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US-Finanzmarkt: Kampf den Drücker-Kolonnen

Die Ereignisse auf dem US-Finanzmarkt halten die Welt in Atem: Faule Hypothekenkredite gefährden nun auch die Stabilität deutscher Banken. Experten glauben gar, die Krise könnte die ganze Welt in eine Rezession stürzen. Nun unterbreitet US-Finanzminister Paulson seine Rettungs-Vorschläge.

Von Sebastian Dullien

Am Montag hat der amerikanische Finanzminister Hank Paulson einen 218-seitigen Vorschlagskatalog vorgelegt, wie man künftig Banken und Finanzsystem besser überwachen könnte, um neue Finanzkrisen zu vermeiden. Tatsächlich will Paulson nichts weniger als einen Komplettumbau der amerikanischen Finanzmarkt- und Bankenaufsicht.

Die Grundidee ist, die Aufsichtsstrukturen über das US-Finanzsystem zu vereinfachen und zusammenzufassen. Zudem sollen nationale Mindeststandards für Hypothekenvergaben eingezogen werden. Dabei soll die Macht der US-Notenbank Fed erhöht werden. Diese soll künftig eine Schlüsselrolle einnehmen und weite Befugnisse bekommen, Informationen von Banken und anderen Finanzinstitutionen einzuholen und diese abzumahnen.

Paulsons Ansatz höchst sinnvoll

Grundsätzlich ist der Ansatz Paulsons (der ja selber jahrzehntelang bei der Investmentbank Goldman Sachs gearbeitet hat) höchst sinnvoll: Trotz ihrer hoch entwickelten Finanzmärkte hat die USA ein absurd unüberschaubares und ineffizientes System der Finanzmarktregulierung. Für die Aufsicht über Banken sind - je nach Rechtsform und Geschäft - mal die Notenbank, mal eine Behörde beim Finanzministerium, mal die staatliche Einlagensicherung zuständig. Hinzu kommen Aufsichtsbehörden in den Einzelstaaten.

Verkompliziert wird das alles noch einmal dadurch, dass sowohl die Bundesebene als auch die 50 Einzelstaaten eine Genehmigung für den Bankbetrieb aussprechen können. Finanzmärkte werden wiederum von anderen Behörden reguliert, eine, die etwa sicherstellen, dass Unternehmen, die Aktien ausgeben, bestimmte Buchhaltungsregeln einhalten, eine andere, die sich um Terminmarktgeschäfte kümmert. Versicherungen werden so gut wie gar nicht auf nationaler Ebene überwacht, sondern nur in den Einzelstaaten.

Faule Kredite landen in den Bilanzen der Finanzinstitute

Neben den normalen Banken gibt es zudem Finanzinstitute, die überhaupt nicht von der Bundesebene überwacht werden. So wurden die meisten der Subprime-Hypotheken an Schuldner mit geringen Sicherheiten und wackeliger Kredithistorie von so genannten "Hypothekengesellschaften" vergeben, die einzig von den Einzelstaaten überwacht werden. Diese Überwachung war in einigen Staaten wie Kalifornien äußerst mangelhaft, wie sich jetzt herausstellt: Zum Teil sind schlecht ausgebildete Makler durch die Städte gefahren und haben nach Drücker-Manier an den Haustüren Hypothekenkredite verkauft, oft ohne die Schuldner über die wahren Belastungen nach der Anlaufphase zu informieren.

Bezahlt wurden die Makler nach Prämien, abhängig von der Hypothekenhöhe, unabhängig davon, ob der Schuldner später seinen Kredit bedienen konnte. Später wurden die Kredite dann gebündelt und an andere Banken weitergereicht - und belasteten so etwa Bilanzen deutscher Institute wie der Mittelstandsbank IKB oder nun sogar der Deutschen Bank. Tatsächlich braucht man sich aber bei solchen Vertriebsstrukturen und mangelnder Aufsicht nicht zu wundern, dass eine Menge fauler Kredite in den Bilanzen der Finanzinstitute landen.

Was von den Ideen übrig bleibt, ist unklar

Dieses Flickwerk würde mit Paulsons Vorschlägen ein Stück vereinfacht und verbessert. Auch dürften die ganz groben Exzesse bei der Immobilienvergabe erst einmal Geschichte sein.

Doch so sinnvoll diese Vorschläge auch sind, sie haben zwei Haken: Erstens ist nicht klar, was von den Ideen übrig bleibt, bis sie Gesetz werden. Derzeit herrscht in den USA Wahlkampf. Im November werden ein neuer Präsident und ein neuer Congress gewählt. Vor der Vereidigung eines neuen Präsidenten im Januar 2009 wird kaum ein größeres Gesetzespaket zur Finanzmarktregulierung verabschiedet werden. Und ob die neue Regierung dann auf die Konzepte Paulsons zurückgreift, ist fraglich: Kommen die Demokraten ins Weiße Haus, so ist durchaus denkbar, dass sie sich noch umfassendere Regeln wünschen. Und ob eine Regierung unter dem republikanischen Kandidaten John McCain überhaupt weiter auf eine stärkere Regulierung der Banken pocht, ist offen: Im Wahlkampf hat McCain bislang immer propagiert, der Staat müsse sich mehr aus der Wirtschaft heraushalten - auch in der gegenwärtigen Hypothekenkrise.

Zweitens lehrt uns die Erfahrung, dass jede Finanzkrise anders ist: Üblicherweise sind es neue oder zuvor nicht weit verbreitete Finanzinstrumente, bei denen sich erst ein Boom und dann ein Crash abspielt, der dann auf das übrige Finanzsystem überspringt. In den 80er Jahren waren es hoch spekulative Unternehmensanleihen ("Junk Bonds"), nun sind es Subprime-Kredite. Ganz verhindert wird man solche Krisen auch in Zukunft nicht können - zumindest nicht alleine mit einer Reform der Finanzaufsicht.