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Wochenmarkt - die Wirtschaftskolumne: Deutschland wird Europameister!

Wenn nicht gerade ein Genie wie Krake Paul am Werk ist, treffen Prognosen längst nicht immer zu. Das gilt auch für die Börse. Warum das so ist, erklärt Thomas Straubhaar.

In "Waldis Club" haben Prognostiker eine Bühne für die ganz große Show. Zum Beispiel vergangenen Sonntag kurz vor Mitternacht, nachdem die Engländer - dieses Mal gegen Italien - einmal mehr ein Elfmeterschießen verloren. Waldemar Hartmann gab - auch das ist nicht neu - sein gesammeltes Fußballwissen zum Besten. Er erinnerte an frühere Elfmeterschießen der Engländer gegen Deutschland. 1990 und 1996 gewannen die Kicker aus der Bundesrepublik zunächst die Entscheidung vom Punkt und danach die Welt- beziehungsweise Europameisterschaft. Messerscharf kombinierte Hartmann, dass nach dem Ausscheiden der Engländer Deutschland das laufende EM-Turnier gewinnen müsse.

So einfach und irgendwie an den Haaren herbeigezogen die Extrapolation scheint, so richtig ist die sich aus Waldis Logik ergebende Prognose. Denn auch wissenschaftlich gehaltvollere Analysen bestätigen das Ergebnis: Nimmt man alle verfügbaren Informationen über die Spieler, ihre Form, Strategie und Taktik der Trainer, sowie die Erfahrung früherer Turniere als Grundlage und berechnet dann mit Hilfe extrem komplexer statistischer Modelle die Spielergebnisse der beiden Halbfinals und des Endspiels, kann es nur einen Sieger geben: Deutschland!

Menschen klammern sich an Prognosen

Sie, liebe stern.de-Leserschaft, halten die richtige Voraussage von Spielergebnissen entweder für Hokuspokus oder für einen illegalen Manipulationserfolg der Wettmafia? Gut so! Die Vorsicht ist berechtigt. Nichts anderes sind Prognosen, die vorgeben zu wissen, wer Europameister wird. Man sollte hier nicht Hoffnungen und Wahrheiten verwechseln. Erfahrungen früherer Turniere sind genauso nutzlos wie das Orakel von Kraken oder die Urteile von Experten.

Nicht nur beim Fußball, sondern auch im Alltag neigen Menschen offenbar schnell dazu, Propheten, Wahrsagern, Börsengurus oder Scharlatanen zu vertrauen, die ihnen vorgaukeln, sie wüssten, wie sich die Welt oder das Leben veränderten. Generationen von Menschen sind von einfachen Bauernregeln und Ammenmärchen in die Irre geführt worden. Aus Innereien geschlachteter Tiere wurden Ernteaussichten abgeleitet. Aus Karten, Kugeln, Ruten- oder Pendelbewegungen wird die Zukunft gelesen. Erheblich ist der Schaden, den (leichtgläubige) Opfer erleiden. Dramatisch dabei ist, dass Täter oft ganz bewusst Angst und Schrecken verbreiten.

Entweder können sie von absichtlich gestreuten Fehlinformationen direkt profitieren, weil sie scheinbar Schutz oder Abhilfe leisten können. Oder weil sie einfaches Spiel haben, die Reaktionen der eingeschüchterten Menschen richtig zu antizipieren und entsprechende Wetten zu ihren Gunsten darauf abzuschließen.

Börsenkursvorhersagen? Reine Glückssache!

Prognosefehler passieren nicht nur bei Sportwetten, beim Roulettespiel oder bei Horoskopen. Sie zeigen sich genauso beim Versuch, vorauszusagen, wie sich Aktien- oder Wechselkurse oder die Preise für Edelmetalle oder Kunstwerke verändern werden. Fakt ist, dass es weder verlässliche Theorien, noch brauchbare Modelle gibt, die Börsen- oder Wechselkursentwicklungen verlässlich erklären, geschweige denn sogar voraussagen können. Kurzfristige Börsenkursprognosen sind reine Glückssache. Daran ändern auch die Voraussagen professioneller Analysten wenig. Selbst Modelle, die mit modernsten wissenschaftlichen Methoden arbeiten, liefern keine besseren Ergebnisse als eine reine Zufallsprognose.

Zu viele und zu unterschiedliche Ursachen beeinflussen mit unbekannter und von Fall zu Fall veränderter Gewichtung die kurzfristige Dynamik der Börsen- oder Wechselkursentwicklung. Viele Einflussfaktoren bleiben völlig unbekannt. Andere sind nur begrenzt vorhersehbar. Manche werden falsch eingeschätzt. Die meisten folgen weder konstanten, noch zyklischen, noch gesetzmäßigen Verläufen, sondern sind durch Instabilität und Zufälligkeiten geprägt. Und vor allem gibt es viele asymmetrische Information, wenn Insider mehr wissen als andere, oder Spekulanten ganz bewusst falsche Gerüchte streuen, um den Markt in Bewegung zu bringen. Deshalb sind Prognosefehler der Normalfall und Treffer die seltene Ausnahme.

Der Einfluss des Zufalls

Unschärfen, Unfälle, Schwankungen, Abweichungen von der Norm, Fehler und spontane (Re-)Aktionen stören immer wieder von neuem den Verlauf von scheinbaren Gesetzmäßigkeiten. Was den Zufall im Einzelnen treibt, bleibt schlicht und ergreifend auch im Zeitalter der Supercomputer und der scheinbaren Allwissenheit des Internets ein großes Geheimnis. Das gilt für den Alltag genauso wie für den Fußball. Deshalb bleibt es Waldis einfacher Logik zum Trotz bis nächsten Sonntagabend völlig offen, ob nun das politisch vom Zahl- zum Zuchtmeister gewordene Deutschland oder eben doch ein wirtschaftlich überschuldetes südeuropäisches Euroland Fußballeuropameister 2012 werden wird.

Von Thomas Straubhaar