Tarifkonflikt Unternehmen: 38-Stunden-Woche wichtiger Standortvorteil


Im Arbeitskampf der ostdeutschen Metallindustrie drohen immer mehr Firmen, ihr Engagement im Osten zu überdenken, falls die 35-Stunden-Woche durchgesetzt würde. Unterdessen dauern die Streiks an.

Nach dem Autohersteller BMW will anscheinend auch der Technologie-Konzern Siemens wegen der Streiks in der ostdeutschen Metallindustrie sein Engagement in den neuen Bundesländern überprüfen. "Wenn der Vorteil der 38-Stunden-Woche aufgegeben wird, stellen sich unsere dortigen Standorte von der Kostenseite her neu dar", sagte Konzernsprecher Eberhard Posner der Tageszeitung "Die Welt".

Kurzfristig sei zwar nicht mit Entlassungen zu rechnen: "Aber langfristig kann das Vorgehen der IG Metall sehr wohl Folgen haben." Siemens betreibt laut Zeitung in den neuen Bundesländern 15 Standorte mit insgesamt 10.000 Mitarbeitern. BMW hatte zuvor gedroht, sein Milliardenengagement in die neue Produktionsstätte in Leipzig zu überdenken.

Streiks seit rund drei Wochen

Die IG Metall streikt seit rund drei Wochen für die Einführung der 35-Stunden-Woche in der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie. Wegen der Streiks drohen bei immer mehr Automobilherstellern im Westen die Produktionsbänder zum Stillstand zu kommen. Volkswagen hat angekündigt, bei einem länger andauernden Streik müsse in der kommenden Woche die Produktion des Golf im größten VW-Werk in Wolfsburg eingestellt werden. Zuvor hatte BMW wegen fehlender Teile eines Zulieferers Produktionseinschränkungen in den Werken München, Regensburg und Dingolfing für die kommende Woche angekündigt.

Ultimatum bis Mittwoch

Die Gewerkschaft hat den Arbeitgebern bis Mittwoch ein Ultimatum gestellt, an den Verhandlungstisch zurück zu kehren. Bis dahin würden die Streiks nicht ausgeweitet. Die Arbeitgeber bekräftigten, sie seien bereit, die Arbeitszeit an Westniveau anzugleichen, wenn die wirtschaftlichen Voraussetzungen gegeben seien. Über Einzelheiten könne jederzeit verhandelt werden.

Schröder ruft zu schneller Einigung auf

Bundeskanzler Gerhard Schröder hat die Tarifparteien der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie zu einer schnellen Einigung im Streit über die Einführung der 35-Stunden-Woche aufgerufen. Arbeitgeber und IG Metall trügen eine Verantwortung für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung im Osten Deutschlands.

"Es sollte lieber eine Stunde früher als eine Stunde später zu einer Einigung kommen", sagte Schröder am Rande eines EU-Balkan-Gipfels im griechischen Porto Carras. "Deshalb setze ich auf die Vernunft der Tarifparteien, das so schnell wie möglich zu beenden." Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) warnte vor Arbeitsplatzverlusten in der ostdeutschen Metallbranche, falls die Wochenarbeitszeit im Osten von 38 auf 35 Stunden verringert werde, die im Westen gelten. "Es ist eine Auseinandersetzung um das falsche Thema, zur falschen Zeit am falschen Ort."

Treffen des IG Metall am Montag

Am Montag sollen nach IG-Metall-Angaben die Betriebsräte der großen Automobilkonzerne sowie von Zulieferfirmen beim Gewerkschaftsvorstand in Frankfurt zusammenkommen, um über die Fernwirkungen des Streiks zu beraten. Der Streik für eine Absenkung der Arbeitszeit im Osten ist auch innerhalb der Gewerkschaft nicht unumstritten.


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