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Konsequenzen aus Ehec-Epidemie: Experten fordern eine Seuchenpolizei

Die Kritik am Umgang mit der Ehec-Seuche wächst: Während die EU Entschädigungen für Bauern in Aussicht stellt, denkt SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach über eine mobile Eingreiftruppe nach.

Die wegen der Ehec-Epidemie von Einkommensverlusten betroffenen Bauern in der Europäischen Union sollen eine Entschädigung erhalten. "Wir werden einen Betrag von 150 Millionen Euro vorschlagen", sagte EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos am Dienstag in Luxemburg. Dort waren die Agrarminister der 27 EU-Staaten zusammengekommen, um über die Folgen der Ehec-Krise und mögliche Entschädigungszahlungen zu beraten. Die genaue Summe der Hilfen hänge von der Höhe der Verluste ab, fügte Ciolos hinzu. Zur Berechnung werde ein Zeitraum vom Beginn der Krise Ende Mai bis Ende Juni zugrunde gelegt. Am Rande des Treffens sagte ein Diplomat, dass die Summe wohl höher als 150 Millionen Euro liegen werde.

Entschädigungen zahlen alle EU-Länder

Zahlreiche europäische Gemüse-Bauern haben wegen der Warnungen vor dem Verzehr von rohen Gurken, Tomaten und Salaten schwere Einbußen hinnehmen müssen. Besonders Spanien fordert Hilfen für seine Landwirte, da deutsche Behörden in spanischen Gurkenlieferungen zeitweise den Ausgangspunkt des lebensgefährlichen Darmkeims vermutet hatten. Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) stellte in Luxemburg klar, es gehe um Entschädigungen "von EU-Seite". Die Ehec-Krise sei "ein europäisches Problem", das daher auch von den Vertretern aller 27 EU-Länder beraten werde.

Kritik am Krisenmanagement

Aigner und die deutschen Behörden sahen sich heute der Kritik von EU-Seite ausgesetzt. Die EU-Kommission warnte vor vorschnellen Schlussfolgerungen zum möglichen Ursprung der Epedemie. Solange es keine wissenschaftlichen Belege gebe, sollten nationale Behörden keine möglichen Infektionsquellen angeben, sagte Gesundheitskommissar John Dalli vor dem Europaparlament in Straßburg. Der vor knapp zwei Wochen von deutschen Behörden geäußerte Verdacht, spanische Gurken seien die Infektionsquelle, habe sich nicht bestätigt. Dies gelte auch für Bohnensprossen. Diese vorschnellen Schlüsse hätten jedoch Ängste bei Verbrauchern geschürt, kritisierte Dalli.

Mobile Eingreiftruppe für gefährliche Keime

Aus der Ehec-Krise müssten Lehren gezogen werden, forderte Dalli. Notwendig seien eine bessere Koordination auf EU-Ebene, effiziente Warnsysteme sowie "klare Kommunikations- und Informationswege". Die vermisst auch die deutsche Opposition. "Für besonders gefährliche Keime brauchen wir eine mobile Eingreiftruppe", sagte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zu "Bild.de". Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, forderte gar "den Umbau des Robert-Koch-Instituts (RKI) zur zentralen Seuchen-Polizei in Deutschland".

Lauterbach will dazu die RKI-Spezialisten mit allen Kompetenzen ausstatten. Bei Personalknappheit müsse die Eingreiftruppe das Recht haben, ähnlich wie die Bundeswehr "Reservisten" heranzuziehen, etwa Spezialisten von Universitäten. Der SPD-Politiker kritisierte den Wirrwarr an Zuständigkeiten in Deutschland: Die Strukturen seien "nicht optimal".

Wendt forderte für das RKI "mehr Geld, mehr Personal und mehr Kompetenzen". Seuchenbekämpfung dürfe nicht länger Ländersache sein, sondern müsse zentral auf Bundesebene koordiniert werden. "Wir brauchen von Flensburg bis Passau den gleichen Standard. Es kann nicht sein, dass jeder Landesminister etwas anderes sagt und dadurch, wie in der aktuellen Krise, ganze Industriezweige an den Rand des Ruins geführt werden und die Verbraucher am Ende total verunsichert sind."

