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Steueraffäre: "Zumwinkel wurde öffentlich hingerichtet"

"Die Gerechtigkeit in Deutschland stimmt nicht mehr", sagt Trigema-Chef Wolfgang Grupp. Im Interview mit stern.de verteidigt er Ex-Post-Chef Klaus Zumwinkel und vergleicht den Fall mit der Krise deutscher Landesbanken. Dort hätten Vorstände und Aufsichtsräte nichts gegen die Vernichtung von Milliarden Euro getan.

Herr Grupp, haben Sie private Konten im Ausland?

Nicht ein einziges.

Ihr Steuerberater hat Sie nie darauf aufmerksam gemacht, dass man in Liechtenstein erheblich Mengen an Steuern sparen kann?

Ich habe keinen Steuerberater, da ich keine privaten Geldanlagen habe. Mein privates Geld steckt zu 100 Prozent in der Firma. Ich habe auch keine Schulden bei der Bank und führe meine Firma so, dass ich niemanden die Füße küssen muss, damit ich sie weiter führen kann.

Natürlich habe ich privat ein Konto bei einer Bank. Aber da sind meist nicht mehr als ein paar Euro drauf. So habe ich genügend Zeit für meine Familie, da ich mich nicht mit Geldanlagen und Steuersparmodellen auseinandersetzen muss. Natürlich rufen nicht selten bei mir Berater und Banken an, die mir Anlagen im Ausland zum Zwecke der Steuerersparnis schmackhaft machen wollen. Aber ich brauche so etwas nicht.

Was haben Sie gedacht, als Sie in den Nachrichten von den Steuerrazzien erfahren haben?

Gar nichts. Dass ist doch vollkommen alltäglich. Schon als ich noch studiert habe, war es normal, dass viele ein Konto in der Schweiz hatten. Die Politiker haben es einem ja auch vorgemacht, wie man Geld in schwarzen Koffern über die Grenze schafft!

Es ist ganz normal, wenn die Reichen des Landes den Staat betrügen?

Schon im Römischen Reich hat man nicht gerne Steuern bezahlt. Das Problem ist: Die Gerechtigkeit in Deutschland stimmt nicht mehr. Es gibt Leistungsträger, die hart arbeiten und satte Steuern zahlen. Dann gibt es Leute, die ähnlich viel verdienen, nur keine Leistung erbringen, sondern Geld vernichten. Da entsteht ein Problem, das auch den Zusammenhalt der Gesellschaft gefährdet.

Herr Zumwinkel hat kein Geld vernichtet, er hat es nur nach Liechtenstein gebracht, um Steuern zu sparen.

Ich muss den Mann verteidigen. Herr Zumwinkel ist öffentlich vorgeführt und hingerichtet worden. Aber was hat der Mann verbrochen? Wenn er jedes Jahr 3,7 Millionen Euro verdient, zahlt er auch in jedem Jahr 1,5 Millionen Euro an Einkommensteuer. Jetzt hat er Teile seines Geldes in Liechtenstein angelegt, um weniger Steuern zu zahlen. Selbstverständlich ist dies, sofern es so ist, ein Steuerstraftatbestand, aber die Verhältnismäßigkeit stimmt hier mit der Anklage nicht. Hätte er es unter sein Kopfkissen gelegt, hätte der Staat auch nichts bekommen.

Er hat damit aber gegen geltendes Recht verstoßen.

Herr Zumwinkel hat Leistung bei der Deutschen Post gebracht, einen großen Konzern saniert und auf Grund seiner Leistung hat die Post sicher viele Millionen an Steuern bezahlt. Er war ein sehr guter Manager. Natürlich hat er ein Steuervergehen begangen, aber dass man ihn jetzt so vorführt, finde ich nicht in Ordnung. Das schießt weit über das Ziel hinaus.

Zumwinkel hätte nicht zurücktreten müssen?

Er hatte keine andere Wahl!

Aber ist die Empörung nicht gerechtfertigt? Ein Top-Manager, der sowieso schon Millionen verdient, betrügt auch noch den Staat.

Sicher, aber die Schärfe der Reaktionen ist einfach überzogen. Was ist mit den Managern passiert, die nicht ihr eigenes aber dafür fremdes Vermögen vernichtet haben? Bei den Landesbanken wurden Milliarden Euro in den Sand gesetzt. Den verantwortlichen Aufsichtsräten und Vorständen passiert nichts, sondern ihnen werden sicherlich weiterhin Millionen bezahlt.

In den Aufsichtsräten der Landesbanken sitzen Politiker. Sie haben nichts dagegen getan, dass Milliarden verzockt worden. Da wird die Verhältnismäßigkeit einfach nicht mehr gewahrt.

Was muss mit solchen Managern, die Milliarden verspielen, Ihrer Meinung nach geschehen?

Die Kernfrage ist: Wer trägt für die Entscheidungen eines Managers die Verantwortung? Wenn ich als Unternehmer morgen eine Fehlentscheidung treffe, muss ich dafür geradestehen - mit meinem Geld. Andere Manager schmeißen einfach den Bettel hin und wandern zu einem anderen Unternehmen. Die Rechnung zahlt im Zweifel der Steuerzahler. So geht es aber nicht. Manager müssen für ihre Entscheidungen bis zu einem gewissen Grad auch persönlich haften.

Wie kommt Ihre Meinung bei anderen Managern und Unternehmern an?

Im Mittelstand bekomme ich 100-prozentige Unterstützung. Aber natürlich habe ich auch Gegner, die mir vorwerfen, ich würde den gesamten Stand schlechtmachen. Das stimmt aber nicht. Ich habe noch nie pauschale Urteile gefällt, sondern mich immer auf bestimmte Fälle oder Personen bezogen. Es kann nicht sein, dass Manager bei DaimlerChrysler Millionen bekommen, für ihre Fehlentscheidungen aber in keiner Weise zur Rechenschaft gezogen werden.

Verdienen Manager zu viel?

Wenn die Leistung stimmt, soll jemand ruhig 100 Millionen Euro bekommen. Wenn er aber Geld und Arbeitsplätze vernichtet, müsste er mindestens mit seinen vergangenen Bezügen haften. Das Leistungsprinzip muss wieder ein zentraler Punkt sein.

Interview: Marcus Gatzke
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