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Staatskrise in Griechenland Ein Chefarzt kämpft ums Überleben


Die Schuldenkrise lässt das Gesundheitssystem in Griechenland zusammenbrechen. In Kliniken müssen Angehörige die Pflege übernehmen. Nicht selten heißt es: "Bitte bringen Sie Bettzeug mit!"
Von Manuela Pfohl und Natalia Sakkatou, Athen

Als Eleni ins Krankenhaus musste, war das eigentlich keine große Sache. Eine Mini-Operation, die maximal zwei Tage Übernachtung in einer Athener Klinik erforderte. Und wirklich, der Eingriff lief gut, aber dann wurde es problematisch. "Als ich in das Zimmer kam, lag auf meinem Bett die blanke Matratze. Ich hatte nicht geahnt, dass ich mein eigenes Bettzeug mitbringen musste", erzählt die 72-Jährige. Doch die Wirtschafts- und Finanzkrise Griechenlands ist längst auch in den Kliniken angekommen. Sparen ist das oberste Ziel der Regierung. In den Krankenhäusern wird deutlich, auf wessen Kosten das geschieht.

Dimitris Mutter beispielsweise bräuchte dringend eine Computertomografie. Doch die bezahlt die Krankenkasse inzwischen nicht mehr. Und keiner in der Familie hat das Geld, um die Untersuchung zu finanzieren. Also kann die Frau nicht behandelt werden. Charas Cousin wiederum konnte in der Klinik eine Zeitlang nur dann seine Spritzen bekommen, wenn Chara und die Verwandschaft die entsprechenden Kanülen kauften und in die Klinik brachten. Und nachdem Natalias kleiner Sohn sechs Stunden lang operiert worden war, musste sie nicht nur den Tropf wechseln und auf die Sauerstoffversorgung achten. Auch die Versorgung der Wunde und das Beschaffen von Mulltupfern und Desinfektionsmitteln für die Nachsorge in der Klinik wurde ihr übertragen. "Ich hab' gedacht, das kann doch nicht wahr sein, schließlich bin ich ein absoluter medizinischer Laie", sagt die Athenerin. "Eine ganze Woche lang musste ich mein Kind im Krankenhaus versorgen. Dass ich Alleinerziehende bin und während der Zeit als Freiberuflerin kein Geld verdienen konnte, hat überhaupt niemanden interessiert."

Schmiergeld für ein Krankenbett

Einzelfälle sind das nicht. Ilias Sioras könnte ganze Romane über den Verfall des griechischen Gesundheitssystems schreiben. Nur er hat keine Zeit. Er ist Chefarzt des Herzzentrums am Athener Evangelismos-Krankenhaus und nicht nur schwer damit beschäftigt, die Patienten zu behandeln, sondern auch den täglichen Mangel an allem zu managen.

Angesichts des soeben beschlossenen Sparkurses seiner Regierung hält er das allerdings schon fast für vergebliche Liebesmüh. Das, was da geplant ist, sei ein Verbrechen, meint der Herzchirurg empört. "Die Bettenanzahl in den staatlichen Kliniken soll von 46.000 auf 32.000 reduziert werden. Und nicht nur das: Bis zu 25 Prozent der übrig bleibenden Betten sollen dann auch noch an private Versicherungen abgegeben werden. "Man kann sich leicht denken, was dann passiert", sagt Sioras. "Die schon jetzt oft langen Wartezeiten für die medizinische Behandlung in einer Klinik werden sich drastisch verlängern. Und sie werden noch einen üblen Nebeneffekt haben. "Um möglichst schnell eines der günstigen staatlichen Betten zu bekommen, werden Patienten oft genug bereit sein, Schmiergeld zahlen und das alte griechische Problem der Korruption wird wieder zunehmen", fürchtet der Mediziner.

