UNTERNEHMEN Ärger im »System«


Ehemalige Pächter der Kamps AG haben ihren Brötchengeber angezeigt: Sie fühlen sich um den Lohn ihrer Arbeit betrogen und wehren sich gegen den Einsatz von Privatdetektiven in ihren Filialen.

Fünfzehn Jahre schuftete das Hamburger Unternehmer-Ehepaar Einsiedel 80 Stunden pro Woche. Werktags von früh halb sechs bis abends halb acht, samstags verließen sie ihre Bäckereifiliale um 15.30 Uhr. Keinen einzigen Tag Urlaub nahmen sie. Den Sonntag verbrachten sie mit Einkaufslisten, Umsatzberechnungen und in der Hoffnung, die ewige Müdigkeit würde sich eines Tages auszahlen. Aber egal, ob ihr Umsatz stieg oder fiel, ob sie Kunden gewannen oder ihre Ausgaben verringerten: Ihr Jahresgewinn betrug »immer 20.000 Euro«, sagt Volcker Einsiedel. Ein Stundenlohn von 2,50 Euro.

Als sie

begriffen, dass es immer so weitergehen würde, »dass der Pachtvertrag der Firma Kamps eine Sache ist und eine ganz andere, wie er gelebt wird«, wurde aus der Hoffnung Frust. Aus dem Frust wurde Verzweiflung, als Herr Einsiedel mit einem schweren Lungenleiden aus dem Laden in die Intensivstation gefahren wurde. Im April 2002 wurde den Einsiedels ein neuer Pachtvertrag, jetzt »Systemvertrag« genannt, zugesandt. Doch das Ehepaar war mit den Kräften am Ende. Vor wenigen Wochen kündigten sie.

Ihr Frust

hat sich in Wut verwandelt. Das Ehepaar Einsiedel, sie 51, er 55, sitzt in den Räumen von Pro Honore - dem Hamburger Verein für Treu und Glauben im Wirtschaftsleben, gegründet 1925. »Für die Ehre« heißt pro honore. Seit 1994 beschäftigt sich der »Ausschuss gegen Wirtschaftskriminalität« des Vereins mit Kamps. Der Ausschussvorsitzende und Anwalt Otto Dobbeck und die Diplomkauffrau Dorothee Sommer haben Informationen oder Aussagen von knapp 200 Kamps-Pächtern gesammelt, Umzugskartons voller Kamps-Akten türmen sich zwischen den Schreibtischen.

Ganz oben

auf dem Schreibtisch von Dobbeck liegt das Ergebnis der jahrelangen Recherchen: ein 70-Seiten-Krimi. Titel: »Strafanzeige«. Gegen Kamps, die Firma und den Gründer des Unternehmens, Heiner Kamps, persönlich. Diese Woche ging sie an die Staatsanwaltschaft beim Hamburger Landgericht. Der Inhalt der Anzeige: Unter anderem geht es um den Verdacht auf Betrug, den Verdacht der Erpressung, der Untreue, des Vorenthaltens und Veruntreuens von Arbeitsentgelt. Kamps, Betreiber des größten Bäckereifilialnetzes der Republik (rund 1.100 Backshops), soll sich am Arbeitseinsatz seiner Pächter bereichert haben, lautet der Hauptvorwurf von Pro Honore. Das Kamps-Pachtsystem sei so ungerecht, dass seine Pächter beachtlichen wirtschaftlichen Schaden nähmen. Auch würden die Pächter, die meistens ihren Arbeitsplatz aufgeben, um sich als Backshop-Leiter selbstständig zu machen, im Kamps-System massiv unter Druck gesetzt.

Zweifel bestehen, ob alle diese Vorwürfe berechtigt sind. Heiner Kamps jedenfalls gibt sich noch gelassen. »Da fehlen ja nur noch Mord und Totschlag.« Ihm seien »keine Probleme bekannt. Unsere Pächter sind zufrieden«. Hinter der Anzeige vermutet er »einige wenige«, die »zu wenig in ihrem Laden arbeiten«. Die Vorwürfe von Pro Honore bezögen sich auf »alte Verträge, die wir übernommen haben und jetzt aber alle geändert wurden«.

Die Kamps AG

zog im Rechtsstreit schon einmal den Kürzeren: Im Mai 2001 wurde der Backkonzern vom Oberlandesgericht in Hamburg wegen ungerechtfertigter Bereicherung verurteilt. Eine Pächterin hatte der Firma unklare Geschäftsbedingungen nachweisen können. Anfang 1999 wurde der Konzern vom Bundeskartellamt zur Zahlung eines Bußgeldes von 500.000 Mark verurteilt. Beanstandet wurde, dass Kamps den Filialen die genauen Preise vom Brötchen bis zum Bienenstich vorschrieb. Auch die Anzeige von Pro Honore dürfte den Juristen im Hause Kamps nicht schmecken. Zu den Vorwürfen haben die Kamps-Kritiker eine Fülle von Beweismitteln zusammengetragen: Pachtverträge, interne Rundschreiben. Und: Aussagen von Pächtern.

