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Wetten: "Du hast zu viel gewollt"

Alles auf Klose und Sieg für die Deutschen - die WM heizt das Geschäft mit den wetten an. Ein leidvoller Erfahrungsbericht.

Von Johannes Röhrig

Beim ersten Mal tut man sich noch schwer. Wirft vor der Tür des Wettbüros verschämt einen Blick über die Schulter, als würde man eine Hafenkaschemme betreten oder einen Puff hinterm Bahnhof. Zockerbuden und ihre Klientel haben keinen Ruf mehr zu verlieren: Wer sein Glück hinter vergilbten Gardinen und dichtem Zigarettendunst sucht, dem lässt das Leben wahrscheinlich keine andere Wahl.

Weg vom Schmuddelklischee

In der Ditmar-Koel-Straße an Hamburgs Hafenrand gleich hinter dem Verlag, in dem der stern erscheint, hat nun ein Laden aufgemacht, der heißt hochtrabend Wett-Art. Die Hausfassade wirkt ein wenig blättrig, aber von innen bricht Wett-Art mit dem Schmuddelklischee. Die Räume sind hell, die Fernseher schick und flach. Väter bringen ihre Kinder mit, wenn sie ihren Tipp abgeben. Es gibt Limo und Apfelschorle.

Hinter dem Tresen herrscht Jascha über Computer und Kasse - der Zeremonienmeister des Lokals. Jascha ist ein liebenswerter Mini-Jobber Ende 30. Etwas zerzaust. Ein bisschen geheimniskrämerisch. Von eigener Logik: "Selbst wenn du von der Stütze lebst", sagt er, "musst du immer ein paar Euro auf Sieg setzen." Jascha riskiert gern einen Stundenlohn oder zwei. Wer möchte da zurückstehen? Sogar Verlierer finden ein Stück Wahrheit in seiner Wett-Philosophie. "Du hast zu viel gewollt", straft er Übermut.

"Ein Fluch"

Wie es scheint, will ich immer zu viel. Seit Jascha mich vor ein paar Wochen in die Geheimnisse des Zockens einweihte wie ein Mönch einen Novizen ins Allerheiligste, tippe ich Nieten am laufenden Band. "Ein Fluch", vermutet Jascha, "den musst du brechen."

Glück im Alltag, Pech im Spiel - so macht man sich bei Wettanbietern schnell beliebt. Die Branche will Wetten im Zuge der Fußball-WM salonfähig machen, und ich gehöre zur neuen Zielgruppe. Zocker sind heute noch typischerweise männlich, jünger als Lotto-Spieler und kommen eher aus unteren Schichten. Das soll sich ändern: Künftig wollen Buchmacher besser betuchte Sportbegeisterte egal welchen Alters ansprechen, ergab eine Branchenumfrage der Beratungsfirma MECN.

Es herrscht eine fiebrige Stimmung: Überall eröffnen Annahmestellen. Allein in Berlin gibt es über 300 Filialen privater Wettvermittler - viele davon schon aus der neuen Saubermann-Generation. München kommt geschätzt auf rund 100 Zockerbuden, Hamburg auf fast 200. Private Buchmacher träumen bereits von Filialen an jeder Ecke, 10.000 bundesweit. Der Markt mit Sportwetten, bislang Peanuts im Vergleich zum Lotto, soll schon bald auf fünf Milliarden Euro wachsen.

Wetten auf alles, was sich bewegt

Ich könnte auf Pferde setzen oder auf Hunde, die im Kreis hecheln. Auf Schumis Formel 1, auf Boxen, Tennis oder auf eine Kombination aus alledem. Die Königsdisziplin des Zockens aber ist - zumindest in Deutschland - der Fußball. Auf drei von vier TV-Schirmen im Wett-Art flimmern internationale Kickertabellen, ein Beamer wirft Spiele in Konferenzschaltung im Meter-Format an die Wand. Selbst die Sessel hier besitzen die Form eines Balls.

Auf dem Tisch vor mir liegen fotokopierte Listen mit den Partien: An diesem Tag sind es 18 eng bedruckte Seiten "Hauptprogramm Fußball", fünf Seiten "Bonusprogramm Fußball" mit speziellen Kombinationsmöglichkeiten. Und natürlich die Tipptabelle zur WM. Wer auf Brasilien als Weltmeister setzt und damit richtig liegt, bekommt im Juli das Vierfache seines Einsatzes heraus. Die Südamerikaner nehmen bei den Buchmachern erwartungsgemäß die Favoritenrolle ein. Ein Sieg Deutschlands hingegen ist momentan das Elffache wert - mehr als einer von England, Argentinien oder Italien (Siegquote zehn), aber er gilt als weniger überraschend als ein WM-Erfolg der Niederlande (Quote 13) und Frankreich (Quote 15). Offenbar kalkulieren die Buchmacher mit einem Heimvorteil.

