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Interview

Jan Bock: Lidl-Einkaufschef: "Wir werden den Bioland-Bauern immer einen fairen Einkaufspreis zahlen"

Lidl will zum "nachhaltigsten Discounter" in Deutschland aufsteigen. Einkaufschef Jan Bock verrät im stern-Gespräch viel über Kundenwünsche, Bioware, die Kooperation mit Bioland und warum manchen Verbrauchern ein neues Auto wichtiger ist als gutes Essen.

Zehn Fakten zum Discounter : Wofür steht der Name Lidl eigentlich?

Herr Bock, wie wichtig ist Bio für Lidl?

Sehr wichtig. Der Trend verstärkt sich. Immer mehr Konsumenten ernähren sich bewusster.

Wer kauft Bio beim Discounter?

Die Jungen, die 14 bis 30 Jährigen und die Älteren ab 50. Vereinfachend gesagt: Es sind Käufer mit höherem Bildungsgrad und/oder mit höherem Einkommen. Vor allem die Frauen kaufen Bio. Sie leben gesünder, sie kaufen bewusster.

Frauen sind eben die klügeren Menschen.

(Lacht) Beim Einkaufen ist das sicher so.

Lidl-Einkaufschef Jan Bock: "Selbstverständlich verhandeln wir hart. Aber es ist ein Gerücht, dass wir unsere Lieferanten wie die Unterhemden wechseln. Das ist absoluter Blödsinn."

Lidl-Einkaufschef Jan Bock: "Selbstverständlich verhandeln wir hart. Aber es ist ein Gerücht, dass wir unsere Lieferanten wie die Unterhemden wechseln. Das ist absoluter Blödsinn."

Wie erklären Sie die Bio-Lücke zwischen 30 und 50?

Es ist die Lebensphase, in der jeder Euro für Kinder, Autos, Miete oder fürs eigene Haus dringend gebraucht wird. Ich finde, die Maslowsche-Bedürfnispyramide erklärt die halbe Welt. Wenn ich auf den Cent schauen muss, kaufe ich möglichst günstig.

Der Liter Biomilch von Bioland kostet heute 1,05 Euro. Direkt daneben steht die konventionelle Vollmilch für 69 Cent. Warum stehen die Produkte direkt nebeneinander?

Die Kunden sollen vergleichen können. Zahle ich heute 36 Cent mehr? Ist mir Bio heute so viel mehr wert?

Wir haben das vorhin im Laden gesehen: Kunden kaufen Biomilch aber auch viele Nicht-Bio-Artikel ...

Das ist typisch. Unsere Kunden tasten sich an das Angebot heran. Wer hundert Prozent Bio kauft, geht in den Bio-Supermarkt.

Und wie oft fällt die Entscheidung für Bio? Wie viele zigtausend Liter Biomilch verkauft Lidl pro Tag?

Das ist Geschäftsgeheimnis. Aber es läuft gut. Wir wachsen im zweistelligen Bereich.

Erst haben Aldi, Lidl & Co die Tante-Emma-Läden platt gemacht, jetzt greifen sie die Bioläden an.

Es geht uns überhaupt nicht darum, die Kunden aus den Bioläden zu uns herüber zu holen. Das sind Biokunden, die kaufen ausschließlich Bio. Diese Sortimentsbreite finden sie bei uns gar nicht. Es sind Kunden, die wollen die Emotionalität von Bio beim Einkauf erleben. Sie wollen hören, woher der Bergkäse kommt, wie er hergestellt wurde. Das sind Kunden, die zum Hofladen fahren und gern die Geschichten vom Bauern über einzelne Produkte hören.

Aber Sie erzählen auch Geschichten. Draußen vor der Filiale hängen zwei Großplakate. Auf einem sieht man, Bioland-Apfelbauer Henrik aus Jork gut gelaunt bei der Ernte. Auf dem anderen streichelt Bioland-Milchbauer Keanu aus Noer eine Kuh auf der Weide. Was Alnatura macht, kann Lidl auch.

Alnatura ist ja kein Kleiner.

Also doch: Angriff?

Mit dem Hofladen oder dem kleinen Bioladen wollen und können wir nicht konkurrieren. Denen wollen wir keine Marktanteile abjagen. Wir wollen den Biokuchen insgesamt größer machen. Die Bundesregierung will die Fläche, die ökologisch bewirtschaftet wird von jetzt zehn auf 20 Prozent bis zum Jahr 2030 steigern. Das unterstützen wir zu einhundert Prozent.