Weniger Mitarbeiter, mehr Stress in den Kliniken

Auf ihn und seine Kollegen wiederum kommt mit den Sparbeschlüssen noch mehr Arbeit zu. Denn nicht nur Betten werden abgebaut. Auch die Stellen für das medizinische Personal in den Krankenhäusern werden reduziert. So sollen die Spezialzentren für Behinderte von 150 auf 70 gestrichen werden. Für die Mitarbeiter im Gesundheitswesen heißt das noch mehr Stress, noch mehr Überstunden, noch weniger Zeit für die Patienten. Kein Job, so wie ihn sich Sioras einmal erträumt hatte, als er vor 33 Jahren den Eid des Hippokrates schwor. Seit einiger Zeit engagiert er sich deshalb in der Gewerkschaft, organisiert an seiner eigenen Klinik Streiks. Und er diskutiert mit den Kollegen, wie es anders gehen muss, damit das Gesundheitssystem nicht völlig kollabiert, und Patienten wie Charas Cousin Jannis nicht an den Verhältnissen sterben.

Seit Monaten kämpft der 20-jährige Athener gegen einen Lungenkrebs. Doch erst entwickelte er eine Allergie gegen die Chemotherapie, dann schlugen wichtige Medikamente nicht an. Schlimm für ihn und schlimm für seine Familie, die es überhaupt nur mit vereinten Kräften und etlichen Schulden geschafft hatte, die Tabletten für ihn zu kaufen. Denn die Krankenkasse zahlt nur noch einen Teil der Behandlung. Chara ist schon völlig verzweifelt. Was soll aus dem Jungen werden, der doch eigentlich noch sein ganzes Leben vor sich hat, wenn die furchtbar teure Krebstherapie nicht mehr zu bezahlen ist? Sie weint.

Für viele ist schon die Krankenkasse zu teuer

Ein immer größer werdender Teil der Griechen allerdings kann noch nicht einmal mehr auf die Minimalunterstützung der Kasse zurückgreifen. Selbst in der bürgerlichen Mittelschicht fehlt immer häufiger das Geld, um sich überhaupt eine Krankenversicherung leisten zu können. "Manchmal glaube ich, unsere Regierung hat jeden Überblick über die Zustände in der Gesellschaft dieses Landes verloren, sonst könnte sie nicht so handeln wie sie es tut", meint Sioras. Um die Schwächsten nicht allein zu lassen, übernimmt er trotz der starken beruflichen Belastung in der Klinik seit einiger Zeit regelmäßige unbezahlte Freiwilligendienste. Auch als die Polizei am Mittwoch, dem Tag als die Sparbeschlüsse vom Parlament abgesegnet wurden, den Syntagmaplatz mit Tränengas beschoss, war der Arzt vor Ort, um den Opfern zu helfen. Dass viele seiner Kollegen noch immer darauf hoffen, es würde sich schon irgendwann alles irgendwie regeln, kann er als Gewerkschafter nicht verstehen.

"Wir müssen eine Allianz bilden aus Arbeitern, Intellektuellen, Alten und Jungen. Und zwar schnell, sonst ist Griechenland nicht mehr zu retten." Davon ist der Athener überzeugt und sorgt sich dabei durchaus auch um seine eigenen Kinder. Beide, die 26-jährige Tochter und sein 29-jähriger Sohn, haben studiert und sind doch arbeitslos. Noch unterstützt Sioras sie finanziell. Wie lange er das kann, weiß er allerdings nicht. Denn sein monatliches Bruttoeinkommen als Chefarzt beträgt nach 33 Berufsjahren gerade einmal 2500 Euro. Und die Regierung hat angekündigt, die Gehälter in den nächsten zwei Jahren um 20 bis 25 Prozent zu kürzen. Bei gleichzeitig angekündigten Steuererhöhungen bliebe dann nicht mehr viel übrig. "Jedenfalls sollte keiner in der Familie krank werden", meint er augenzwinkernd. Dann meldet sich sein Pieper. Ilias Sioras muss wieder los. Leben retten.


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