Hohe Quoten für Außenseiter

Das System funktioniert denkbar einfach: Je höher Wettanbieter die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses einschätzen, desto niedriger fällt ihre Quote aus. Setzen auffällig viele Zocker den gleichen Tipp, senken Buchmacher die Quote zusätzlich ab, bis sie für die nächsten Spieler unattraktiv wird. Wer auf Außenseiter setzt, kann richtig abkassieren - theoretisch. Gewinnt etwa Trinidad und Tobago die Weltmeisterschaft, wird ein entsprechender Tipp mit dem tausendfünfhundertfachen Einsatz belohnt. Zehn Euro bringen dann 15.000 Euro. Warum also nicht mal auf karibische Spielfreude setzen?

Lieber nicht! Jascha vom Wett-Art würde sagen: Das wäre "zu viel gewollt".

Wer wettet, folgt einem persönlichen Ritual. Ins Wett-Art zieht es schon morgens Kellner aus den umliegenden Gaststätten, um mit Jascha zu fachsimpeln. Viele bekommen einen Kick, wenn sie sich den potenziellen Gewinn am Computer anzeigen lassen. Einige Zocker hocken in einer Ecke und schirmen mit einer Hand den Tippschein ab wie früher die Klassenstreber ihre Ergebnisse in der Mathearbeit. Das ist unsinnig, denn anders als beim Lotto wird hier kein Jackpot verteilt; der Gewinn muss nicht mit allen anderen geteilt werden, die das Kreuzchen an derselben Stelle machten. Quoten sind für den Zeitpunkt der Scheinabgabe garantiert. Wenn sie gesenkt werden, gilt das erst für künftige Tipps.

Bei mir darf jeder abschreiben. Es will nur keiner. Meine Kenntnisse im Fußball sind begrenzt, das fällt im Wett-Art gleich auf. In der Regionalliga kenne ich mich gar nicht aus, im ausländischen Fußball eher schlecht. Bei der türkischen Liga frage ich Serdar nach einem Tipp, Jaschas Kollegen hinter dem Wetttresen. Serdar, 20, spricht besser deutsch als seine Muttersprache, aber in Sachen Heimatliga ist er Fachmann. Am Ende fülle ich sechs Wettscheine aus: Bei fünf Fußballtipps setze ich auf deutsche Mannschaften, einer geht mit vollem Risiko nach Italien - US Palermo gegen FC Messina. Für eine kurze Zeit hängt mein Glück an einem sizilianischen Lokalderby. Serdars Türkei? Vielleicht das nächste Mal.

Wissen, Rituale und ein bisschen Voodoo

Sieg, Niederlage, Unentschieden. Mehr zählt für mich nicht. Onlineanbieter wie Interwetten veranstalten die wildesten Tippvariationen - bis zu 8000 pro Woche. Da kann man auf den nächsten Eckstoß wetten oder darauf, welcher Spieler vom Platz fliegt. Aber was soll das? Gewinnen und verlieren - darum geht es hier.

Manche Zocker hoffen auf eine Art Voodoo, der von ihrem Wettzettel ausgehen möge. Auf einen Zauber, der das Schicksal in die gewünschte Richtung dreht. Ich gehöre zu diesen Fantasten. Gegen Ende der Bundesliga-Saison setze ich immer wieder auf den Sieg von Underdogs wie Köln, weil sie mir sympathisch sind. Mein Beitrag zum Klassenerhalt war jedoch vergebens: kein Voodoo, nur Abstieg. Und Geld weg.

Leider hilft auch Vernunft nicht immer weiter, wie mir der letzte Bundesliga-Spieltag vor vier Wochen zeigte. Heimsieg des ewigen Meisters Bayern gegen Dortmund? Von wegen, Ballack und Co. kickten sich zu einem Unentschieden. "Die Bayern haben so Millionen Wettscheine kaputt gemacht", urteilt mein Zocker-Guru Jascha. Am Ende halte ich meine Tippzettel in der Hand - nichts als Flops. Einem Dutzend anderen Zockern im Wett-Art geht's genauso. Die Scheine landen zerknüllt im Papierkorb. Nur einer grinst und sieht dabei aus wie der junge Lino Ventura: Serdar. Er hat selbst gespielt und eine Wette durchgebracht. 165,25 Euro für drei Euro Einsatz.

