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Taxi-Ruf Köln: Perfektion aus Angst vor Uber

Taxi-Ruf in Köln hat strenge Aufseher - mit rissigen Sitzpolstern oder fleckigem Lack lassen die ihre Kollegen nicht zu den Kunden. Die Angst vorm Konkurrenten Uber beherrscht den Alltag.

Von Rolf-Herbert Peters

Bei Taxi Ruf in Köln muss alles picobello sein, dafür sorgt die Aufsicht

Bei Taxi Ruf in Köln muss alles picobello sein, dafür sorgt die Aufsicht

Ohne Radkappe läuft hier nichts. Ohne Hemdkragen auch nicht. Da sind Ilhan Kilic, Omar Ouennane und Alexander Pohle gnadenlos. Die drei Kontrolleure stehen an der Schranke des Taxiwarteplatzes am Flughafen Köln-Bonn. Sie tragen gelbe Warnwesten mit der Aufschrift "Taxi-Ruf Köln eG Aufsicht" und schauen unbeugsam wie Zollbeamte.

Taxis rollen an, halten an, die Scheiben gehen runter, Papiere werden stumm herausgereicht. Fahrer, deren Fahrzeug oder Kleidung nicht den strengen Vorschriften entsprechen, die nicht picobello sind, verweisen die drei Männer direkt Richtung Ausfahrt. Zu den Pflichten zählen: vier Radkappen, ein Hemdkragen, ein sauberes Auto und ein Lesegerät für Kreditkarten. Wer das nicht vorweisen kann: Ab nach Hause! Die Sünder dürfen sich nicht in die Warteschlange einreihen, um neue Fahrgäste aufzunehmen. "Am Flughafen und Bahnhof sind wir ganz streng", sagt Kilic, "hier kommen schließlich Leute aus aller Welt an."

Taxi-Ruf war über Jahrzehnte Monopolist in Köln

Fast jeden Tag fahren die drei Männer mit ihrem Dienstbulli im Auftrag der Genossenschaft Taxi-Ruf Köln den Flughafen, den Bahnhof, die Taxihaltestellen an oder winken Fahrzeuge aus dem fließenden Verkehr zu sich. Taxi-Ruf war jahrzehntelang Monopolist auf dem Kölner Markt, 1166 von gut 1200 Taxis sind hier organisiert. Erst seit Oktober gibt es einen kleinen Wettbewerber mit 40 Autos, Taxi17, den ehemalige Genossen gegründet haben.

Bei Taxi-Ruf werden die Fahrer beraten und betreut, aber eben auch überwacht. Die Regeln sind streng. Jeder Genosse hat sich bei Eintritt verpflichtet, die interne Aufsicht wie eine Polizei anzuerkennen. Wer sich weigert, den Anweisungen der insgesamt rund 30 Kontrolleure zu Folge zu leisten, wird für die Vermittlung gesperrt. Stunden oder sogar Tage. Für die meisten Mitglieder, die am Rande des Existenzminimums wirtschaften, wäre das eine Katastrophe, deshalb kuschen sie.

Kilic und seine beiden Kollegen sind selbst Taxiunternehmer. Jeder fährt einen eigenen Wagen, mit dem er seine Familie durchzubringen versucht. Bis zu 15 Stunden am Tag sitzen sie hinterm Steuer, 28 Tage im Monat. Kilic, 44, hat mal Maschinenbautechniker gelernt, wurde bei Ford von Zeitvertrag zu Zeitvertrag vertröstet, bis er die Nase voll hatte und sich ein Taxi kaufte. Ouennane brach vor zehn Jahren sein Elektrotechnik-Studium ab, mit 36, und arbeitet seitdem als Kutscher. Und Pohle, der Deutsche mit dem goldenen Ring im Ohr, hat Gastronom gelernt. Er überlegt oft, die wenig lukrative Fahrerei aufzugeben und wieder in den alten Job zurückzukehren oder eine Imbissbude aufzumachen, "aber mit 44 nimmt dich doch keiner mehr, oder?"

"Uber stört uns hier"

Sie kontrollieren ihre Kollegen aus Taxifahrerehre, aber auch aus Heidenangst. Angst, dass irgendwer ihr Gewerbe in die Schmuddelecke rücken könnte. Dass sie den elfenbeinfarbenen Lack dauernd waschen und polieren, ist auch so etwas wie eine Übersprungshandlung für ihr Selbstwertgefühl. Angst, dass irgendjemand in ihr gesetzlich geschütztes Gebiet eindringt.

