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Tourismus: Türkei-Tourismus vor dem Umbruch

Zwei Jahrzehnte nach dem Beginn des Massentourismus muss das Reiseland Türkei gegensteuern: Kriegsfolgen, Terrorangst und Konjunkturschwäche fordern neue Strategien im Kampf um die Gäste.

Das Reiseland Türkei muss zwei Jahrzehnte nach dem Beginn des Massentourismus umsteuern. Die Folgen des Irak-Kriegs, Angst vor Terror-Anschlägen und die weltweite Schwäche der Konjunktur lassen schon jetzt erkennen, dass das Ziel von 15 Millionen Gästen in diesem Jahr nicht erreicht werden kann. Zudem nagt das Image als Billig-Destination am guten Ruf des Reiselandes. "Wir brauchen eine neue Philosophie", sagt Tourismus-Minister Erkan Mumcu.

Herber Bettenleerstand

An der türkischen Riviera um Antalya sind in diesen Tagen trotz schönsten Frühsommer-Wetters viele der 250.000 Betten leer. Einen Rückgang der Buchungen um 23 Prozent im Monat Mai beklagen die örtlichen Hoteliers. Andreas Stark vom Flughafen Antalya, an dem die deutsche Fraport beteiligt ist, rechnet für 2003 mit einem Minus im einstelligen Prozentbereich bei den Passagieren. 2002 waren es knapp zehn Millionen (An- und Abflüge). Antalya liegt damit nach Palma auf dem zweiten Platz der Urlaubsziele am Mittelmeer. Während des Irak-Krieges war die Zahl der Passagiere um 70 Prozent eingebrochen - und das, obwohl Bagdad 2.000 Kilometer entfernt liegt.

Nachlässe verschlimmern Ertragssituation noch

Bei Umsatz und Erträgen dürfte das Minus noch drastischer ausfallen. Denn die Reiseveranstalter reagieren mit zum Teil erheblichen Nachlässen auf die Flaute. Bis zu 15 Prozent haben die Hoteliers ihre Preise gesenkt. Damit bietet die Türkei im Vergleich zur Konkurrenz ein günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis. Grund sind die niedrigen Löhne, die im Schnitt bei 200 Euro im Monat liegen. Doch gerade deshalb fürchten Reiseveranstalter eine "Preisspirale nach unten", eine "Aldisierung" des Geschäfts mit den Gästen.

Weg vom Billig-Image

Der deutsche Marktführer im Türkei-Tourismus, Öger Tours aus Hamburg, will deshalb weg vom reinen Billig-Image und setzt neben günstigen Angeboten für Familien auch auf Golf, Wellness und exklusive Arrangements. Das Ergebnis ist voller Kontraste: An einigen Küstenstrichen drängt sich das Bild vom türkischen Ballermann auf: Die Offerte "Bier ein Euro" freut nicht nur preisbewusste deutsche Trinker, sondern auch die wachsende Zahl russischer Gäste.

Lockruf der Wellness-Oasen

Anderswo herrscht Design pur: Das minimalistische Hotel «Hillside Su» am Stadtrand von Antalya hat aller Folklore abgeschworen. Während draußen noch ein paar Ziegen am Rande der Ausfallstraße grasen, hat drinnen die Zukunft schon begonnen. Kein Holz, kein Bild, kein Tand, als einziger Farbklecks in den blendend weißen Zimmern ein Goldfisch im Glas. Andere Häuser locken mit prächtigen Badelandschaften drinnen wie draußen und international konkurrenzfähigen Golfplätzen.

"All-inclusive" immer noch das Zugpferd

"Die Türkei hat längst nicht alle Ressourcen ausgeschöpft", sagt Nina Öger. Sie ist im Unternehmen ihres Vaters für die Produktentwicklung verantwortlich und setzt auf mehr Vielfalt im Angebot. Doch die Reiseveranstalter wissen zugleich, dass sie ohne das starke Standbein der "Alles-Inklusiv-Reisen" nicht auskommen können. Diese Komplett-Pakete hatte 2002 der Großteil der 3,5 Millionen Deutschen, 1,8 Millionen Russen und knapp eine Million Briten in der Türkei gebucht.

"Tourismus und Kultur gehören zusammen"

Auch Minister Mumcu, der ebenso für die Kultur seines Landes zuständig ist, will mehr Qualität. "Tourismus und Kultur gehören zusammen", sagt er. Beispiele wie das antike Theater von Aspendos, wo von Juni bis August ein Opernfestival stattfindet, sind ganz nach seinem Geschmack. "Tourismus darf nicht nur betriebswirtschaftlich gesehen werden". Er fordert einen zentralen Entwicklungsplan für den Fremdenverkehr in der Türkei. Es wäre der erste im dritten Jahrzehnt als Reiseland.