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Fleischloser Aufschnitt boomt: Wenn Vegetarier Wurst wollen

Es klingt paradox, doch auch Tierfreunde lieben Wurst. Eine fleischfreie Aufschnittsorte wird zum Hit im Kühlregal - und inzwischen häufiger gekauft als das Original.

Von Silke Gronwald

Sieht aus wie Wurst, riecht wie Wurst und schmeckt wie Wurst - und ist doch fleischfrei. Die vegetarische Alternative zu Aufschnitt ist ein Hit im Kühlregal.

Sieht aus wie Wurst, riecht wie Wurst und schmeckt wie Wurst - und ist doch fleischfrei. Die vegetarische Alternative zu Aufschnitt ist ein Hit im Kühlregal.

Würste sind die Zigaretten von morgen

Vor wenigen Wochen ist sie eingegangen, die fleischfressende Pflanze auf dem Fensterbrett von Godo Röben. Als hätte sie gespürt, dass ihr Besitzer, der Marketingchef einer der größten Wurstfabriken Deutschlands, #link;http://www.stern.de/genuss/essen/weltvegetariertag-in-indien-sind-selbst-burger-ketten-vegetarisch-2141805.html;auf dem Veggie-Trip ist#. Und tatsächlich hat er ihr Ableben kein bisschen betrauert. In Röbens Leben war Fleisch gestern. Heute kämpft er für die fleischlose Wurst.

Vor knapp drei Jahren hatte der Manager die Idee, eine vegetarische Produktlinie für Rügenwalder zu entwickeln, bisher bekannt für Teewurst. Durch Gespräche mit seiner ernährungsbewussten Frau war in ihm die Erkenntnis gereift: Würste sind die Zigaretten von morgen. Hohe Cholesterinwerte, problematische Zutaten und industrialisierte Tierhaltung verderben den Deutschen zunehmend den Appetit – und der Wurstfabrik womöglich das Geschäft.

Wenn Wurst vegetarisch wird

Intern gab es viel Widerstand. "Fleischfreie Wurst, ausgerechnet von uns?", war noch das Harmloseste, was er zu hören bekam. Grünzeug von einem Unternehmen, dessen Logo aus zwei zu Windmühlenflügeln gekreuzten, strammen, roten Würsten besteht? Rügenwalder, eine Kultmarke der Fleischfans, soll auf einmal veggie werden? Doch Firmenchef Christian Raufuss, als Fleischermeister und passionierter Jäger eigentlich der Gegenentwurf zu einem Vegetarier, ließ seinen Marketingchef machen. Der schnappte sich die halbe Entwicklungsabteilung, experimentierte mit Geschmack und Konsistenz, kämpfte gegen die Vorurteile der Kollegen, und auch wenn sein Projekt jedes Mal, wenn er aus dem Urlaub kam, von den Kritikern gestoppt worden war – Röben hielt durch.

Verkaufshit im Kühlregal

Seit Dezember liegen nun die ersten vegetarischen Wurstarten in den Kühlregalen – fleischfreier Schinkenspicker in den Sorten Mortadella, Paprika und Schnittlauch. Mehr als 2,5 Millionen Packungen wurden im ersten Monat verkauft. "Von der fleischfreien Mortadella setzen wir mittlerweile die vier-bis fünffache Menge des Originals ab", sagt Röben. Gerade kommt er aus einer vierstündigen Krisensitzung. Es gibt Engpässe in der Produktion. In vielen Läden ist der alternative Aufschnitt ständig ausverkauft. Längst greifen nicht nur die fast acht Millionen Vegetarier zu. Viele Deutsche wollen heute zwar nicht ganz auf Fleisch verzichten, aber weniger davon essen. Für sie liefert die fleischfreie Wurst Lustgewinn ohne schlechtes Gewissen.

Ist Veggie-Wurst gesünder?

"Die sogenannten Flexitarier legen sich nicht mehr täglich, sondern nur noch zwei- bis dreimal die Woche Aufschnitt aufs Brot", sagt der Ernährungspsychologe Joachim Westenhöfer. Vor allem bei Frauen beobachtet der Professor ein steigendes Bedürfnis nach gesunder Ernährung. Und so manche Frau jubelt dann offenbar auch ihrem Mann die Veggie-Scheiben unter.

Aber was taugt der Wurstersatz für die gesunde Ernährung? Silke Schwartau, Lebensmittelexpertin der Verbraucherzentrale Hamburg, hat für den stern die vegetarische Sorte mit dem fleischhaltigen Original verglichen. Optisch gibt es so gut wie keinen Unterschied. Reißt man die Packungen auf, entströmt beiden eine leicht faulige Duftwolke, die manche Kunden "Wurstpups" nennen. Die Konsistenz ist fest, der Geschmack nahezu gleich. Die Veggie- Variante ist stärker gewürzt, enthält Farbstoffe und Aromen. "Ansonsten schneidet sie aber deutlich besser ab", sagt Schwartau, "sie hat weniger Kalorien und kommt mit weniger gesättigten Fettsäuren aus."

Große Gewinnspanne

Mit frischem Gemüse, wie die grüne Verpackung suggeriert, hat das Fleischimitat allerdings wenig zu tun. Zu 86 Prozent besteht es aus Eiklar und Rapsöl. Die Zutaten sind günstig, das ist gut für die Gewinnspanne. Eine Packung kostet 1,29 Euro, der Kilopreis beträgt knapp 16 Euro. Schon bald will Godo Röben 30 Prozent des Umsatzes mit Veggie-Produkten machen.

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