Den US-Anbieter Uber gibt es zwar nicht in Köln, aber immer wieder reden sie unablässig davon wie von der bevorstehenden Apokalypse. "Uber stört uns, die wir hier so zusammenhalten", sagt Ouennane. Die Männer wollen, dass sich nichts ändert: Auf Kölner Stadtgebiet haben nur elfenbeinfarbene Taxis mit dem Kennzeichen K volle Rechte. Auch den Warteplatz vor dem Flughafen Köln-Bonn, den Taxi-Ruf Köln gemietet hat, darf niemand anderes nutzen als Fahrer der Domstadt. Selbst Bonner Kollegen müssen ihre Kunden am Terminal abladen und dann ganz schnell wieder schnell verschwinden. Auch das kontrollieren Kilic und seine Mannen.

Dunkle Wolken rasen von Westen heran. Alle paar Minuten brüllt ein startendes Flugzeug über dem Warteplatz. In einem schäbigen Container am Nordende hat ein ehemaliger Taxifahrer eine kleine Cafeteria eingerichtet. Fast nur südländische Männer stehen darin, trinken Kaffee aus Bechern, rauchen, feixen. Taxifahren heißt vor allem: rumstehen. Zwei, drei Stunden werden sie heute in der Schlange von 200, 300 Taxis ausharren müssen, bis sie den nächsten Gast einladen können.

An der Schranke fährt ein Sharan vor. Am Steuer ein junger Türke. Kilic schreckt auf, als hätte er eine Klapperschlange entdeckt: Vorne links - keine Radkappe. "Kollege!", sagt er scharf, "Radkappe ist Pflicht am Flughafen, das haben wir dir schon vor zwei Monaten erklärt!" "Ich habe das meinem Chef schon gesagt, aber der tut nix." "Dann musst du die Radkappe selbst kaufen!"

Einen Tag geben sie ihm Zeit dafür. Solange wird er keine Kunden bekommen. Der Fahrer zieht demütig ab – Richtung Ausfahrt.

Kein 1000 Euro-Kostüm auf rissigem Leder

Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Die Kontrolleure kommen richtig in Fahrt. Eine B-Klasse mit lockerer Stoßstange. "Beschädigte Autos wollen wir hier nicht sehen, da gehen wir aggressiv gegen vor", sagt Ouennane. Er öffnet die Hintertür des Fahrzeugs und findet Risse in der beigen Lederpolsterung. Der Fahrer versucht, das alles wegzulächeln. Keine Chance. "Kollege!", maßregelt ihn Ouennane, "da würdest du dich doch auch nicht mit einem 1000 Euro-Kostüm draufsetzen." Er zieht sein Smartphone und macht Fotos. Die wird er später mit einem Protokoll dem Vorstand von Taxi-Ruf vorlegen. Auch dieser Taxifahrer muss das Gelände verlassen. Sperre, bis alle Schäden beseitigt sind.

Und dann: ein schmutziger Wagen. Spritzspuren hinter den Kotflügeln. Kilic will gerade zur Predigt ansetzen - aber dann lässt er davon ab. Seit ein paar Minuten entladen sich die Wolken über ihm. Wenn es regnet, werden Autos schmutzig. Das müssen auch die Kontrolleure anerkennen. Keine Sperre, kein Aufforderung, die nächste Waschstrasse aufzusuchen. Der Taxifahrer lacht erleichtert, deutet einen militärischen Gruß an und stellt sich am Ende der elfenbeinfarbenen Schlange an.

Kilic, der Maschinenbautechniker, Taxifahrer und Kontrolleur, trägt ein weißes Hemd, ein schwarzes Jackett und eine blauweiß gestreifte Krawatte unter der Warnweste. Er ist ein kluger, eloquenter Mann. Sein Sohn hat gerade ein Studium aufgenommen, seine Tochter eine Ausbildung begonnen. Hat er keine Träume mehr, keine höheren Ziele für sich? Mehr zu verdienen als die zehn Euro Stundenlohn, die er durchschnittlich nach Hause bringt? "Mir würde es schon reichen, wenn alles so bleibt wie es ist", sagt er.

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