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Erste Resultate aus Niedersachsen: Tester finden bislang kein Ehec an Sprossen

Die erhoffte schnelle Lösung des Problems bleibt aus: Erste Labortests von Sprossen aus einem niedersächsischen Bauernhof konnten den gefährlichen Ehec-Erreger nicht nachweisen.

Erste Laborproben von Sprossen aus einem niedersächsischen Saatgutbetrieb aus Bienenbüttel im Kreis Uelzen haben nach amtlichen Angaben noch keinen Nachweis von Erregern der lebensgefährlichen Ehec-Darminfektionen erbracht. Die ersten 23 von 40 Sprossen-Proben wurden untersucht und sind Ehec-frei. Die Tests seien aber noch nicht abgeschlossen, teilte das Landwirtschaftsministerium am Montag in Hannover weiter mit.

"Aufgrund der bisherigen Erfahrungen bei der Untersuchung eines Teiles der Proben (insbesondere der Saaten) gehen wir davon aus, dass intensive analytische Anstrengungen unternommen werden müssen, um den vermuteten Erreger zweifelsfrei nachweisen zu können", hieß es aus dem Ministerium. Die Suche gestalte sich schwierig, weil seit dem Ausbruch der Epidemie schon mehrere Wochen vergangen seien.

Die weitere Bearbeitung erfolge zusammen mit dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin. Ein kurzfristiger Abschluss der Untersuchungen sei nicht zu erwarten. Das Untersuchungsergebnis einer älteren Sprossenpackung, die in Hamburg aufgetaucht war, soll am Dienstag vorliegen.

Aigner weist Kritik an Regierung zurück

Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) hält die Warnung vor dem Verzehr von Sprossen trotz fehlender Nachweise weiterhin für angebracht, "solange der Verdacht nicht vollständig ausgeräumt ist", sagte Aigner am Montag in Berlin. Bei den Untersuchungen der Sprossen handele es sich "um eine wichtige Spur, die mit allem Nachdruck weiter verfolgt werden muss". Der in Verdacht stehende Betrieb sei gesperrt und dessen Produkte seien vom Markt genommen worden.

Sie sei mit den zuständigen Landesbehörden einig, was zu tun sei, damit "nur unbelastete Ware auf den Markt gelangt". Bund und Länder arbeiteten "Hand in Hand, und zwar rund um die Uhr", um die weitere Ausbreitung von EHEC zu stoppen. "Für die Bundesregierung hat der Kampf gegen Ehec höchste Priorität", betonte Aigner. Sie wies Kritik an der Regierung und den Behörden zurück.

Anderes Gemüse steht weiterhin unter Ehec-Verdacht. Derzeit sei kein Nachweis erbracht, dass es sich bei Sprossen um die einzig wahrscheinliche Quelle für Erkrankungen durch den lebensgefährlichen Darmkeim handele, betonte das Bundesverbraucherministerium. Der Scheitelpunkt der Infektionswelle scheint noch nicht erreicht. In Niedersachsen gehe es nun darum, Lieferketten und Kundenlisten auszuwerten. Das Ministerium habe zudem die Länderbehörden gebeten, bundesweit schwerpunktmäßig Produzenten von Sprossen zu überprüfen. Das Robert Koch-Institut (RKI) und das BfR hielten weiter an der Warnung vor rohen Gurken, Tomaten und Salat insbesondere in Norddeutschland fest.

Sprossen: zu Recht verdächtigt?

Der hannoversche Nierenarzt Jan Kielstein berichtete, Sprossengemüse sei bei den Ehec-Patienten der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) bisher nicht in Verdacht geraten. Bei der Aufnahme in die Klinik würden die Patienten, die sich mit dem aggressiven Darmkeim infiziert haben, ausführlich nach ihren Ernährungsgewohnheiten befragt. "Das Wort Sprossen ist dort nie explizit in Erscheinung getreten", sagte der Mediziner.

Der Mikrobiologe Alexander Kekulé von der Universität Halle-Wittenberg nannte Sprossen als mögliche Ehec-Träger jedoch sehr plausibel: "Sprossen waren von Anfang an einer der üblichen Verdächtigen, die man hätte schon von Anfang an verhaften können", sagte er im ARD-"Morgenmagazin". Sie seien ein typisches Gemüse, das auf vielen verschiedenen Mahlzeiten ist, in ganz Deutschland verteilt wird und über längere Zeit immer wieder Infektionen auslösen kann.

Unterdessen stiegen die Infektionszahlen weiter an. In Niedersachsen wurden am Montag 503 Ehec-Fälle und -Verdachtsfälle gezählt, 45 mehr als am Samstag. "Der Scheitelpunkt ist leider noch nicht erreicht", sagte der Sprecher des niedersächsischen Gesundheitsministeriums, Thomas Spieker.

Die ebenfalls schwer betroffenen Länder Hamburg und Schleswig-Holstein meldeten eine leichte Entspannung, weil die Zahl der Ehec-Erkrankungen nun zumindest langsamer als noch in der vergangenen Woche steigt. In Hamburg wurden bis Montagvormittag 849 Ehec-Fälle oder -Verdachtsfälle gemeldet, 79 mehr als vor zwei Tagen. Schleswig-Holstein meldete 554 bestätigte Ehec-Infektionen bis Sonntagabend, 37 mehr als am Donnerstag. Bislang wurden bundesweit minstestens 22 Todesopfer infolge einer Ehec-Infektion gezählt.

mlr/DPA/Reuters/AFP / DPA / Reuters

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