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Ehec-Verdacht gegen Biobauernhof Bienenbüttel - ein Dorf grollt


Bienenbüttel - das klingt so idyllisch. Doch nun klebt der hässliche Ehec-Verdacht am Ort und seinem Biohof. Ein Besuch bei aufgebrachten Bürgern.
Von Mareike Rehberg, Bienenbüttel

Gepflegte Vorgärten, rund 6500 Einwohner und gleich sieben Bäche: Bienenbüttel in der Lüneburger Heide ist eine beschauliche Gemeinde, in der es sich gut lebt und die Leute ihre Ruhe haben. Eine Straße unweit des Bahnhofs heißt zwar "Weite Welt", doch weit sind hier allenfalls die Felder.

Seit drei Tagen wissen die Bienenbütteler allerdings, was es heißt, im Zentrum medialer Aufmerksamkeit zu stehen. Ein Biobauernhof im Ortsteil Neu Steddorf steht im Verdacht, Sprossengemüse gezogen zu haben, das den gefährlichen Ehec-Erreger in Deutschland und Teilen Europas verbreitet hat. Bewiesen ist bislang nichts. Mehrere Proben von Keimlingen und Saatgut aus der Bio-Gärtnerei erwiesen sich als Ehec-frei, auch in einer bereits vor Wochen in Hamburg verkauften Sprossenpackung, deren Inhalt von dem Hof stammte, ließen sich keine Ehec-Keime nachweisen. Doch seitdem der niedersächsische Landwirtschaftsminister starke Indizien dafür vorbrachte, dass hier der Ursprung allen Übels zu finden sei, sehen viele Bewohner den Ruf des Dorfes dahin.

"Erst waren es die Spanier, jetzt Bienenbüttel – das ist einfach nur geschäftsschädigende Miesmacherei", meint eine 18-jährige Erdbeerverkäuferin in der Bahnhofsstraße. Nie wieder werde der Gemüsebauer in Neu Steddorf auf die Beine kommen, obwohl er vermutlich gar keine Schuld trage. Wie fast alle Bewohner hält sie es für fatal, dass die Behörden den Namen des Betriebes so früh an die Öffentlichkeit getragen haben - denn ein Beweis steht noch aus.

Stumme Wächter hinter grünen Toren

Am Montag, den 6. Juni, einen Tag, nachdem das Agrarministerium den Namen des Dorfes im Landkreis Uelzen in Verbindung mit der gefürchteten Epidemie gebracht hatte, herrschte ein nie gekannter Medienrummel in dem Ort. Fernsehteams, internationale Fotografen und Journalisten überregionaler Zeitungen sammelten sich vor dem grünen Eingangstor der Gärtnerei und versuchten einen Blick auf das abgelegene Gelände zu erhaschen.

Nur einen Tag später scheint die gleiche Straße wie ausgestorben. Zur Gärtnerei führt ein schmaler Weg, hohe Bäume spenden Schatten im sonst erhitzten Wohngebiet. Das Tor ist geschlossen, "Warnung vor dem Hunde", steht auf einem Emailleschild. Doch von einem Hund ist keine Spur. Stattdessen stehen drei Wachmänner in dunkelblauen Westen mit unbewegten Mienen hinter dem Gitter der Gärtnerei und quittieren sämtliche Fragen nur mit einem Kopfschütteln. Die Geschäftsführer haben den Anrufbeantworter angestellt und teilen auf ihrer Homepage mit, dass sie "erschüttert und besorgt" über den Ehec-Verdacht seien. Der Medientross ist wieder abgezogen aus Bienenbüttel, zurück bleiben empörte Bürger.

Ob am Erdbeerverkaufsstand, in der Bäckerei oder vor dem Nagelstudio – die meisten Leute sind sich einig: Die "Ehec-Sache" werde von den Medien aufgebauscht, die Behörden hätten leichtfertig Existenzen vernichtet. Eine alte Dame redet sich so in Rage, dass sie fast übersieht, wie ihre beiden Enkelinnen unbeaufsichtigt über die Straße rennen. "Der Zirkus ist nicht mehr schön", meint sie, man sollte zunächst Tatsachen schaffen, bevor durch Behauptungen Bauern geschädigt werden.

Kidneybohnen statt Salat

Die Menschen in Bienenbüttel können die Gemüsebauern im südspanischen Almeria gut verstehen. Die Salatgurken aus Andalusien standen ebenfalls unter Ehec-Verdacht. Ob der Plan der EU-Kommission, die europäischen Gemüsebauern für ihre Einnahmeausfälle mit 150 Millionen Euro zu entschädigen, die Gemüter besänftigt, ist nicht sicher.

Abgesehen vom wirtschaftlichen Schaden zieht die Ehec-Krise nahezu spurlos an Bienenbüttel vorüber. Wirtin Cornelia Wegner vom Restaurant und Bierstübchen "Hedder" serviert zwar nur noch Kidneybohnen, Mais und gelbe Bohnen als Salatbeilage, auch in der örtlichen Bäckerei sind die Brötchen nur noch mit Käse und Wurst belegt. Trotzdem lassen sich die Leute nicht verrückt machen. "Der Salat schmeckt immer noch", versichert die Erdbeerverkäuferin, Sprossen esse sie ohnehin nur im geschmorten Chinagemüse. Ein 44-jähriger gut genährter Stammkunde im "Grill-Haus", der sich Joe nennt, nimmt die Seuche ebenfalls gelassen: "Ich esse sowieso nur Fleisch."

Angela und Elke Fischer, die sich vor dem örtlichen Nagelstudio die Sonne ins Gesicht scheinen lassen, können die Aufregung nicht verstehen. "Wir haben die Vogelgrippe geschafft und den Rinderwahnsinn überlebt – Gemüse essen wir auch weiterhin." Den Verdacht gegen die Biogärtnerei halten sie für üble Nachrede. Nur ein Gutes habe die Berichterstattung: Bisher war Bienenbüttel ein unbekanntes, idyllisches Dorf in Niedersachsen – nun ist die "Weite Welt" mehr als nur ein Straßenname.

Mitarbeit: Katia Gicquel

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