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Kommentar

Bahnchef Grube tritt zurück: Abrupter Abgang

Nach dem Rücktritt von Bahnchef Rüdiger Grube ist unklar, wer ihm nachfolgt. Ex-Kanzleramtschef Ronald Pofalla hat keine guten Karten.

Rüdiger Grube

Der Rücktritt von Bahnchef Rüdiger Grube kam für viele Beobachter überraschend

Was für ein Ende. Noch am Morgen schien die Zukunft von Bahnchef Rüdiger Grube vorbestimmt. Für weitere drei Jahre sollte der 65-Jährige den Schienenkonzern regieren, der Aufsichtsrat müsste die Vertragsverlängerung nur abnicken, schrieben viele Zeitungen. Am Mittag waren die Meldungen überholt. Grube trat zurück. Das Gezerre um seinen Vertrag hatte ihn frustriert. Zuvor hatte er sich bereits damit abgefunden, dass sein Gehalt von 1,4 Millionen Euro nicht erhöht wurde. Er wollte aber wenigstens für weitere drei Jahre seinen Traumjob behalten.

Doch in der Aufsichtsratssitzung mehrten sich die kritischen Stimmen. "Müssen es denn wirklich drei Jahre sein", fragten einige. "Reichen nicht auch zwei?" Grube dachte an sein Fortschrittsprogramm, an die Zusagen, die ihm gemacht wurden, an ein Schicksal als lahme Ente - und schmiss hin. Um kurz vor 13 Uhr endete die Ära Grube nach fast acht Jahren.

Die Schulden steigen, das Eigenkapital schrumpft

Es war keine schlechte Zeit. Grube befriedete die Folgen der Ära Mehdorn, als die Bahn fit für die Börse gemacht werden sollte und darüber ihr Kern-Geschäft vernachlässigte. Grube war auch ein Kümmerer, ein geschickter Netzwerker, der Kontakte zur Union ebenso pflegte wie zur SPD. Der zukünftige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) war sein Trauzeuge, als er die Fernsehköchin Cornelia Poletto heiratete.

Grube ließ aber auch einiges liegen. Die Schulden stiegen und liegen inzwischen bei knapp 18 Milliarden Euro, das Eigenkapital schrumpft, um nötige Investitionen zu stemmen, fehlt Geld. Der Güterverkehr sorgt für hohe Verluste und bescherte der Bahn 2015 einen Milliardenverlust von 1,3 Milliarden Euro. Über Jahre verlor der Konzern Marktanteile im Kampf mit den Speditionen und ignorierte das Aufkommen der Fernbusse. Vor allem aber ist unklar, welche Rolle die Bahn im Zeitalter der Digitalisierung übernehmen soll. Dass Verkehrsminister Alexander Dobrindt Grube teilweise unter Druck setzte, damit ICE-Züge mit Wlan ausgestattet werden, sagt viel über Grubes Prioritäten.

Pofalla-Nachfolge unwahrscheinlich

Wer ihm nachfolgt, ist offen. Ursprünglich sollte der frühere Kanzleramtsminister und jetzige Bahnvorstand Ronald Pofalla (CDU) in drei Jahren Grube beerben. Doch dieser Plan ist gescheitert. Dass Pofalla, der erst vor einem Jahr aus dem Kanzleramt wechselte, jetzt übernimmt, ist unwahrscheinlich. Er gilt als zu unerfahren. Ihm fehle es an operativer Erfahrung und Technikwissen, sagen Bahn-Insider. Die Personalie Pofalla ist zudem heikel. Das Sagen bei dem Staatskonzern hat die Bundesregierung, und deshalb will die SPD über den Posten mitentscheiden. Das kündigte der Kanzlerkandidat und künftige SPD-Chef Martin Schulz bereits an.

Dass aber die SPD im beginnenden Wahlkampf einen ehemaligen CDU-Politiker als Bahnchef absegnet, ist schwer vorstellbar. Und dann noch Pofalla. Legendär war seine Kritik an CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach. Weil er 2011 nicht dem Euro-Rettungsprogramm zustimmen wollte, brüllte Pofalla ihn an: "Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen." Später entschuldigte er sich dafür.

Bis ein Nachfolger für Grube gefunden ist, könnte also Zeit vergehen. Das ist keine gute Nachricht für den Staatskonzern, der mit vielen Problemen kämpft. Für die 300.000 Beschäftigten brechen unruhige Zeiten an.