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Ehec-Epidemie Für Entwarnung ist es noch zu früh


Der Ehec-Übeltäter ist gefunden, die Nation darf aufatmen. Doch das Unbehagen bleibt. Warum die Ehec-Krise noch nicht ausgestanden ist.

Die Meldung brachte Erleichterung in die Ehec-Krise: Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit sind Sprossen Träger des aggressiven Darmkeims, der schon mehr als 30 Menschenleben forderte. Wissenschaftler haben Beweise geliefert. Doch die aktuelle Epedemie dürfte nicht die einzige bleiben. So warnt der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach vor weiteren Ehec-Wellen, die nicht nur Deutschland betreffen dürften.

Welche Fragen sich jetzt stellen.

Sind Sprossen sicher der Auslöser?

Sehr wahrscheinlich, denn das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat die Erkenntnisse eines nordrhein-westfälischen Labors belegt. Demnach sind die rohen Sprossen aus einer Mülltonne in NRW mit dem Ehec-Stamm O104:H4 besiedelt.

Ist damit die Quelle bestimmt?

Nein, denn offen bleibt, wie die Bakterien an die Sprossen kamen. Bei einer Theorie geht es um drei Mitarbeiterinnen des Biohofs im niedersächsischen Bienenbüttel, die nachweislich mit Ehec infiziert sind. Eine von ihnen erkrankte auch. Die Frauen sollen - wie vermutlich andere Patienten - Sprossen des Hofs gegessen und sich so infiziert haben. Denkbar ist aber auch, dass die drei aufgrund einer anderen Quelle zu Ehec-Trägern wurden, die Keime erst in Betrieb schleppten und Pflanzen oder Wasser verseuchten.

Das Saatgut, mit dem der Gartenbaubetrieb züchtet, stammt nach Angaben von Niedersachsens Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU) aus vielen Ländern weltweit. Möglicherweise wurden die Samen im Ausland infiziert und der Erreger blieb in den anwachsenden Sprossen.

Einige Experten vermuten als Ursprung Tiere, die in der Regel Ehec-Bakterien im Darm haben. Andere halten es für möglich, dass Menschen Hauptträger der speziellen Bakterien sind. "Der sich jetzt ausbreitende Erreger ist bislang nur beim Menschen nachgewiesen worden", sagte Helge Karch vom Universitätsklinikum Münster.

Sind Sprossen die einzigen Ehec-Träger?

Vermutlich, da offiziellen Angaben zufolge viele Lieferwege von möglichen Orten, an denen sich Ehec-Patienten infiziert haben könnten, zum Hof in Niedersachsen führen. Zum ersten Mal wurde in Nordrhein-Westfalen eine ununterbrochene Kette mit vom Erreger O104 infizierten Sprossen aus Bienenbüttel und erkrankten Personen hergestellt.

Dagegen spricht, dass bei den Befragungen des Robert Koch-Instituts einige Patienten angaben, keine Sprossen gegessen zu haben - oder sich nicht mehr daran erinnern konnten.

Zudem steht eine Cateringfirma aus dem Kreis Kassel im Visier der Fahnder, weil nach einer Familienfeier in Niedersachsen mehrere Ehec-Fälle auftraten. Da der Caterer den Angaben nach keine Sprossen liefert, vermuten die Behörden, dass der Darmkeim von Menschen auf Lebensmittel zurück übertragen wurde. "Es besteht die Möglichkeit, dass sich Mitarbeiter zunächst selbst infiziert und danach den Keim wieder auf Lebensmittel übertragen haben", sagte Markus Schimmelpfennig vom Kasseler Gesundheitsamt.

Angesichts von mehr als 4000 nachweislich oder möglicherweise an Ehec erkrankten Menschen allein in Deutschland könnten die oder alle Quellen bis zuletzt offen bleiben.

Gehen die Krankenzahlen jetzt zurück?

Nicht zwingend. In Schleswig-Holstein nimmt die Zahl der Erkrankten sogar weiter zu. Bis Samstag meldete das Kieler Gesundheitsministerium 795 bestätigte Ehec-Infektionen und 188 bestätigte Fälle der schweren Komplikation HUS. Das sind 30 Ehec- und drei HUS-Fälle mehr als noch am Freitag. Bei HUS, dem hämolytisch-urämischen Syndrom, können unter anderem die Nieren versagen. Bislang untersuchten die Experten in Schleswig-Holstein mehr als 400 Proben, darunter 71 Sprossenproben.

Die positiven Folgen der Entdeckung des Auslösers können noch ein paar Tage auf sich warten lassen: Zwischen der Ansteckung und den ersten Krankheitssymptomen wie Durchfall vergehen durchschnittlich drei bis vier Tage, manchmal auch deutlich mehr.

Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) warnte dennoch auch davor, dass es noch weitere Todesfälle geben könnte.

ben/DPA DPA

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