Fünf von ihnen

haben mit dem stern gesprochen: Annemarie Hansmann, gelernte Floristin, übernahm 1991 eine »Nur-hier«-Filiale im Hamburger Studentenviertel. »Nur hier« gehörte damals zur Weber-Gruppe, Geschäftsführer war ab 1992 Heiner Kamps. »1995 wurde ich in die Hamburger Niederlassung zitiert«, sagt Hansmann. »Da wurde mir vorgeworfen, ich hätte fünf Mark nicht korrekt in die Kasse eingegeben. Wenn ich täglich um 50 Mark betrügen würde, hieß es, käme das in einem halben Jahr auf 6.000 Mark. Ich sollte die bezahlen, sonst würde man mir kündigen. Aber nicht mal die Beträge, die ich laut Detektiv korrekt eingegeben haben soll, stimmten mit meiner Kassenrolle des betreffenden Tages überein.«

Der Detektivbesuch

»mal hier, mal da« war den Pächtern per Rundschreiben angekündigt worden. Die Begründung: »Wir müssen uns lediglich selbst schützen.« Kamps sagt, ihm sei ein solcher Fall, wie Annemarie Hansmann ihn schildert, nicht bekannt. Mit Detektivbesuchen allerdings, räumt Kamps ein, arbeite er bis heute, »aus Fürsorgepflicht gegenüber dem Pächter«. Das machten große Kaufhausketten doch auch. »Im Übrigen stehe in den Pachtverträgen, dass derartige Testkäufe durchgeführt werden.« Hansmann jedenfalls zahlte nicht und kündigte - »schweren Herzens, denn ich habe meinen Laden geliebt«. Der Spaß war ihr im Lauf der Jahre vermiest worden. Die »Heiße Tasse«, die sie anbot, erlaubt laut Pachtvertrag, wurde vom zuständigen Gebietsverkaufsberater aus den Regalen geräumt, immer wieder erhielt sie Schreiben nach dem Motto: »Ich als Pächter wäre eine Null.« Obwohl in der Regel ab 11 Uhr keine belegten Brötchen mehr weggingen, sollte Hansmann noch um 17.30 Uhr welche auflegen. Nur einmal konnte sie sich durchsetzen: Gegen die Vorschrift, in ihrer Filiale an der stark befahrenen Kreuzung auch im Winter die Türen offen zu halten, wehrte sie sich mit einem Gutachten des Amtes für Arbeitsschutz: Weit unter 15 Grad Celsius maßen die Gutachter, zudem beachtliche Lärmbelästigung. Unter Androhung von Strafe ordnete das Amt an, die Türen zu schließen.

Die Ex-Pächterin Erika Geese hatte jahrelange Erfahrung im Obsthandel, bevor sie nach dem Tod ihres Mannes eine Bäckereifiliale im Hamburger Bleichenhof übernahm. »Ich habe gedacht: Das ist eine renommierte Firma, die gehen fair mit dir um.« Geese hatte reichlich Kunden, steigerte ihren Umsatz auf 800.000 Mark, dachte sich viele Snacks aus, die »weggingen wie blöde«. Irgendwann kam sie dahinter, dass sie wegen der Extraabgaben, die sie für belegte Brötchen zusätzlich zur Pacht abführen musste, weniger verdiente, als wenn sie sich die Arbeit mit Belegen sparte. Den Belag, Lachsscheiben und Schinken, zahlte sie sowieso schon aus eigener Tasche. »Wieso darauf noch mal Abgaben zahlen?« Sie strich die Snacks und kündigte.

Die Verantwortlichen

der Kamps-Kette handelten wissentlich und vorsätzlich, sagen die Pro-Honore-Leute. Die Mehrzahl der Backshops werde zu Bedingungen vergeben, unter denen der Pächter auf keinen grünen Zweig kommen könne, was Kamps bestreitet. Pro Honore kennt Pächter, die Lebensversicherung oder Sparbuch reinsteckten, um sich über Wasser zu halten. Für die Ex-Pächterin Eva Staudinger endete ihr Kamps-Abenteuer mit Schulden. Ihre Filiale in Schwäbisch Gmünd war umzingelt von anderen, teilweise alteingesessenen Bäckern. Bei ihren Bewerbungsgesprächen, so berichtet sie, wurde der Vorpächter »zur Niete erklärt«. Staudinger glaubt: »Wenn Barilla den Laden sehen würde, die würden den sofort dichtmachen.« Der italienische Nudelgigant Barilla übernahm vergangenen Sommer 90 Prozent der Kamps-Aktien. Guido Barilla sagt, ihm seien keine Probleme mit Pächtern bekannt. »Wir sind im Kennenlernprozess.«

Pro Honore

will mit der Anzeige in erster Linie erreichen, dass den Pächtern Rechte zugestanden werden. »Und dass solche Geschäftspraktiken nicht um sich greifen«, sagt Vereinsmitglied Dorothee Sommer. Schon einmal, im März 2000, hatte Pro Honore eine Strafanzeige gegen Kamps vorbereitet, wegen der Veruntreuung von Arbeitsentgelt. Kamps signalisierte daraufhin Gesprächsbereitschaft. Pro Honore legte die Anzeige wieder in die Schublade. »Uns ging es vor allem darum, dass die Pächter entschädigt werden.« Nach vier Treffen stellte Dobbeck jedoch fest, »dass wir nur hingehalten werden sollten«. Diesmal holt Pro Honore weiter aus und ist, laut Dobbeck, »umfassend vorbereitet«.

Die Probleme

sind längst auch bei Kamps angekommen. Volcker Einsiedel erinnert sich, wie der Geschäftsführer für Kamps Hamburg beim Pächtertreffen gesagt habe: »Unsere Pächter-Fluktuation ist zu hoch.« Inzwischen, so berichtet Pro-Honore-Mitglied Sommer, suche Kamps verstärkt die Zusammenarbeit mit Ausländern als Systempartner: »Da hilft die ganze Familie im Laden mit, und sie mucken nicht so leicht auf.«

Beate Flemming


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