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Das Schweinesystem 20 Millionen Ferkel werden pro Jahr qualvoll ohne Betäubung kastriert – auf dem Biohof ist das anders

Ein Stall in Korbach bei Hessen. Hier werden Schweine gezüchtet. Bio-Schweine.


750 Mastschweine zieht Landwirt Christoph Dietzel pro Jahr auf seinem Hof groß. Sie landen als Wurst oder Schnitzel in den Fleischtheken der Supermärkte.


„Auch ein Biobetrieb ist kein Ponyhof. Auch da werden Tiere aus einem bestimmten Grund gehalten und dem muss man sich auch bewusst sein. Aber ich glaube, wenn man sich dem auch bewusst ist, dann geht man mit den Tieren auch anders um.“ (Christoph Dietzel)


Tierwohl wird auf dem Bio-Hof groß geschrieben. Die Schweine leben in kleinen Gruppen, haben Auslauf und können unter freiem Himmel im Stroh wühlen.


Aber auch auf Biohöfen bleibt den männlichen Ferkeln eine Prozedur nicht erspart: Sie werden kastriert.


Die Hoden müssen entfernt werden, weil Schnitzel von nicht-kastrierten Ebern beim Braten manchmal unangenehme Gerüche verbreiten können.


Tierärztin Gabriele Decker-Fischer unterstützt den Bio-Landwirt bei der Operation.


„Ich komme im Dreiwochen-Rhythmus. Das ist der Rhythmus, in dem die Sauen abferkeln. Die Tiere sind circa sieben bis zehn Tage alt. Je nachdem, wann die Sau geferkelt hat. Dann komme ich in den Stall, schaue mir die Tiere an, schätze das Gewicht ab und bereite die Narkosemittel vor.“ (Gabriele Decker-Fischer)


Fünf Sauen haben Ferkel bekommen. Etwa die Hälfte des Wurfs ist männlich und muss kastriert werden.


Auf dem Biohof werden die Hoden unter Betäubung entfernt. Die Tierärztin setzt die Narkosespritze. Der Bio-Landwirt verabreicht gleichzeitig ein Schmerzmittel.


Die Schweinchen dürfen während der Prozedur schlafen.


 „Das geht sehr ruhig ab. Die Tiere schlafen, zeigen keine Abwehrreaktion. Selbst, wenn man sie hochnimmt. Klar das Tier schläft und das ist in konventionellen Betrieben natürlich anders. Der erste Stress entsteht, wenn die Tiere hochgenommen werden zum Kastrieren. Und natürlich sind die Schnitte schmerzhaft und bedeuten auch Stress für die Tiere.“ (Gabriele Decker-Fischer)


Vor der Umstellung auf Bio, hat Christoph Dietzel seine Ferkel viele Jahre lang ohne Betäubung kastriert. So wie es in Deutschland jedes Jahr 20 Millionen mal geschieht.


In konventionellen Betrieben durchleben die Schweinchen die Kastration noch immer bei vollem Bewusstsein. Das ist eigentlich ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. Aber eine Ausnahmegenehmigung bis Ende 2020 macht die Tierqual legal.


Auf dem Bio-Hof ist das anders.


„Ich weiß nicht, ob der Schmerz komplett weg ist, aber das Schmerzmittel hält 24 Stunden und nach 24 Stunden ist die Wunde eigentlich auch vernarbt, verheilt. Und von daher denke ich, dass es für das Tier deutlich angenehmer ist, als vorher. Auch wenn es kein schöner Prozess ist. Auch für den anwendenden Landwirt nicht.“ (Christoph Dietzel)


Nach einer halben Stunde sind alle 26 Tiere kastriert. Christoph Dietzel bleibt bei den Kleinen. Nach und nach wachen sie wieder auf.


Pro Ferkel kostet ihn die Narkose 5 Euro. Für das Wohl seiner Tiere nimmt der Landwirt diese Kosten gern in Kauf.


Nicht zuletzt, weil er für das Bio-Fleisch mit vier Euro pro Kilo im Verkauf den dreifachen Preis verlangen kann.






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Bio-Landwirt Christoph Dietzel zieht etwa 750 Mastschweine pro Jahr groß. Die männlichen Ferkel muss er kastrieren, weil das Fleisch sonst später unangenehm riecht. Um ihnen Leid zu ersparen, setzt er sie dabei unter Narkose – anders als viele konventionelle Betriebe.

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