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Ehec-Verdacht bleibt bestehen Kein Freispruch für Sprossen


Sprossen eines Produzenten aus Niedersachsen stehen im Verdacht, den Ehec-Ausbruch ausgelöst zu haben. Bisher wurde der Erreger nicht nachgewiesen. Das muss nichts heißen.
Von Sonja Popovic

Nach Gurken, Tomaten und Blattsalaten gerieten zuletzt Sprossen als mögliche Quelle der Ehec-Epidemie ins Visier der Behörden. Ein erster Zwischenstand ergab nun, dass in 23 von 40 untersuchten Sprossenproben aus dem verdächtigen Betrieb in Bienenbüttel bei Uelzen kein Ehec-Erreger nachgewiesen werden konnte. Die Untersuchungen dauern noch an, wann ein endgültiges Ergebnis vorliegt, konnte das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz (Laves) nicht sagen. Die Analyse sei sehr schwierig.

Wie sind die Experten auf die Sprossen gekommen? Das Laves hatte eigene Untersuchungen eingeleitet und wie das Robert-Koch-Institut (RKI) analysiert, was Betroffene verzehrt haben, wo diese Speisen herkamen, anschließend nach Gemeinsamkeiten gesucht und Lieferwege zurückverfolgt. Schließlich sei man auf die Sprossen gestoßen, erklärt eine Sprecherin des Laves. Die Indizienlage sei sehr dicht, weshalb die Behörde nach wie vor vor dem Verzehr dieser Produkte warnt. 40 verschiedene Proben hatten die Forscher genommen - von allem, was mit der Herstellung der Sprossen in Zusammenhang stehen könnte.

Saatgut aus aller Welt

Und das ist einiges. Denkbar wäre etwa, dass das Saatgut verunreinigt war. "Schon die Pflanze, von der die Samen stammen, kann befallen sein", sagt Hartmut Stützel, Professor für Gemüseanbau an der Leibniz-Univeristät Hannover. Aus diesem Grund raten die Behörden und die Verbraucherschützer, derzeit auch keine selbst gezogenen Sprossen und Keimlinge zu verzehren.

"Auch während der maschinellen Ernte können in allen Bereichen Kontaminationen auftreten", sagt Stützel. "Unklar ist, ob die Bakterien durch die Schale ins Innere eindringen können. Ich bezweifle das, doch das lässt sich nicht ausschließen." Erzeugerbetriebe wie der Bio-Hof aus Bienenbüttel beziehen ihr Saatgut aus aller Welt - häufig aus Ländern mit entsprechend günstigen klimatischen Bedingungen - entweder direkt oder über den Großhändler. Mungbohnensprossen etwa stammen meist aus asiatischen Ländern, Rettichsprossen können auch in Südeuropa produziert werden.

Als besonderes Problem der biologischen Landwirtschaft sieht die Umweltschutzorganisation Greenpeace die Infektionen nicht. "Ob Bio oder konventionelle Landwirtschaft, das Problem liegt in einer Spezialität der Sprosse, in deren Keim Ehec-Erreger überleben können", meint der Landwirtschaftsexperte Martin Hofstetter von Greenpeace.

Mögliche Verunreinigung durch Wasser

Tierische Dünger werden bei der Herstellung der Sprossen normalerweise nicht eingesetzt. Die Samen wachsen in einer sogenannten Keimtrommel heran. Darin werden sie bewegt und mit Sprühnebel durchfeuchtet. Die Temperatur im Inneren der Trommel liegt bei etwa 38 Grad Celsius - das ist warm genug, damit die Samen keimen können. Heißer darf es nicht sein, sonst überleben sie nicht. "Haben die Sprossen den gewünschten Zustand erreicht, werden sie herausgenommen, verpackt und zum Kunden verschickt", erklärt Stützel. Eine solche Prozedur würden Ehec-Erreger ohne weiteres überstehen - die feucht-warme Umgebung ist ein idealer Nährboden.

Auch an anderen Stellen des Produktionsprozesses kann es zu einer Verunreinigung gekommen sein. Das Wasser, mit dem die Samen besprüht werden, könnte eine Quelle sein, wenn es zum Beispiel mit Exkrementen von Kühen oder Schafen verunreinigt worden wäre. In diesem Fall müssten sich entsprechende Erreger auch in der Keimtrommel oder in Schläuchen finden lassen, da sie die Eigenschaft haben, sich an Oberflächen zu heften. Auch ist noch immer nicht ausgeschlossen, dass erkrankte Mitarbeiter den Erreger eingeschleppt haben.

Viele offene Fragen

Der Hersteller "Gärtnerhof" in Bienenbüttel, von dem die verdächtigen Produkte stammen sollen, ist bis auf weiteres geschlossen, seine Produkte sind vom Markt genommen worden. Die Geschäftsleitung zeigt sich erschüttert über die möglichen Funde. Auf ihrer Website meldet das Unternehmen, dass ihre Produkte routinemäßig auf E.coli-Bakterien untersucht wurden, zuletzt im Januar und zusätzlich in der zweiten Maihälfte aufgrund der aktuellen Lage noch einmal. Die Laborergebnisse seien beide Male negativ gewesen.

Noch ist unklar, ob die Erreger tatsächlich aus diesem Betrieb stammen. Doch auch bei einem endgültig negativen Befund würde das Laves eine Verunreinigung nicht für vollkommen ausgeschlossen halten. "Wenn wir ihn nicht finden, heißt das nicht, dass der Erreger niemals da war", sagt die Sprecherin des Laves. Die entsprechenden Sprossen seien längst verkauft und verzehrt. Die Behörde habe aber die anderen verdächtigen Lebensmittel - Gurken, Tomaten und Blattsalate - weiterhin im Blick.

Unauffällige Beigabe

Manche zweifeln zwar an der Version, dass Sprossen den Erreger verbreitet haben - auch weil betroffene Patienten trotz ausführlicher Befragung diese Lebensmittel nie explizit genannt hätten, berichtet etwa ein Nierenarzt von der Medizinischen Hochschule Hannover. Dafür gäbe es jedoch eine einfache Erklärung: Sprossen und Keimlinge werden nicht immer bewusst verzehrt. In der Gastronomie etwa kommen sie häufig als Garnitur zum Einsatz, etwa auf einer Salatbeilage oder auf fertig belegten Brötchen, die man beim Bäcker und in Cafés bekommt.

"In der asiatischen Küche sind sie ebenfalls oft anzutreffen", sagt Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg. "Dabei werden sie in der Regel nicht durcherhitzt, sondern erst zum Schluss auf das heiße Gericht gelegt. Ob das genügt, um potentiell vorhandene Keime abzutöten, ist fraglich." In Supermärkten, Reformhäusern und Bioläden bekommt man Sprossen meist in Fertigpackungen aus Kunststoff. "Die sind ein besonders guter Nährboden für Keime", warnt Valet. "Sprossen oder auch Fertigsalate weisen immer wieder erhöhte Keimzahlen auf." Das gelte nicht nur für die momentan grassierenden Ehec-Bakterien, sondern auch für andere gefährliche Erreger wie Salmonellen und Listerien.

mit Agenturen

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