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Wochenmarkt - die Wirtschaftskolumne: Die Globalisierung steht auf der Kippe

Das Zusammenwachsen der Weltmärkte kannte jahrzehntelang nur eine Richtung: nach vorne. Der Religionsstreit bereitet den Nährboden, auf dem Konflikte, Nationalismus und Protektionismus gedeihen.

Von Thomas Straubhaar

Das Erschreckende an der Gewalt im Nahen Osten gegen westliche Institutionen ist die Dimensionslosigkeit. Ohne Zweifel fühlen sich viele Menschen aus triftigen Gründen in ihren religiösen Gefühlen aufs Tiefste verletzt. Aus ihrer Sicht rechtfertigt diese Kränkung, Diplomaten zu ermorden, zum Mord aufzurufen, das Leben Unschuldiger zu fordern oder westliche Einrichtungen in Brand zu setzen. Scharfmacher und Fanatiker missbrauchen die Situation für ihre Interessen. Ein gemeinsames Feindbild zu schaffen, war für Diktatoren oder Volksaufhetzer immer schon ein gern genutztes Manöver, um von eigenen Fehlern und Missständen abzulenken oder Kleine groß und mächtig erscheinen zu lassen. Im Nahen Osten dient nun ein Skandalvideo dazu, zum Heiligen Krieg gegen "Ungläubige" aufzurufen.

Dem Westen wird schlagartig offenbart, wie anfällig er gegenüber den Massenprotesten ist. Gewalt lässt sich heute nicht mehr lokal isolieren. Internet, Flashmob und Shitstorm sorgen für eine sekundenschnelle globale Übertragung auf andere Kontinente, weit weg vom Herd des Ausbruchs. Plötzlich sind westliche Werte wie Menschen- und Bürgerrechte, Presse- oder Meinungsfreiheit im Westen selber gefährdet. Aus Angst vor Terroranschlägen und zum Schutz der eigenen Bevölkerung wird diskutiert, ob im vorauseilenden Gehorsam bestimmte Verhaltensweisen untersagt und die Publikation von Bildern oder die Wiedergabe von Filmmaterial verboten werden sollen. Die Ohnmacht gegenüber wüsten Drohungen religiöser Eiferer erzeugt hierzulande Wut, Unverständnis und verführt zu Gegenprovokation. Auf Konflikt angelegte "Wir gegen die anderen"-Gefühle werden geschürt. Das ist der Nährboden auf dem Konflikt, Nationalismus und Protektionismus gedeihen.

Eskalation von Gewalt gefährdet offene Märkte

Die letzten fünfzig Jahre kannte die Globalisierung nur eine Richtung: nach vorne. Jetzt steht sie auf der Kippe. Offene Märkte bedingen ein Mindestmaß an Vertrauen, gegenseitigem Verständnis und Rechtssicherheit. Sie alle sind durch eine Eskalation von Gewalt, Willkür und Terror gefährdet. Das ist keine gute Entwicklung für Europa besonders nicht für das auf Freihandel und rechtstaatliche Rahmenbedingungen angewiesene Deutschland. Für Europa zeigt sich, wie brüchig selbstverständlich Gewordenes ist. Eine von einer 67-jährigen Friedensphase verwöhnte Nachkriegsgeneration hält Frieden, Sicherheit und Wohlstand für normal und unumkehrbar. Wer braucht in Zeiten des ewigen Friedens noch die Bundeswehr, wer geht noch zum Bund?

Die Radikalisierung vor der europäischen Haustür kann jedoch rasch auf Europa überschwappen. Ihr kann sicher nicht mit singulären sicherheitspolitischen Lösungen einzelner Länder begegnet werden. Dafür bedarf es einer gemeinschaftlichen europäischen Vorgehensweise. Deshalb ist Europa als Ganzes so wichtig. Nur so ist ein machtvolles Gegengewicht zum Angriff auf westliche Werte gegeben.

"Europa" hat geholfen, die Weltkriegswunden zu heilen

Zu leicht wird vergessen, dass ein friedliches und freiheitliches Europa nicht ohne Anstrengung zu haben war. Was immer aus heutiger Sicht gegen die Europäische Union oder den Euro spricht: "Europa" hat schrittweise und langsam geholfen, die politischen Wunden nach dem zweiten Weltkrieg zu heilen, den Nationalismus zu überwinden und Deutschland mit seinen Nachbarn im Westen und im Osten zu versöhnen. Die Folge war eine in der europäischen Geschichte unvergleichbar lange Zeit des Friedens, der Sicherheit und der wirtschaftlichen Prosperität.

Die gegen den Westen gerichtete nahöstliche Gewalt zeigt, wie schnell Hetze Hass und Unversöhnlichkeit wiederbeleben kann. Die verstörenden Bilder der aufgebrachten, laute Kampfparolen skandierenden Masse sollten Europa vor Augen führen, von welch unschätzbarem Wert die europäische Friedensdividende ist – gerade für das wiedervereinte Deutschland. Sie müsste eigentlich alle ökonomischen Kosten relativieren, die nun mit der Staatsschuldenkrise einiger Euro-Länder auf Deutschland zulaufen werden.

Denn auch europäische Bevölkerungen sind vor einer politischen Instrumentalisierung nicht völlig gefeit, wenn Agitatoren aus Neid, Missgunst, verletztem Stolz oder nationalistischen Gefühlen alte Gräben wieder aufzureißen versuchen.

Für die Bevölkerung des Nahen Ostens wird deutlich, wie lange der Weg zu einer demokratischen Normalität noch sein wird. "Institutionen sind entscheidend". Diese wirtschaftshistorisch gut belegte Einsicht verweist darauf, dass Wohlstand nur nachhaltig gesichert werden kann, wenn Vernunft und Ausgleich und nicht Hass und Konflikt das alltägliche Verhalten bestimmen. Von guten Institutionen, welche die Macht der Gewalt brechen, ist der Nahe Osten noch weit entfernt. Das ängstigt nicht nur den Westen. Es schadet vor allem der dortigen Bevölkerung.