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Telekom-Prozess: Auftakt vor leeren Rängen

Stell dir vor, es ist Telekom-Prozess und keiner geht hin: Einen Saal, der sonst für Karnevalssitzung herhalten muss, hatte die Frankfurter Justiz angemietet, um dem erwarteten Ansturm von wütenden Telekom-Anlegern Herr zu werden. Nur eine Klägerin kam - und erlebte eine Prunksitzung.

Von Regina Weitz, Frankfurt

Es ist ein Jahrhundertprozess, der größte in der deutschen Justizgeschichte. 16.000 Kläger, 800 Anwälte, 80 Millionen Euro Schadenssumme. Weil das Oberlandesgericht ein Heer von Verfahrensbeteiligten und wütende Kleinanleger fürchtete, lagerte es den Zivilstreit um den dritten Börsengang der Deutschen Telekom kurzerhand aus - vom Justizzentrum an der Frankfurter Zeil in den beschaulichen Stadtteil Bornheim. Doch der große Showdown zum Auftakt blieb aus. Nur drei Dutzend Advokaten kamen ins eigens angemietete Bürgerhaus, und von den geprellten Aktionären verirrte sich gerade mal eine einzige in den sonst für Karnevalssitzungen oder Esoterik-Tage reservierten Saalbau.

Auch der Vorsitzende Richter, Dr. Christian Dittrich, hatte Mühe anzukommen. "Doch es lag nicht an mir", entschuldigte er sich, "sondern an meinem Zug." Ein umgestürzter Baum hatte im Schneetreiben die Oberleitung gekappt, den Herr des Verfahrens für über drei Stunden auf den Gleisen festgehalten. Trotzdem war der Mann hellwach, als er mit über einer Stunde Verspätung im 600 Plätze fassenden, aber nur zu einem Drittel gefüllten Saal zum "Gruß" anhob. Ein Gruß an die Kläger, ein Gruß an die Beklagten, auch die Anwälte, Medien und die vielen Helfer im Hintergrund begrüßte der Vorsitzende freundlich. Fast wie bei einer Prunksitzung - von der Bühne hinab ins Publikum, es fehlte nur noch der Paukenschlag.

"Lex Telekom" eigens für Prozess geschaffen

Der kam schon kurze Zeit später, als Dittrich auf KapMuG zu sprechen kam, das sogenannte Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz, eigens geschaffen für diesen Mammut-Prozess, um die Klagen der Anleger effektiv zu bündeln und zentrale Rechtsfragen in einem Musterbeschluss zu entscheiden. Doch nach Einschätzung von Richter Dittrich erweist sich das in Justizkreisen als "Lex Telekom" bekannte KapMuG als völlig "ungeeignet". Zäh und langwierig sei die Angelegenheit, und ein Vergleich bei so vielen Klägern "undenkbar", weil er nur mit Zustimmung aller möglich wäre, erklärte Dittrich.

Doch dem hätte die beklagte Telekom ohnehin nicht zugestimmt. Anwalt Bernd-Wilhelm Schmitz wies sämtliche Vorwürfe als "unbegründet" zurück und lehnte einen Vergleich "schon mit Rücksicht auf die rund drei Millionen Aktionäre ab, die nicht geklagt" hätten. "Dann bieten sie denen doch auch was an", konterte Anwalt Andreas Tilp keck. Er vertritt 300 geschädigte Aktionäre, darunter den Musterkläger Bruno Kiefer aus Baden-Württemberg. Der Pensionär fordert die höchste Einzelsumme - 1,2 Millionen Euro. Geld, das nach seiner Platzierung in Telekom-Aktien im Juni 2000 buchstäblich verbrannt ist.

Auch Christa Gruhler-Steier, 66, aus Seeheim-Jugenheim hatte damals noch schnell für 3.500 Euro Telekom-Aktien geordert. "Das war eigentlich schon zu spät", sagt sie heute. Doch damals kauften alle Aktien. "Es war ein Virus in der Luft." Angestachelt von der Freundin und den Werbespots des Tatort-Stars Manfred Krug, wollte die Pharmareferentin da nicht abseits stehen. Bereits am Handelstag des dritten Börsengangs sank der Kurs der "Volksaktie" von 66,50 Euro auf 65,79 , erreichte sein Allzeittief zwei Jahre später mit 8,14 Euro und dümpelt seitdem bei unter 20 Euro.

Telekom hat Immobilien falsch bewertet

In der Zwischenzeit kam raus, dass die Telekom ihr Immobilien-Vermögen viel zu hoch bewertet hatte, außerdem soll sie den Kauf des US-Mobilfunk-Unternehmens VoiceStream verheimlicht haben, der später zu hohen Abschreibungen führte. Diese beiden Vorwürfe stehen im Mittelpunkt des jetzigen Verfahrens. Würde das Gericht in nur einem Fall einen Prospektfehler feststellen und einen Teilentscheid fällen, so Anwalt Tilp, könnte man den Prozess erheblich verkürzen. Doch dieser Vorschlag stieß bei Richter Dittrich auf wenig Gegenliebe. Obwohl auch er sich bemühen will, "dieses Verfahren für die Anleger in einer überschaubaren Zeit über die Bühne zu bringen". Wie das funktionieren könnte, blieb allerdings nach langwierigen Verhandlungen aller Beteiligten am Ende des ersten Prozesstages offen.

Schon das Abarbeiten aller 33 Hauptfragen und 187 Einzelpunkte, die das Frankfurter Landgericht dem OLG zur Entscheidung übertragen hat, ist mühselig. Wären dafür Sachverständige nötig, käme der Prozess bereits ins Stocken. Im günstigsten Fall, so glauben Prozessbeobachter, könnten die Einzelverfahren in drei Jahren, im schlechtesten Fall in 20 Jahren entschieden sein.

Da hatten es US-Anleger besser. Dort schloss die Telekom, angeblich wegen des höheren Prozessrisikos, einen Vergleich und zahlte den Anlegern insgesamt 120 Millionen US-Dollar. Die hiesigen Kläger fordern nun Einblick in die Prozessakten dieses Verfahrens, die nach Angaben von Muster-Anwalt Tilp von der Bundesregierung unter Verschluss gehalten würden: "Der Staat verhindert, dass deutsche Anleger gleichbehandelt werden." Trotzdem gibt er sich siegessicher "Wir werden das Ding gewinnen." Und Telekom-Anwalt Schmitz orakelt: "Wir glauben, dass der Prozess einen kürzeren Verlauf haben könnte, als die Gegenseite annimmt. Einziges Indiz dafür bislang: Richter Dittrich will Ende nächsten Jahres in Pension gehen.