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Weltwirtschaftsforum Davos 2011: Der Gipfel der Ratlosen

Das Treffen von Politik- und Wirtschaftsgrößen im Schweizer Nobelort Davos soll Ideen für die Welt von morgen liefern. Doch die Zweifel an der globalen Elite sind größer denn je.

Von Christian Schütte

Das Rezept ist so schlicht wie elitär: Man nehme ein paar Hundert internationale Alphatiere aus Wirtschaft und Politik, einige brillante Köpfe aus den Universitäten und der sogenannten Zivilgesellschaft, sperre sie in einen verwinkelten Betonbunker in einem teuren Schweizer Bergdorf, gebe die heißesten Themen des Jahres dazu und lasse das Ganze unter gelegentlichem Hineinrühren einer Party oder einer Skiabfahrt vier bis fünf Tage köcheln. Fertig ist eine Welt, die ein Stückchen besser geworden ist.

Das Davoser Weltwirtschaftsforum (WEF) serviert diese Formel bald ein Vierteljahrhundert lang mit Erfolg, und im Prinzip kann ja auch nicht viel schiefgehen: Bringt man eine solche Zahl von Leuten zusammen, die sich an den verschiedensten Fronten der Weltwirtschaft jeweils exzellent auskennen und dazu nicht auf den Kopf gefallen sind, dann nimmt am Ende jeder zumindest ein paar neue Erkenntnisse und Geschäftskontakte mit nach Hause. Viel heiße Luft und Geblubber in der Ideenküche werden dafür immer wieder tapfer ertragen.

Die Aura des glänzenden Fortschritts, die das Klassentreffen aller wohlmeinenden Lenker und Banker jahrelang ausstrahlte, ist allerdings dahin. Im Jahr drei nach dem Weltfinanzcrash sind die Risse und der Kräfteverschleiß in den Netzwerken der Globalisierung unübersehbar.

Die alten Eliten und Institutionen haben in vielen Ländern dramatisch an Vertrauen verloren - und damit an Gestaltungsmacht. Selbst WEF-Chef Klaus Schwab spricht dieser Tage von einem "globalen Burnout-Syndrom".

Von der besseren Weltordnung, die auf den Podien von Davos schon so oft beschworen wurde, ist Anfang 2011 nur wenig zu sehen: Die G20, die nach dem Lehman-Crash 2008 einen kurzen Moment lang als eine Art neue Weltregierung gefeiert wurden, sind zu einer weiteren Standardnummer im alljährlichen Gipfelzirkus geworden. Die EU, die ein Vorbild für die Welt sein will, müht sich vergebens, ihre Schuldenkrise zu entschärfen und den Zerfall des großen Euro-Projekts zu verhindern.

Der riesige Tross der Klimadiplomaten hat sich auf dem Gipfel von Cancún im Dezember 2010 gerade noch darauf einigen können, dass die Klimadiplomatie auch in diesem Jahr weitergehen soll. Die internationalen Großkonflikte - von Nahost über den Iran bis auf die Koreanische Halbinsel - schwelen weiter, ohne dass es irgendeinen Fortschritt bei ihrer Entschärfung gäbe. Und an den Finanzmärkten wird schon wieder über die nächste Blase spekuliert.

Twittern vom Zauberberg

Nicht nur militante Globalisierungskritiker stellen da die Frage, ob die feine Gipfelgesellschaft womöglich ein Teil des Problems ist. In Davos könne ja über alle möglichen Risiken und Probleme diskutiert werden, ätzt der Reuters-Finanzkolumnist Felix Salmon - nur ein Gedanke bleibe leider stets tabu: dass der selbstgerechte Anspruch der dort versammelten Reichen und Mächtigen vielleicht alles verschlimmert.

Ein bisschen netter, doch im Ergebnis noch viel schockierender fällt die Diagnose Walter Russell Meads aus. Der US-amerikanische Publizist und Professor für Internationale Politik hält die Eliten der Welt derzeit schlicht für überfordert: "Wir betreten Neuland, die alten Theorien helfen nicht mehr weiter", schreibt Mead zunächst verständnisvoll.

Doch dann holt er zum Rundumschlag aus: "All die Nobelpreisökonomen und Millionen-Dollar-CEOs, die schnatternden Weisen von Davos und die tröstenden und tricksenden, schnaufenden und schimpfenden Politiker - keiner von ihnen versteht die Welt, in der wir leben, wirklich."

Auch die neunmalklugen Kolumnisten und Blogger wüssten in Wahrheit kein bisschen mehr: "Das ist die neue Normalität. Das Leben kommt schneller auf uns zu, als wir darauf vorbereitet sind."

Vielleicht sollten sich die Alphatiere also gar nicht auf Klaus Schwabs "Multi-Stakeholder-Plattform" im Hochsicherheitstrakt entlang der Davoser Hauptstraße drängen. Sondern lieber zum ruhigen Nachdenken auf die Schatzalp hinauffahren. Eine gute Idee kann man heute ja auch vom Zauberberg aus in die Welt twittern.

FTD
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