Lidl, der härteste Preisdrücker, wird grün und zahm. Nicht zu glauben!

Ich habe über die kleinen Bios gesprochen. Anders ist es bei den Systemwettbewerbern ...

Sie meinen Aldi Nord und Aldi Süd ...

Die liegen beim Umsatz mit Bio vor uns und das wollen wir in den nächsten Jahren ändern.

Wie kam die Lidl-Partnerschaft mit Bioland zu Stande?

Das war ein langer Weg. Wir haben bei Bioland erst ganz vorsichtig vorgefühlt, dann Gespräche geführt. Es dauerte 18 Monate, bis die Kooperation unter Dach und Fach war. Bioland ist ein basisdemokratisch organisierter Verband mit 7700 Landwirten. Unser Bioland-Verhandlungspartner Jan Plagge hat die Bauern über jeden Schritt informiert und überzeugt.

Die Bioland-Bauern hatten Angst, dass ihre Produkte bei Ihnen verramscht werden. Nach dem Motto: "Heute Biomilch zum Sonderpreis, jetzt nur 99 Cent!"

Genau über diese Sorge hat neulich ein Bioland-Bauer mit mir gesprochen.

Und was haben Sie ihm gesagt?

Ich habe ehrlich geantwortet: dass wir bei unserem Geschäftsmodell unter anderem mit Sonderpreisen und Aktionsware bleiben. Aber dass für Bioland-Produkte andere Regeln gelten.

Biomilch kostet bei Lidl heute 1,05 Euro. Wie kommt der Preis zu Stande?

Wenn Sie heute hier in Heilbronn Bioland-Milch kaufen, dann zahlen Sie bei den Wettbewerbern 1,05 Euro. Wettbewerb gilt auch für Bio-Ware. Aber wir werden den Bioland-Bauern immer einen fairen Einkaufspreis zahlen.

Bei Lidl gilt der Grundsatz: Der Einkaufspreis hat nichts mit dem Verkaufspreis zu tun. Was heißt das für die Biomilch für 1,05 Euro?

Das Rauf und Runter der Preise im Markt hat keinen Einfluss auf den Einkaufspreis. Wir würden den Druck nicht an die Molkereien oder die Bioland-Bauern weitergeben.

War das ein Zugeständnis an Bioland?

Kartellrechtlich dürfen wir keinerlei Vereinbarungen in diese Richtung treffen. Wir haben gesagt: "Liebe Bioland-Erzeuger, wir werden eure Waren über die Wertigkeit verkaufen. Das haben wir für uns Lidl-intern festgelegt." Und das konnten wir dann so auch unserem Verhandlungspartner Jan Plagge von Bioland sagen. Sonst gäbe es auch keine Kooperation.

Sie könnten aber Bioland-Milch unter dem Einkaufspreis anbieten?

Unter dem Einkaufspreis zu verkaufen, ist per Gesetz verboten.

Sie mussten sogar einer Ombudsstelle zustimmen, die schlichtet, falls es zwischen Lidl und Bioland zum Streit kommt. Besetzt mit zwei Juristen, die Bioland ausgewählt hat.

Das fällt unter vertrauensbildende Maßnahme.

Gab es schon Streitfälle?

Nein.

Über Sie heißt es: "Für Bock zählen nur Zahlen." Sie gelten als knallhart.

Ja, das wird uns nachgesagt. Meinen Einkäufern sage ich: "Preis kommt an Stelle zwei. An Stelle eins steht die Qualität." Und selbstverständlich verhandeln wir hart, wie Sie es nennen. Aber es ist ein Gerücht, dass wir unsere Lieferanten wie die Unterhemden wechseln. Das ist absoluter Blödsinn. Mit vielen unserer Lieferanten arbeiten wir seit Jahrzehnten zusammen. Wenn Sie wie Lidl sehr große Mengen abnehmen, dann wird der Markt der möglichen Anbieter immer enger.

Sie haben das billige Einkaufen und Essen erfunden. Jetzt interessieren Sie sich auf einmal dafür, wie es den Bauern, den Tieren und der Umwelt geht.

