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TV-Kritik zu "Günther Jauch": Alles bio, oder was?

Sind Bio-Lebensmittel wirklich so gesund wie wir denken? Oder fallen wir auf einen großen Schwindel herein? Günther Jauch hatte mit Sarah Wiener endlich mal einen Talkgast jenseits der Schnarchzone.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Am Anfang steht die Erleichterung. Nicht schon wieder Eurokrise, nicht schon wieder Wulff-Desaster, das ist ja inzwischen alles ein Albtraum. Man hat mittlerweile schon Angst, dass plötzlich nicht nur alle Ex-Bundespräsidentengattinnen Dunstabzugshauben fordern, sondern ganz Griechenland und dass die 190 Milliarden Euro nun doch nicht für eine optionale Rettung Europas zur Verfügung stehen, sondern direkt auf ein Konto nach Großburgwedel gehen. Gut also, dass uns Günther Jauch am Sonntagabend lieber zum Hähnchenessen verführen wollte und das Geflügel in die Kamera hielt, wahlweise Bioware oder handelsüblich. Keine Sorge, die nächste überflüssige Kochshow wurde nicht daraus, auch wenn es von Talkgast Sarah Wiener sicher 1-A-Unterstützung gegeben hätte. Doch die Köchin mischte auch ohne Kochlöffel kräftig mit beim Thema "Der große Bioschwindel - Wie gut ist Öko wirklich?" Wiener gab der Runde, sozusagen den sonst so oft fehlenden Pfeffer. Eine Wohltat.

Eine Frage des Geldes

Selten genug, dass mal jemand echte Leidenschaft für seine Argumente zeigt. Sarah Wiener tat es, eine Bio-Verfechterin, unermüdlich im Kampf für eine bessere Welt. Ihr Credo: "Unsere Zukunft kann nur ökologisch sein oder gar nicht sein." Sonst können wir hier gleich einpacken. Punkt. Nur: Idealisten sind naturgemäß ruckzuck als "Spinner" und "Sonderlinge" verschrien. Und so verwundert es nicht, dass der Köchin prompt das Etikett "realitätsfern" angeklebt wurde. Etwa von Heiner Kamps, der mit Bio-Produkten überhaupt nichts am Hut hat, sie seien weder besser noch gesünder. Glorifizieren hier, Verteufeln dort, das ist nicht angebracht. "Konventionelle Ernährung war noch nie so gut wie heute", insistierte der Unternehmer. Er wehre sich entschieden, wenn man über konventionelle Landwirte urteile als wären sie automatisch Kriminelle. Die Bio-Idee sei vor allem eine Image-Frage, ziele aber an den Lebensrealitäten vorbei. "Wir haben nicht genug Fläche, um ausschließlich Bio zu produzieren", so Kamps. Zudem könnten sich viele Deutsche die wesentlich teurere Bioware nicht leisten. Wiener hielt dagegen: "Das betrifft nur eine kleine Gruppe." Geld dürfe nicht das Argument sein, es gehe schließlich um nichts Geringeres als um das Überleben dieses Planeten. Und da sei einiges wieder gutzumachen. "Wir haben in den letzten 40 Jahren kräftig überzogen", so Wiener.

Nicht genug Platz für "Bio"

Ist Bio also das für unsere Erde was der ESM für Europa ist? Die letzte Rettung, wenn´s brennt? Mitnichten, wenn man Udo Pollmer folgt. Der Lebensmittelchemiker sprach von "Ökowahn" und stellte gleich mal klar: "Um weltweit alle Menschen mit Bioprodukten zu versorgen, bräuchten wir einen zweiten Globus im Kofferraum." Man müsse wissen, dass es dem Tier, das nach Biorichtlinien gezüchtet werde, nicht zwangsläufig besser gehe. Biotiere würden häufiger krank, doch, so Pollmer, nicht entsprechend behandelt, sonst verliere der betroffene Landwirt den Biostatus. Antibiotikavorwürfe gegen konventionelle Landwirte ließ er nicht gelten: "Das ist flächendeckend verboten." Die Redaktion hat da was ganz anderes recherchiert: Mehr als 1700 Tonnen Antibiotika wurden im vergangenen Jahr an Tierärzte abgegeben, ein Großteil davon dürfte in der Massentierhaltung gelandet sein, das heißt: bei Tieren werden 40 Mal mehr Antibiotika eingesetzt als in Krankenhäusern.

Romantische Verkaufsargumente

Zudem geht es nun mal nicht so heil in der Natur zu, wie wir gerne glauben wollen. So gäbe es, wie Pollmer ausführte, beispielsweise bei Hühnern in Freilandhaltung, egal ob bio oder konventionell, relativ hohe Tierverluste. Nicht zu vermeiden seien das typische Gerangel um die Hackordnung, Federpicken, Kannibalismus und hygienische Probleme. "Inzwischen ist man schon dabei, normale Verhaltensweisen der Hühner abzuzüchten, damit man endlich die Bilder für die Biowerbung hat, die man da braucht", berichtete Pollmer. Dass um die Bio-Idee jede Menge Romantik – ein wesentliches Verkaufsargument - gestrickt würde, kritisierte auch Heinrich Graf von Bassewitz. "Eine heile Biowelt wie im Bilderbuch gibt es nicht", sagte der Biolandwirt und Bundesbeauftragte für ökologischen Landbau des Deutschen Bauernverbands.

Nun wurde jüngst, um die Verwirrung noch größer zu machen, in einer US-Studie festgestellt: Biolebensmittel sind nicht gesünder als Lebensmittel aus konventioneller Produktion. Aber wenigstens schmecken sie besser, oder etwa nicht? Jauch servierte Publikum und Talkgästen Apfelstück, einmal bio, einmal konventionell. Die Äpfel kamen letztlich gleich gut weg. "Das wundert mich nicht", meinte lapidar Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer Handelsverband Deutschland (HDE). Mehr als sechs Milliarden Euro geben die Deutschen jährlich für Bioprodukte aus – und warum? Wiener versuchte eine Erklärung. "Wir haben die Sehnsucht, dass das, was wir essen, das Richtige ist". Doch diverse Biosiegel tun ihr übriges, um uns weiter zu verwirren, so Jauch: "Wahrscheinlich stehen wir morgen wieder vor den Regalen wie ein lebendes Fragezeichen herum."

  • Sylvie-Sophie Schindler