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Nations-League Spiel gegen England Junger Mann zum Mitstürmen gesucht: Hansi Flick hat ein Problem im Angriff

Ohne Fortune im Abschluss: Hansi Flick umarmt nach dem Schlusspfiff gegen England Angreifer Timo Werner
Ohne Fortune im Abschluss: Hansi Flick umarmt nach dem Schlusspfiff gegen England Angreifer Timo Werner
© Alex Grimm / Getty Images
Weil Bundestrainer Hansi Flick ein treffsicherer Angreifer fehlt, befiehlt er Job-Sharing in der Angriffspitze. Beim 1:1 gegen England klappt das leidlich – ausgerechnet ein Abwehrspieler erzielt den deutschen Treffer.

Das Vermächtnis, das Berti Vogts dem deutschen Fußball hinterlassen hat, ist recht überschaubar. Er gewann zwar mit der Nationalmannschaft die EM 1996, offiziell als Bundestrainer, in Wahrheit jedoch coachte sich die Mannschaft unter Anleitung von Matthias Sammer selbst. Geblieben ist von Vogts vor allem ein Satz: "Es gibt im Weltfußball keine Kleinen mehr."

Für diese Weisheit werden Vogts wohl noch Legionen von Fußballtrainern danken. Denn wenn es keine Kleinen mehr gibt, gibt es nur noch Große. Und so wird jeder locker erspielte Sieg gegen Liechtenstein, Nordmazedonien oder Armenien zu einem echten Triumph. Auch Hansi Flick profitierte von Vogts‘ Fußball-Sozialismus, der alle gleich macht. Flicks Start ins Bundestraineramt im Sommer vergangenen Jahres war traumhaft; Tor folgte auf Tor, Sieg reihte sich an Sieg. Allerdings ausschließlich gegen Teams, die man in der Vor-Vogts-Ära noch als klein bezeichnete hätte.

Flick hat eine Stürmer-Debatte

Es stellt sich also die Frage, wie die deutsche Mannschaft, die wie im Rausch durch die WM-Qualifikation schwebte, gegen die Größeren unter den Großen aussehen würde. Bislang antwortete die Mannschaft mit einem entschlossenen "Geht so – aber das nächste Mal wird’s bestimmt besser".

Gegen Holland (1:1) und Italien (1:1) hielt die Mannschaft gut mit, hätte sogar gewinnen können, tat es aber nicht. Und am Dienstagabend in der Nations League-Partie gegen England: Ähnliches Muster. Spiel über weite Strecken kontrolliert, aber am Ende wieder ein Unentschieden. 1:1, wie könnte es anders sein. Beim nächsten Mal wolle man noch "was drauflegen" und "es besser machen", versprach Flick.

Dumm nur für den Bundestrainer, dass ihm die Remis-Serie gegen die Großen der Großen nun eine Stürmer-Debatte einbrockt. Ob denn die Offensive die größte Baustelle im deutschen Team sei, wurde Flick nach dem England-Spiel gefragt. Er antwortete ausweichend, auch auf dieser Position verfüge man "über große Qualität", nannte aber keine Spielernamen.

Leroy Sané bleibt ein Rätsel 

Wen hätte er auch erwähnen sollen? Das 1:0 hatte Jonas Hofmann erzielt, ein gelernter Mittelfeldspieler zwar, aber von Flick meist rechts auf der defensiven Außenbahn eingesetzt. Und die anderen Offensivkräfte entzogen sich geschickt einer strengen Bewertung. Müller, Musiala und Havertz teilten sich nämlich die Planstelle im Sturm; mal stieß der eine in die Spitze, mal der andere, ein Tor schoss keiner. Alle rackerten dafür um so mehr im Spielaufbau, es schien, als wollten die drei mit ihrer Laufarbeit eine Art Ablasshandel eingehen für die vielen vergebenen Chancen.

Doch wer wollte ihnen bei so viel Fleiß böse sein? Der Bundestrainer jedenfalls nicht.

Später wechselte er auch noch Timo Werner ein, einen seiner Lieblingsspieler. Pfeilschnell, immer unterwegs, ein Malocher im besten Sinne, aber ohne Fortune im Abschluss. Und dann ist da noch Leroy Sané, auch er ein. Hochbegabter, vielleicht der talentierteste Stürmer im Team – und zugleich der rätselhafteste Typ. Im Moment, so scheint es, erreicht ihn selbst der Spielerversteher Flick nicht. Am Samstag gegen Italien agierte Sané ebenso lust- wie glücklos; gegen England gewährte ihm Flick nur sieben Minuten Einsatzzeit. In dieser Form muss Sané sogar um seinen Platz im WM-Kader bangen.

Flick bleibt nicht mehr viel Zeit, um das Glück zu zwingen. Am Samstag geht es gegen Ungarn, am Dienstag wieder gegen Italien, und dann folgt eine lange Pause ohne Länderspiel. Der Kalender spielt ein wenig verrückt; wegen der WM im Winter gibt es das sogenannte Länderspiel-Fenster im Herbst nicht. Flick muss darauf hoffen, dass sich seine Sturm-Teilzeitarbeiter in ihren Vereinen stabilisieren. Havertz und Werner beim FC Chelsea, Musiala, Müller und Sané beim FC Bayern.

Das Job-Sharing klappt auf jeden Fall

Eine Erkenntnis, die Flick Mut machen dürfte für das Turnier in Katar: Das Modell des Job-Sharings im Angriff ist durchaus erweiterbar. Nicht nur wegen seines Tores zählte Jonas Hofmann zu den besten Spielern gegen England; mit seinen Sprints auf der rechten Offensivseite hätte er durchaus als Stürmer firmieren können. Ebenso wie auf dem linken Flügel David Raum; auch er mehr Angreifer als Verteidiger. Fünf von elf Spielern mit Hang zu Sturm und Drang, das ist eine Wucht. Sollte das nicht genügen für einen Sieg gegen die Großen der Großen?

In sechs Tagen geht es in Mönchengladbach gegen Italien, den Europameister. Die nächste Chance für diesen Sturm, der so viele Chancen benötigt.

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