Um die Jahrtausendwende waren wir noch nicht so weit - und übrigens auch nicht die Gesellschaft. Heute ist das ganz anders. Wir erleben jetzt einen Wettkampf um mehr Nachhaltigkeit. Beim Fleisch haben wir ab April einen einheitlichen Haltungskompass. Die Sogwirkung ist so groß, das fast alle Wettbewerber mitmachen.

Sie und Aldi haben den Deutschen eingetrichtert: "Hauptsache billig - gutes Essen gibt es auch für wenig Geld."

Ja, das stimmt.

War es ein Irrweg?

Der Deutsche Konsument ist preisgetrieben ...

Weil Sie ihn treiben.

Der durchschnittliche Deutsche gibt sein Geld eben lieber für Autos aus. Da wird es keine kurzfristige Abkehr geben.

Wollen Sie die Abkehr, die Umkehr?

Wir würden uns definitiv freuen, wenn die breite Masse der Bevölkerung Lebensmittel mehr wertschätzen würde. Wir würden uns freuen, wenn der Marktanteil von Bio in den kommenden zehn Jahren von heute fünf auf zehn oder 15 Prozent steigen würde.

Aber?

Wenn der typische deutsche Konsument heute die Wahl hat zwischen dem billigen Produkt und dem etwas teureren mit mehr Tierwohl, dann greift er im Laden oftmals eher zum günstigeren Angebot. Das ist Status quo. Wir wollen es schaffen, dass mehr Konsumenten nachhaltiger einkaufen.

Aber?

Beispiel: Bananen! Wir verkaufen aktuell in 40 Prozent unserer Filialen ausschließlich Fairtrade-Bananen, die sind 10 Cent pro Kilo teurer als beim Wettbewerb. Wir haben dadurch Einbußen im Abverkauf. Der Durchschnittsdeutsche isst zwölf Kilo Bananen im Jahr. Fairtrade-Bananen würden ihn also pro Jahr 1,20 Euro mehr kosten. Das sind die unteren zwei Zentimeter im Starbucks-Becher, die man wegkippt weil der Kaffee kalt geworden ist. Die Herkunft der Banane interessiert den deutschen Konsumenten nicht so sehr, da die Erzeuger in Kolumbien oder Ecuador für ihn zu weit weg sind. Je näher es zu mir kommt, desto wichtiger ist es. Deshalb funktioniert Bio. Der Verbraucher tut sich selbst etwas Gutes. Es ist gesund und er fühlt sich gut.

Für immer mehr Verbraucher wird wichtig, dass die Lebensmittel aus der Region oder zumindest aus Deutschland kommen.

"Regional" ist in der Werbung ein Riesenthema. Die Realität sieht aber ganz anders aus. Wir haben Wettbewerber, die haben 40.000 Artikel im Regal, davon kommen aber nur 30 aus dem Umkreis von 20 Kilometern. Das ist dann "regional". Die Franzosen trinken nur noch Milch aus Frankreich. Wir haben auch nur noch deutsches Fleisch im Angebot. Nur noch deutsche Milch. Wenn ich in Hamburg Fleisch aus Bayern kaufe, steckt da mehr Öko drin als wenn ich es aus den Niederlanden oder aus Dänemark kaufe?

Gefühlt ja. Faktisch nein.

Eben! Es ist eine überflüssige Diskussion.

Was kaufen Sie?

Ich greife oft zum Mehr-Wert-Produkt. Also zu Bio oder zu Fleisch mit mehr Tierwohl. Es ist mir persönlich wichtig.

Sind Sie dafür, dass Landwirte künftig mehr Geld aus Brüssel bekommen wenn sie ökologisch wirtschaften – dafür gäbe es dann weniger Geld für die konventionellen Landwirte?

Absolut dafür! Nur so geht der ökologische Umbau.

Lidl, Aldi, Rewe, Edeka – sie werden sich immer ähnlicher. Die Preise sind ähnlich, die Qualität ist ähnlich, alle bieten Bio.

Stimmt. Das Thema der kommenden Jahre ist die Differenzierung. Warum soll ich die 200 Meter weiter fahren, wenn doch alle die gleichen Preise und die ähnlichen Produkte haben. Da ist Nachhaltigkeit sicherlich eines der wichtigen Themen.

Und dafür brauchen Sie Bioland. Das gute Bioland-Image färbt auf Lidl ab.

Bioland ist nur ein Baustein auf dem Weg, der nachhaltigste Discounter zu werden.