Tarifverhandlungen Kein Streik - Einigung in der ostdeutschen Stahlindustrie


Erleichtert waren am Ende des mehr als 13-stündigen Verhandlungsmarathons in der ostdeutschen Stahlindustrie natürlich beide Seiten. Arbeitgeber und IG Metall sprachen nach der obligatorischen Tarif-Nachtsitzung wie gehabt von einem vertretbaren Kompromiss.

Erleichtert waren am Ende des mehr als 13-stündigen Verhandlungsmarathons in der ostdeutschen Stahlindustrie natürlich beide Seiten. Arbeitgeber und IG Metall sprachen nach der obligatorischen Tarif-Nachtsitzung wie gehabt von einem vertretbaren Kompromiss. Doch während die Stahlbetriebe im Osten nach einer ersten Streikwelle nun aufatmen und sich auf ein Ende der Arbeitskämpfe einstellen können, steht der Gewerkschaft die weitaus schwierigere Tarifauseinandersetzung noch bevor: In der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie ist eine Einigung zur schrittweisen Einführung der 35-Stunden-Woche, wie sie jetzt für die Stahlkocher erreicht wurde, noch längst nicht in Sicht. In der kommenden Woche sollen die Streiks sogar ausgeweitet werden.

In drei Stufen zur 35-Stunden-Woche

Die Vereinbarung für die Stahlindustrie mit ihren nur noch rund 8000 Beschäftigten, die 35-Stunden-Woche in drei Stufen bis zum 1. April 2009 einzuführen und Betrieben mit Problemen die Möglichkeit einer Verschiebung einzuräumen, ist allenfalls ein erster Schritt. "Nun sollte es möglich sein, auch den Konflikt in der Metallindustrie zu lösen", hofft IG-Metall-Verhandlungsführer Hasso Düvel. Aber auch Düvel weiß, dass die Lage in der Branche mit rund 310 000 Beschäftigten sehr viel differenzierter und komplizierter ist als in der eher überschaubaren Stahlindustrie. "Das ist schwer zu vergleichen", räumen selbst Gewerkschafter ein.

Entsprechend heftiger wird in der Grundsatzfrage von drei Stunden weniger Arbeitszeit gestritten. Selten haben Arbeitgeber und IG Metall ihre Wortgefechte derart scharf geführt und einander falscher Aussagen bezichtigt, wie in dem seit Monaten dauerndern Tarifstreit. Politiker, die in den Reformdebatten ohnehin mit Gewerkschaftern über Kreuz liegen, haben ihre sonstige Zurückhaltung in Tarifkonflikten aufgegeben. Und auch in der Öffentlichkeit hat die Gewerkschaft, die sich in ihrem inzwischen dritten Anlauf für die 35-Stunden-Woche im Osten zunehmend unfair behandelt fühlt, einen selten schweren Stand.

Als hätte die Gewerkschaft in diesen Zeiten keine anderen Sorgen, als "für drei Stunden mehr Freizeit" auf die Straße zu gehen, heißt es etwa. Im Westen habe sich die 35-Stunden-Woche über zehn Jahre entwickelt, aber unter anderen konjunkturellen Bedingungen, schimpft Brandenburgs Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU). Von einem Frontalangriff auf die Wettbewerbsfähigkeit der Ost-Betriebe spricht Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt. Die IG Metall setze einen der wenigen Ost-Standortvorteile aufs Spiel. Der frühere Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD) wirft der Gewerkschaft gar vor, sie hinterlasse eine "blutige Spur". Was IG-Metall-Chef Klaus Zwickel umgehend als Zeichen der "Verkalkung Dohnanyis" wertet.

Viel Überzeugungsarbeit

Aber auch an der eigenen Basis muss die IG Metall viel Überzeugungsarbeit leisten. In vielen Betrieben ist die Angst vor Arbeitslosigkeit größer als der Wunsch nach kürzerer Arbeitszeit. Die IG Metall hält dagegen, dass es um eine schrittweise Anpassung gehe. Auch könne diese von der wirtschaftlichen Lage abhängig gemacht werden. Die Metall- und Elektroindustrie stehe deutlich besser da als alle anderen Ost-Wirtschaftsbereiche. Die Lohnstückkosten seien niedriger als im Westen. Bei alledem arbeiteten die Ost-Metaller für das gleiche Geld drei Stunden länger. Mit einer weiteren Verkürzung der Arbeitszeit könnten 15 000 neue Stellen geschaffen werden.

Alles Unsinn, kontern die Arbeitgeber. Durch die Mehrbelastung von 8,6 Prozent seien 20 000 Arbeitsplätze bedroht. Die Tariflohnkosten je Stunde lägen bei 92 Prozent West, die Arbeitsproduktivität je Stunde aber erst bei 66 Prozent. Die Tarifflucht werde bei einer Angleichung der Arbeitszeit zunehmen. "Die Tarifnorm hätte dann allenfalls noch die Bedeutung eines vergessenen Tempo-80-Schildes auf einer leeren Autobahn: Es ist zwar noch da, aber niemand fühlt sich in die Pflicht genommen, sich daran zu halten", warnt Gesamtmetall.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker