicht möglich, wie Grube und der Aufsichtsrat richtig entschieden haben. Und ob die Aussagen der Vorstände wirklich "glaubhaft" sind, gilt es noch zu prüfen. Nicht ohne Grund haben die Sonderermittler in ihrem Abschlussbericht empfohlen, eine Klage gegen "Geschäftsführungsorgane" - also: den alten Vorstand - zu prüfen.

Ein wichtiger erster Schritt ist zudem, ein Vorstandsressort für Recht und Einhaltung der Konzernrichtlinien zu schaffen. Von ihm könnte eine Signalwirkung an die Belegschaft ausgehen: Die Bahn meint es ernst mit dem Wandel und dem Neuanfang.

Die Bahn muss zurück in ihre Spur und zwar schnell. Es gibt einfach zu viele Baustellen, bei deren Abarbeitung Grube Mitarbeiter braucht, die zu ihrem Unternehmen stehen, ihm Vertrauen schenken. Die Wirtschaftskrise trifft auch den Logistik-Konzern Bahn hart, gerade im Güterverkehr sind die Einbußen enorm. Das Problem mit den Achsen der ICE-Zügen ist noch nicht gelöst. Und dann wäre da noch die Privatisierung.

Viel Arbeit wartet auf Grube und seine neue Führungsmannschaft. Es ist dem Bahn-Chef auch deshalb zu wünschen, dass bei der Auswahl des künftigen Führungspersonal weniger der politische Proporz und mehr die persönlichen Fähigkeiten ausschlaggebend sind.

Der Bahn-Chef verspricht eine neue Unternehmenskultur, einen echten Neuanfang. Bis die neue Kultur wirklich Einzug erhalten hat, ist es noch ein langer, steiniger Weg. Die große Personalrochade heute kann nur ein erster, wenn auch wichtiger Schritt sein.