Biohof weiterhin unter Verdacht

Die Suche nach der Ehec-Quelle verläuft bislang ergebnislos. Keine der Sprossen-Proben von dem geschlossenen Hof im niedersächsischen Bienenbüttel wies Ehec-Keime auf. Auch eine Sprossen-Packung aus dem Kühlschrank eines Ehec-Patienten wurde negativ getestet. Dennoch stehen die Sprossen weiterhin unter Verdacht, der Auslöser der Epidemie zu sein. "Wir halten an dem Verdacht fest", sagte ein Ministeriumssprecher nach Veröffentlichung der Untersuchungsergebnisse.

Agrarminister Gert Lindemann (CDU) wies am Abend ebenfalls darauf hin, dass der Bienenbütteler Betrieb weiterhin als Quelle der Epidemie in Frage komme. So soll eine dritte Mitarbeiterin im Mai vermutlich an Ehec erkrankt gewesen, inzwischen aber wieder gesund sein. "Das steht in einem Vermerk, den Laves (Landesamt für Verbraucherschutz) und Landesgesundheitsamt gemeinsam erarbeitet haben", sagte Lindemann am Rande einer CDU-Klausurtagung in Goslar. Bisher war nur die Ehec-Erkrankung einer Mitarbeiterin des Hofs bekannt, eine zweite litt ebenfalls unter Durchfall. Auch zwei Ehec-Fälle in Cuxhaven, wo es besonders viele Erkrankungen gibt, wiesen Verbindungen zu dem verdächtigen Biohof auf, erklärte Lindemann. "Das sind Betroffene, die Produkte aus Bienenbüttel konsumiert haben", so Lindemann.

23 Todesopfer in Deutschland

Unterdessen sind in Niedersachsen zwei weitere Frauen an den Folgen einer Infektion mit dem Darmerreger Ehec gestorben. Das teilte das Sozialministerium in Hannover mit. Damit stieg die Zahl der Ehec-Toten bundesweit auf mindestens 23. Zuvor lag sie bereits bei 24. Das RKI korrigierte jedoch die Zahl der Todesfälle nach unten. Ein auf Ehec-Infektion zurückgeführter Todesfall in Bayern stand doch nicht mit der gefährliche Darmerkrankung in Verbindung.

Die Zahl der Erkrankungen insgesamt erhöhte sich den Angaben zufolge in Niedersachsen gegenüber dem Vortag um 31 auf 534. "Entwarnung kann noch nicht gegeben werden aber wir haben momentan in der Tendenz einen geringeren Anstieg von Neuinfektionen als in der vergangenen Woche", sagte der Ministeriumssprecher. Auch in Hamburg stiegen die Erkrankungszahlen geringer als zuvor. 898 Ehec-Fälle wurden in der Hansestadt gemeldet, 49 mehr als am Montag.

Ehec-Fall in den USA und Griechenland

Die Gesundheitsbehörden in den USA haben bei einem Patienten die Erkrankung mit dem Darmkeim Ehec bestätigt. Der erkrankte US-Bürger sei kürzlich nach Deutschland gereist, teilte die Gesundheitsbehörde CDC am Dienstag mit. Drei weitere Verdachtsfälle würden noch geprüft. Alle vier Patienten seien vor kurzem in Hamburg gewesen, wo sie sich vermutlich infiziert hätten. Der erkrankte Patient leide an der hochgefährlichen Komplikation Hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS), das zu akutem Nierenversagen führen kann, erklärte die CDC. Er wurde demnach im US-Bundesstaat Massachusetts behandelt. Die griechischen Behörden teilten unterdessen ebenfalls mit, sie hätten bei einer deutschen Touristin ein mit dem Ehec-Erreger "kompatibles" Bakterium entdeckt. Angesichts der Inkubationszeit müsse sich die Frau aber "außerhalb von Griechenland" angesteckt haben, erklärte das Zentrum für Kontrolle und Vorbeugung von Krankheiten am Dienstag. Medienberichten zufolge ist die 53-Jährige inzwischen wieder in Deutschland und außerdem wieder gesund.

swd/DPA/AFP / DPA

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