HOME

Toom wird zu Rewe-Center: Smoking-Pflicht für den Wochenendeinkauf

Toom gibt es auch als Supermärkte. Aber nicht mehr lange, denn bald werden sie Rewe-Center heißen und zu Erlebnisläden umgewandelt. Nachruf auf eine Kette, bei der man einfach nur einkaufen durfte.

Von Niels Kruse

Der erste Reflex auf meinen Vorschlag, Getränke schnell beim Toom zu besorgen, war: "Wie? Bei Euch gibt's Bier im Baumarkt?" Die richtige Antwort hätte natürlich lauten müssen: "Ja, wo denn sonst?!" Stattdessen lautete sie: "In Hamburg ist Toom ein Supermarkt. Ein sehr großer Supermarkt." Unter dem erdrückenden wie verlockenden Angebot des "SB-Warenhaus mit über 45.000 verschiedenen Artikeln" (Eigenwerbung von Betreiber Rewe) befanden sich nicht nur Bier mit Herzchen drauf sondern auch Overheadprojektoren, wie der neue Mitbewohner nach seinem ersten Besuch verzückt bemerkte.

Diese Dinger waren Mitte der 90er Jahre State of the Art in Sachen Informationspräsentation. Mein neuer Nachbar kannte sie bis dahin nur aus Schule und Uni. Was er nicht kannte, war ein Ort, wo Bildung und Banalität so nahe beieinander liegen durften, wie im Toom-Markt in Hamburg-Winterhude. Natürlich landete niemals eines der Geräte neben 100 Gramm Mortadella, 2-lagigem Klopapier und Brisk-Haarcreme in seinem Einkaufswagen. Und doch war der Massenabfertigungsmarkt für ihn Liebe auf den ersten Blick.

Wir hätten alles kaufen können - alles!

Eine Offenbarung, die auch unsere komplette WG derartig überzeugte, dass wir ganze Nachmittage dort verbrachten, nur um am Ende mit einem Becher Frischkäse nach Hause zu gehen - aber im Bewusstsein, genauso gut die neue Blümchen-CD, Fahrradluftpumpen, eine 10er-Packung Klarsichthüllen oder eben einen Overheadprojektor hätten erstehen zu können. Wenn wir nur gewollt hätten.

So weit, so gut. Leider aber wird Toom bald Geschichte sein. Die Muttergesellschaft Rewe will die Märkte umbenennen, berichtet die gewöhnlich gut informierte "Lebensmittelzeitung". Bis April sollen die rund 50 deutschen Läden "Rewe-Center" heißen. "Supermarktblog"-Autor Peer Schader fürchtet, dass der neue Name vorerst die einzig nennenswerte Änderung sein wird und unkt bereits, dass die Großshoppingarenen bleiben, was sie bisher auch sind: "Fenster in längst vergangene Zeiten: mit angestaubter Einrichtung, schmuddeligen Ecken, vollgestellten Gängen."

Das stimmt schon. Und doch geht es immer noch schlimmer. Oder vielmehr ging. In der alten Rindermarkthalle im Hamburger Stadtteil St. Pauli gaben sich einst einige Megamarktbetreiber die Klinke in die Hand: Plaza, Conti, Real. Am schlimmsten war es unter der Ägide von Wal-Mart: Beim Betreten des Ladens überkam mich immer das dringende Bedürfnis, sofort eine Zigarette anzuzünden, dem Ambiente des Ladens hätte es eher geholfen als geschadet. Nur Aschenbecher fehlten. Die gab's in der Supermarkt-eigenen Kneipe, in der sich die örtlichen Trinker schon morgens um zehn die ersten Biere reinsogen. Dann doch lieber in Winterhude durch die Gänge streunen, auf der Suche nach der einzigen Gemüsekontrollwaage des Hauses.

Einkaufen wird zum Event

Die Billig-US-Kette hat sich schon vor Jahren aus Deutschland zurückgezogen, zurzeit wird die Halle für viele Millionen Euro in einen edlen Großraum-Edeka umgebaut. Laut den #link;www.rindermarkthalle-stpauli.de/;Plänen der Betreiber# in genau die Art von Lebensmittel-Höhlenlounge, die gerade so angesagt sind. Von der Art, die Rewe wohl auch für seine Center vorschwebt, wenn man den Bildern des Prototyps in Egelsbach glauben darf.

Klar, die Dinger sind schick, sie sind modern, sie haben nichts mehr von dem quadratisch-praktisch-gut-Flair vergangener Zeiten. Und doch lässt einen das Gefühl nicht los, man müsse erst Abendkleid oder Smoking anziehen, um sie überhaupt betreten zu dürfen. Es ist die Überinszenierung des Einkaufens, wo es schon eine klare Sortimentsstruktur und freundliche Verkäufer tun würden.

Statt eines Overheadprojektors haben wir übrigens mal eine Bierbank gekauft. Es war Fußball-WM in Frankreich, und wir brauchten Sitzgelegenheiten. Die Bank existiert noch heute - als Andenken an eine Zeit, in der Einkaufen nur die Beschaffung von ein paar Dingen war. Und kein gesellschaftliches Ereignis.