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Wirtschaftsaufschwung: Rekord-Ölpreise fressen Wachstum auf

Die Ölpreise steigen von Rekord zu Rekord und gefährden den ohnehin zaghaften Wirtschaftsaufschwung in Deutschland.

Die Konjunktur hat im zweiten Quartal auch wegen der hohen Preise für Heizöl, Gas und Benzin nur stagniert. "Das Öl ist eines der größten Risiken für die Wirtschaft", sagt Volkswirt Stefan Bielmeier von der Deutschen Bank. Nach Schätzungen werden die Rekordölpreise das Wachstum in diesem Jahr um 0,3 Prozentpunkte schmerzhaft bremsen. Auch deshalb kommt die Konjunktur hier zu Lande einfach nicht in Fahrt und soll 2005 nur um maximal ein Prozent wachsen.

Gerade für ein Land wie Deutschland mit seinen niedrigen Wachstumsraten ist der Ölpreis ein Problem. Die Entwicklung trifft die deutsche Wirtschaft zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Aus Zukunftsangst und Furcht vor Jobverlust greifen die Bundesbürger seit Jahren nur zaghaft ins Portemonnaie. "Bei den gestiegenen Energiekosten treten die Verbraucher nun ganz auf die Konsumbremse", sagt David Milleker von der Dresdner Bank. Nicht nur das teure Benzin an der Tankstelle, sondern auch Erdgas für die Heizung entzieht den Konsumenten direkt Kaufkraft ähnlich wie eine Steuererhöhung.

Experten prognostizieren einen Ölpreis von 80 Dollar je Barrel

"Die real verfügbaren Einkommen geraten unter die Räder", sagt Ralph Solveen von der Commerzbank. Zwei Drittel der Wirtschaftsleistung entfallen auf den privaten Konsum. Es beginnt ein Teufelskreis: Die hohen Energiekosten bedrohen die Gewinne der Unternehmen, die zudem schlechte Absatzaussichten haben. Die Firmen investieren weniger, schaffen keine neuen Arbeitsplätze und zahlen niedrigere Löhne, wodurch die Einkommen sinken und weniger konsumiert wird, so lautet die Argumentation.

Der Import von Erdöl und Erdgas wird die deutsche Volkswirtschaft in diesem Jahr rund 16 Milliarden Euro mehr kosten als im Vorjahr. Das schreiben die sechs führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Frühjahrsgutachten. "Der Einkommensentzug wäre rund drei Mal so groß wie 2004." Kostete ein Barrel Öl (159 Liter) 2004 im Jahresdurchschnitt erst 38 Dollar, waren es im Durchschnitt der ersten sieben Monate 2005 bereits 52 Dollar. Die historische Marke von 60 Dollar ist gebrochen. Im August setzte sich der Höhenflug fort. Am Mittwochabend erreichte der US-Ölpreis ein neues Rekordhoch von 68 Dollar je Barrel. Experten prognostizieren, dass der Atom-Streit zwischen dem Iran und dem Westen den Ölpreis sogar auf 80 Dollar und mehr treiben könnte.

Europas Abhängigkeit vom Rohöl hat abgenommen

Die Auswirkungen hoher Ölpreise zeigen sich oft erst nach einem halben Jahr. "Wir werden 2006 noch größere Bremseffekte sehen", sagt Volkswirt Milleker. Bislang hat die starke Weltwirtschaft mit ihrer robusten Nachfrage einen Ölpreisschock in Deutschland verhindert. Die Erdöl exportierenden Länder geben ihre zusätzlich kassierten Milliarden vielfach zum Kauf von Investitionsgütern im Ausland aus, wovon deutsche Hersteller besonders profitieren. Die Exporte der Maschinenbauer zum Beispiel wuchsen seit Januar jeden Monat zweistellig. "Wir sehen die hohen Ölpreise daher mit einem lachenden und einem weinenden Auge", sagt der Volkswirt des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), Olaf Wortmann.

Im Gegensatz zu früher wurde der neueste Ölpreisschub von der gestiegenen globalen Nachfrage verursacht. "Deshalb sind damit weniger Störungen verbunden als bei den Preissteigerungen in der Vergangenheit, die in erster Linie durch Engpässe beim Angebot hervorgerufen wurden", sagt der Chef des Internationalen Währungsfonds IWF, Rodrigo Rato. Da die Wirtschaft seit den 70er Jahren Energie spart und weniger verbraucht als früher, hat Europas Abhängigkeit vom Rohöl abgenommen.

Seit Jahresbeginn hat der Währungskurs die Belastung für die deutsche Wirtschaft noch verschärft. 2004 machte der starke Euro die in Dollar ausgestellten Ölrechnungen für europäische Firmen lange erträglich. Seit seinem Höchststand von 1,36 Dollar im Dezember 2004 hat der Euro gegenüber dem Dollar aber mehr als ein Zehntel an Wert verloren. Die Euro-Länder müssen für das in Dollar gehandelte Öl mehr zahlen. "Der hohe Ölpreis tut jetzt doppelt weh", sagt Analyst Bielmeier.

Ölkosten treiben 2006 Reisepreise hoch

Europas zweitgrößter Touristikkonzern Thomas Cook geht für das kommende Jahr wegen der steigenden Treibstoffkosten von höheren Reisepreisen aus. Für die laufende Sommersaison sind bei Cook aber keine zusätzlichen Zuschläge für Flugreisen mehr geplant. Trotz der Mehrkosten für Treibstoff werde Thomas Cook im laufenden Geschäftsjahr 2004/2005 sein Ziel erreichen und erstmals seit vier Jahren einen Gewinn ausweisen, sagte Konzernchef Wolfgang Beeser.

"Für die Sommersaison 2006, die wir derzeit planen, werden wir die Mehrkosten für Treibstoff nicht mehr durch Einsparungen an anderer Stelle auffangen können. Das müssen wir in unsere Angebote einpreisen", sagte Beeser. Alle großen Reiseveranstalter bereiten derzeit ihre Sommerkataloge für 2006 vor. Wie stark sich Flugreisen verteuern werden, steht Beeser zufolge noch nicht fest.

Die Treibstoffkosten haben sich binnen zwei, drei Jahren verdreifacht

"Die unaufhaltsam steigenden Treibstoffkosten sind noch ein großer Unsicherheitsfaktor", so der Cook-Chef. Sowohl die zu Cook gehörende Condor als auch andere Ferienfluggesellschaften hätten ihre eigenen Kosten für das kommende Jahr noch nicht abschließend kalkuliert.

Für die aktuelle Sommersaison hatten die Reiseveranstalter die höheren Ausgaben für Treibstoff unter anderem durch günstigere Einkaufspreise bei den Hoteliers aufgefangen und zudem noch zusätzliche Rabatte für Frühbucher gewährt. "Inzwischen haben sich unsere Treibstoffkosten binnen zwei, drei Jahren verdreifacht", sagte Beeser. Allerdings mache es jetzt kurz vor Abschluss der Sommersaison Ende Oktober keinen Sinn, noch Zuschläge zu erheben.

DPA/Reuters / DPA / Reuters