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Studie: Mit Wal-Mart sinkt der Wohlstand

In den USA tobt eine Debatte um den "Wal-Mart-Effekt". Nach einer neuen Studie hält der Supermarkt-Konzern in den USA nicht nur die Preise niedrig - sondern auch den Lebensstandard in der Umgebung seiner Märkte.

Von Stephan Zimprich

Forscher der US-Universität Nebraska-Lincoln (UNL) untersuchten die Auswirkungen von Wal-Mart-Supermärkten auf das Haushaltseinkommen in den 93 Bezirken im US-Bundesstaat Nebraska. Das Ergebnis: Wo Wal-Mart ist, liegt nach der bisher unveröffentlichten Studie das jährliche Wachstum des Haushaltseinkommens um knapp 143 $ unter dem Durchschnitt der Bezirke, in denen die Einzelhandelskette nicht präsent ist. Die Forscher verglichen für ihre Studie 19 Bezirke in Nebraska mit und 74 ohne Wal-Mart-Supercenter. Von letzteren grenzten 47 an einen Bezirk mit einem Supercenter.

Alles gut ohne Wal-Mart also? Nicht ganz. Der Studie zufolge steigt das Haushaltseinkommen in jenen Bezirken am stärksten, in deren Nachbarbezirk ein Wal-Mart Supercenter existiert - wenn die Bezirke durch eine Schnellstraße miteinander verbunden sind. Forschungsleiter Azzedine Azzam wehrt sich gegen zu einfache Schlussfolgerungen. "Es gibt einen Wal-Mart-Effekt, aber wir verstehen ihn bisher nicht vollständig." Es gebe eine Reihe von Ergebnissen, für die bislang keine Erklärung gefunden wurde. So sei zum Beispiel der wachstumsbremsende Effekt in städtisch geprägten Bezirken stärker nachzuweisen als in ländlichen Gebieten.

Heftige Debatte

Wal-Mart ist mit 1,3 Millionen Angestellten der größte Arbeitgeber der USA. Der Jahresumsatz beläuft sich auf über 300 Mrd. $. Die größte deutsche Handelskette Metro kommt nicht einmal auf ein Viertel. Das Unternehmen geriet in den USA in heftige Kritik, weil es die Löhne drückt, kaum Sozialleistungen für seine Angestellten anbietet und angestammte Einzelhändler in den Ruin treibt.

In den USA wird zurzeit heftig debattiert, welche Auswirkungen die Wal-Mart-Expansionspolitik auf die lokale Wirtschaft hat. Zahlreiche Studien haben sich bereits mit dem "Wal-Mart-Effekt" beschäftigt, der inzwischen als eigenes Forschungsgebiet für Ökonomen gilt. Wal-Mart wird dabei als Indikator für ein sich änderndes wirtschaftliches Umfeld gesehen.

Im Zentrum des Streits steht die Frage, ob Wal-Mart positive oder negative Auswirkungen auf die örtliche Wirtschaft hat. Anhänger des Prinzips Wal-Mart behaupten, durch die niedrigen Preise würden die Lebenshaltungskosten für Durchschnittsfamilien sinken, der Lebensstandard steigen. Die Gegner argumentieren, Wal-Mart würde durch seine rigide Preis- und Lohnpolitik zu Jobabbau, Kaufkraftverlust und Armut beitragen.

Zweideutige Forschungsergebnisse

Entsprechend unterschiedlich fallen die Forschungsergebnisse aus: Nach einer Untersuchung der Wal-Mart-freundlichen Ökonomen Jerry Hausman vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Ephraim Leibtag vom US-Landwirtschaftsministerium profitieren die Konsumenten, weil sie ein Viertel weniger Ausgaben bei Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs haben. Laut einer - allerdings nicht unabhängigen - Studie des Wirtschaftsforschungsinstitut Global Insight bremst der Handelsriese mit seinen Niedrigpreisen die US-Inflation um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte im Jahr. Die Wirtschaftswissenschaftlerin Emek Basker von der Universität Missouri konnte zudem einen leichten positiven Beschäftigungseffekt nach der Eröffnung von Superstores nachweisen - auch wenn der auf Kosten des lokalen Einzelhandels geht: Vier kleine und durchschnittlich 0,7 mittlere Einzelhändler müssen innerhalb von fünf Jahren nach der Eröffnung eines Supercenters aufgeben.

Vor- und Nachteile für Kommunen

Zu einem gegenteiligen Ergebnis kommt hingegen Arbeitsmarktexperte David Neumark von der Michigan State University: Ihm zufolge führt die Ansiedlung eines Supercenter zu einem Rückgang der Beschäftigung im lokalen Einzelhandel um zwei bis vier Prozent. Noch deutlicher fällt seiner Studie zufolge der Einfluss auf die Löhne aus: Sie sanken binnen acht Jahren nach der Eröffnung um fünf Prozent.

Stephan Goetz und Hema Swaminathan von der Universität Pennsylvania State heben hervor, dass Bezirke mit Wal-Mart-Superstores zwar geringere Lebenshaltungskosten aufweisen, im Untersuchungszeitraum zwischen 1987 und 1998 aber auch einen überdurchschnittlichen Zuwachs bei der Armutsrate verzeichneten. Ihre Schlussfolgerung: Wal-Mart bringt sowohl Vor- als auch Nachteile für die Kommunen. Die Verantwortlichen sollten deshalb genau abwägen, ob sie die Ansiedlung der Kette mit öffentlichen Mitteln unterstützen.