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Wochenmarkt - die Wirtschaftskolumne über "Germany's next Topmodel": Von Topmodels lernen, heißt ...

... verlieren lernen. Kolumnist Thomas Straubhaar empfiehlt Professoren und Politikern, bei "Germany’s next Topmodel" genau hinzusehen: Hier wie dort wird nur gekürt, was gefällt.

Sarah-Anessa, Dominique, Kasia oder Luisa: Nur eine kann

(GNTM) werden. 15.000 Zuschauer in der ausverkauften Kölner Arena und Millionen vor dem Fernseher wollen am Donnerstagabend dabei sein, wenn die Entscheidung darüber fällt, wer das schönste Model Deutschlands werden wird.

Wie in jeder Castingshow geht es bei GNTM zwar scheinbar darum, die Jury von den eigenen Qualitäten zu überzeugen.

, Thomas Hayo und Thomas Rath werden jedoch im großen Finale nicht jenes Mädchen zur Königin küren, das wirklich die Schönste im Lande ist. Vielmehr werden sie jene junge Frau zum nächsten Topmodel machen, von der die Jury überzeugt ist, dass sie der Modebranche am besten gefallen wird - also dem Ideal der Agenturen, Designern, Creative und Art Directoren möglichst weitgehend entspricht. Nur wenn die Siegerin ein internationaler Star wird, den Kunden rund um die Welt für Shows, Catwalks und Shootings buchen, kann Heidi K. am Schluss "ganz, ganz stolz" auf ihr Mädchen sein. Bei GNTM geht es somit nicht um wahre Schönheit oder um das, was die Jury selber für schön hält, sondern um die Erwartung der Jury, wie wohl das Urteil der Modebranche, der Medien und der Öffentlichkeit lautet.

Zu kompliziert? Dann hier noch ein anderes Beispiel. Angenommen, stern.de ruft einen Wettbewerb aus: Die stern.de-User sollen auswählen, welcher der regelmäßig schreibenden Kolumnisten am besten gefällt. Die User, die den Kolumnisten gewählt haben, der am Schluss am meisten Stimmen erhält, bekommen die Chance, in einer Verlosung 100.000 Euro zu gewinnen. Wie gehen Sie, liebe stern.de-User, vor? Wenn es Ihnen um die 100.000 Euro geht, geben Sie Ihre Stimme nicht jenem Schreiberling, der Ihnen persönlich am besten gefällt. Erfolgversprechender ist es, wenn Sie den Kolumnisten wählen, von dem Sie glauben, dass er von den stern.de-Usern insgesamt am meisten Stimmen erhalten wird. Es gewinnt dann nicht Ihr Favorit, sondern jener, den Sie für den Liebling der anderen halten. Es siegt der Mainstream.

Wetteifern oder Opportunismus

Was für Schönheitswettbewerbe und Castingshows gang und gäbe ist, gilt auch in vielen anderen Bereichen. Menschen sagen nicht, was sie denken, sondern das, von dem sie glauben, dass es von ihnen erwartet wird. Politiker machen nicht, was ihnen richtig erscheint, sondern was politisch als korrekt gilt. Regierungen folgen nicht ihren langfristigen Wahlprogrammen, sondern den kurzfristigen Schwankungen von Börsenkursen. Als Folge kommt es zu einem Verhalten, das Meinungen und nicht Überzeugungen folgt. Gemeinhin nennt man ein so motiviertes Verhalten "Opportunismus".

Besonders störend werden solche Wettbewerbe in der Wissenschaft. Eigentlich muss es Forschenden - so mindestens die Erwartung der Öffentlichkeit, die das Ganze finanziert - um neue Erkenntnisse gehen. Was aber, wenn es - wie vielfach in der Wirtschaftswissenschaft - nicht mehr primär um die Suche nach Antworten auf aktuelle Probleme geht und nicht darum, ob Ergebnisse relevant oder wichtig sind, sondern zuallererst darum, ob die Resultate der Jury gefallen und damit einem intellektuellen Mainstream der Insider, die selber im Elfenbeinturm sitzen? Dann ist es nicht mehr der Erkenntnisgewinn, sondern die Publikationsfähigkeit, die den Ehrgeiz von Forschenden treibt. Nicht mehr das, was man selber interessant findet, motiviert, sondern das, was man glaubt, dass es bei anderen auf Wohlgefallen trifft. Ein solches Verhalten widerspricht fundamental dem Selbstverständnis von Wissenschaft.

Der Schönheitswettbewerb der Ökonomen wird dann problematisch, wenn die Gesellschaft mit Steuergeldern Forschende finanziert in der Hoffnung, dass aus deren Ergebnissen auch gesellschaftlicher Nutzen erwächst. Da klafft zunehmend eine Lücke. Denn so wenig, wie Heidi Klum nach der "wahren" Schönheit sucht, und so sehr sie vor allem ihren eigenen Erfolg und nicht jenen der Models im Auge hat, geht es auch vielen wissenschaftlichen Schiedsrichtern weniger um Wahrheit und Erkenntnis, sondern primär um eigene Interessen - also um Macht, Prestige, Forschungsmittel oder Professuren. Deshalb ist es mittlerweile mehr als fraglich, ob das, was heutzutage in internationalen Ökonomiezeitschriften publiziert wird, hierzulande Politik, Gesellschaft und Wirtschaft tatsächlich hilft, klügere Lösungen für die brennenden Zukunftsprobleme zu finden.

Übrigens: Ich tippe darauf, dass Luisa gewinnen wird. Dabei lasse ich offen - weil es unwichtig ist -, ob für mich Luisa wirklich das Topmodel ist, oder ob ich darauf wette, dass Heidi Klum und ihre Jury Luisa für das Mädchen hält, das sich in der Modebranche am besten vermarkten lässt.

Von Thomas Straubhaar