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Täterprofil: Tatort Chefetage

Ein Herr in den besten Jahren mit Familie, Hochschulabschluss und deutlich überdurchschnittlichem Einkommen - so sieht der typische deutsche Wirtschaftsverbrecher aus.

Ihr Erscheinungsbild trügt: Die Gangster in Schlips und Kragen richten in der Bundesrepublik Jahr für Jahr mehr Schaden an als alle Ladendiebe, Einbrecher und Bankräuber zusammen. Nach der jüngsten Statistik des Bundeskriminalamts (BKA) lag die betriebswirtschaftlich kalkulierbare Schadenssumme im vergangenen Jahr bei 6,8 Milliarden Euro. In Wahrheit ist es wahrscheinlich ein Vielfaches mehr.

Hohe Dunkelziffer

Auch wenn in den vergangenen Monaten wieder Fälle Schlagzeilen machten wie die Bestechungsaffäre um die Kölner Müllanlage, die Scheingeschäfte der Bohrmaschinen-Firma FlowTex oder die Bilanzfälschung bei den »Moorhuhn«-Erfindern Phenomedia - viele Betrügereien in der Wirtschaft werden gar nicht erst bekannt. »Es existiert ein großes Dunkelfeld Wirtschaftskriminalität«, weiß Reinhard Rupprecht, der früher im Bundesinnenministerium die Abteilung Innere Sicherheit leitete. »Viele Straftaten werden entweder gar nicht erkannt oder von den Unternehmen nicht angezeigt.«

Es geht um Riesensummen

Aufgedeckt wurden vergangenes Jahr in Deutschland mehr als 111.000 Fälle - nur ein Bruchteil aller 6,3 Millionen Straftaten, die bundesweit ermittelt wurden. Aber auf keinem anderen Verbrechensgebiet ging es um so viel Geld. Die durchschnittliche Schadenssumme lag pro Fall bei 61.100 Euro. Damit machten nach den Berechnungen des Bundeskriminalamts 1,7 Prozent der erfassten Straftaten 62,6 Prozent des gesamten Schadens aus.

Hoher immaterieller Schaden

Aber auch das BKA weiß, dass sich das wahre Ausmaß nur schwer kalkulieren lässt. Niemand kann den Wert verweigerter Kredite gegenrechnen oder die Verluste, wenn der Aktienkurs zusammenbricht. »Hinzu kommt der hohe immaterielle Schaden durch den Verlust von Ansehen und Vertrauen«, sagt der Stuttgarter Manager Berthold Schweigler, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit der Wirtschaft (ASW). »Häufig wird vergessen, dass nicht nur die Täter in der Wirtschaft sitzen, sondern auch die Opfer.«

»Cybercrimes« auf dem Vormarsch

Nach einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PriceWaterhouseCoopers wurde in Deutschland fast jedes zweite Unternehmen (46,5 Prozent) schon einmal Opfer von kriminellen Taten. Im europäischen Vergleich (Durchschnitt: 28 Prozent) liegt die Bundesrepublik damit in der Spitzengruppe. Am meisten fürchten sich die deutschen Unternehmen vor Unterschlagung, Computerbetrug (»Cybercrime«), Untreue und Bestechlichkeit.

Erste Gegenmaßnahmen in Planung

Über Gegenmaßnahmen wird schon lange nachgedacht. Nach einigen Diskussionen will die Bundesregierung noch in diesem Sommer ein zentrales Anti-Korruptions-Register einrichten, das korrupte Unternehmen von der Vergabe öffentlicher Aufträge ausschließt. In mehreren Bundesländern gibt es ein solches Register bereits. Einig sind sich alle Experten aber darin, dass der Kampf gegen die Wirtschaftskriminalität von der Wirtschaft selbst angeführt werden muss. »Die Prävention muss zunächst in den Unternehmen selbst stattfinden«, heißt es im jüngsten Lagebericht des BKA.

Restriktive Richtlinien

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat bereits 1995 Richtlinien zur Bekämpfung der Korruption herausgegeben. »Bei Annahme und Vergabe von Geschenken und sonstigen Zuwendungen ist äußert restriktiv zu verfahren«, heißt es darin.

Vier-Augen-Prinzip

Darüber hinaus empfiehlt die ASW vor allem mehr Wachsamkeit innerhalb der Firma. »Bis hinauf in die Chefetage muss das Vier-Augen-Prinzip gelten«, rät Schweigler. Selbst Vorstandschef oder Geschäftsführer sollten Verträge nur im Beisein eines Kollegen verhandeln. Aber auch das schützt vor kriminellen Taten nicht. Wie bei ganz gewöhnlichen Verbrechen kommt es auch in Deutschlands Chefetagen vor, dass es mehr als einen Täter gibt.