Kein Looser ist allein

Es gibt nicht viele Lebenssituationen, in denen Verlieren zum Prinzip gehört und der Erfolg eine Rarität bleibt. Das ist das Tröstliche am Wetten. Als Loser muss man sich nie alleine fühlen.

Die hinterhältigste Wette ist der Halbzeittipp. Er gaukelt vor, dass nicht mehr viel schief gehen kann. Er weckt neue Hoffnung, wo vorher Aussichtslosigkeit herrschte. Man kennt den Verlauf der Partie bis dahin; die Quoten sind meist ungewöhnlich hoch. Damit locken die Buchmacher all jene Zocker, deren ursprünglich abgegebene Tipps schon ins sichere Nirwana laufen. Wer beim letzten Testspiel der deutschen Nationalmannschaft vor der WM vergangene Woche gegen Kolumbien etwa einen 1:0-Sieg mit dem Torschützentipp auf Stürmer Miroslav Klose kombinierte, musste zur Halbzeit nachlegen, um überhaupt noch Chancen zu haben, denn es stand schon 2 : 0.

Firmensitz gerne auf Malta

Das Geschäft mit den Wetten ist international. Bei Wett-Art kommen die Quoten aus Österreich. Die kleine Filiale vermittelt die Tipps nur, Anbieter ist die Buchmacherfirma Happybet aus Klagenfurt. Dort müssen Jascha und Kollegen auch telefonisch Rücksprache halten, wenn der Einsatz eines einzelnen Spielers pro Partie 400 Euro übersteigt oder der potenzielle Gewinn über 12.000 Euro hinausgeht.

Die meisten privaten Wettanbieter haben ihren Sitz im Ausland - gern zum Beispiel auch auf Malta, das lächerlich niedrige Spielsteuern verlangt. Hauptgrund für die Landesflucht einer ganzen Branche aber ist die heikle Situation solcher Firmen in Deutschland: Private Wettveranstalter bewegen sich im Zwielicht von Gewerbefreiheit und Wettverbot. Außer bei Pferderennen besitzt der Staat im Prinzip ein Monopol auf Sportwetten. Das übt er über die Lotteriegesellschaften aus: Die staatlichen Sportwetten laufen unter dem Namen Oddset, das einen Teil seiner Einnahmen an die Sportförderung abtreten muss. Entsprechend niedriger fallen die Oddset-Quoten aus.

Konfusion auf dem Wettmarkt

Daneben existieren vier private Anbieter wie das börsennotierte Betandwin, die ihre Legitimation auf Lizenzen aus DDR-Zeiten stützen. Die Perspektiven sind ungewiss. Auf ein neues Urteil des Bundesverfassungsgerichts und das hehre Ziel der Suchtbekämpfung gestützt, wollen einige Länder privaten Wettbüros nun den Saft abdrehen. Doch auch hierüber gibt es Streit vor Gericht. Die Konfusion auf dem Wettmarkt könnte kaum größer sein.

In jedem Wettbüro kleben mittlerweile Zettel, die vor Spielsucht warnen. Selbst die Tipplisten tragen einen Warnhinweis, ähnlich den Todesstickern auf Zigarettenschachteln. Viele Zocker im Wett-Art setzen ohnehin nur niedrige Euro-Beträge. Mal zwei Euro pro Tippschein, mal fünf. Das stationäre Wettgeschäft ist knallhart: So nimmt das Wettbüro selbst an Spitzentagen gerade mal tausend Euro ein.

Meine Bilanz ist astrein.

Abpfiff Bundesliga: kein Gewinn.

Abpfiff Sizilien: niente.

Abpfiff Deutschland gegen Kolumbien: Ich habe auf das Torverhältnis gewettet und liege, mal wieder, daneben.

Aber jetzt kommt die WM. Freunde von Wett-Art, macht euch auf einiges gefasst. Ich ändere die Strategie. Ich wette ausschließlich auf Partien mit sicherem Ausgang. Auf den Sieg Portugals gegen den Iran zum Beispiel. Oder auf Brasiliens Triumph über Australien. Die Quoten dafür sind natürlich mies. Aber irgendwann ist einfach Schluss mit der verdammten Zockerei. Ich will jetzt endlich mal gewinnen.