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Zerschlagung von Schlecker: Bitteres Ende nach fast 40 Jahren

Schlecker macht endgültig dicht, der Drogeriekonzern soll zerschlagen werden. stern.de zieht Bilanz der wechselvollen Beziehung zwischen Deutschland und Anton Schlecker.

Von Malte Arnsperger

Monatelang wurde um die Rettung des insolventen Drogeriegiganten Schlecker gerungen. Nun verkündete der Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz, dass er keinen Investor gefunden hat. Es ist das endgültige Aus für eine ganz besondere Firma. Denn Deutschland und Schlecker, das ist die Geschichte einer anfänglich leidenschaftlichen Ehe, in der es Streit und Versöhnung gab, schöne und traurige Momente, die jedoch von den Problemen des Alltags zermürbt wurde und am Ende eine hässliche Scheidung erlebte.

Der Anfang

Die Familie Schlecker aus dem schwäbischen Ehingen besitzt in den 60er-Jahren eine Fleischwarenfabrik und 17 Metzgerei-Filialen. Sie hat einen 21-jährigen Spross, der 1965 ins Unternehmen eintritt. Der junge Mann, Anton, eröffnet 1965 ein Warenhaus, weitere folgen in den Jahren danach. 1974 fällt die Preisbindung im Drogeriehandel. Anton Schlecker wittert die Chance und eröffnet seinen ersten Drogeriemarkt. Die Deutschen, speziell die Hausfrauen, sind ganz vernarrt in diesen jungen dynamischen Kaufmann - oder zumindest in seine Geschäfte - und kaufen begeistert Seife, Kloreiniger oder Zahnpasta bei ihm. Schnell erfasst ganz Deutschland die "Schlecker-Liebe", 1984 gibt es bereits 1000 Filialen.

Die ersten Jahre

In der Beziehung zwischen Deutschland und Anton Schlecker läuft es blendend. Der Kaufmann versteht es wie kein anderer zu der Zeit, seinem Partner zu geben, was der will: preisgünstige Drogerieartikel nahe am Wohnort. Im ganzen Land - ob in der Großstadt oder vor allem auf dem platten Land - lauert der gewitzte Schlecker auf leer werdende Ladenflächen, vorzugsweise in Wohngebieten. Sogar das Know-how von Taxifahrern soll er genutzt und für Hinweise auf günstige Objekte Prämien gezahlt haben. Und mit seiner Art hat Schlecker in Deutschland so viel Erfolg, dass er sich umschaut. Österreich, Niederlande, Spanien heißen seine neuen Partner. Aber der deutsche Kunde nimmt ihm das nicht übel. Im Gegenteil: Bis Anfang der neunziger Jahre hat Schlecker hier bereits 5000 Filialen und ist Marktführer. Und er kümmert sich, besucht jede Woche andere Niederlassungen in der ganzen Republik.

Große Sorgen

Die strahlende Schlecker-Welt bekommt erste Risse. Die Kinder des - jetzt schon - steinreichen Firmengründers werden 1987 entführt. Anton Schlecker kann das Lösegeld genau auf die versicherte Summe herunterhandeln, die Geschwister kommen frei. Schlecker wird für das Feilschen mit den Entführern kritisiert und eine Zeitlang sogar als Hintermann der Verbrecher verdächtigt. Dieser Schicksalsschlag und die Vorwürfe sorgt dafür, dass sich Anton Schlecker aus der Öffentlichkeit komplett zurückzieht und zu einem Phantom wird. Und es regt sich auch Kritik an seinem Geschäft: Vor allem die Arbeitsbedingungen der sogenannten Schlecker-Frauen werden angeprangert, von schlechter Bezahlung und rücksichtslosem Umgang ist die Rede. 1998 wird Anton Schlecker sogar verurteilt, weil er seinen Angestellten eine Bezahlung nach Tarif vorgegaukelt hatte. Der Firmenchef reagiert auf die Probleme, öffnet sein Unternehmen nach und nach für Betriebsräte und die Gewerkschaft - und expandiert weiter. Doch in Deutschland wendet sich die Stimmung nach und nach gegen Schlecker.

Man lebt sich auseinander

In der "Schlecker-Deutschland-Ehe" kriselt es und dann bekommt der in die Jahre gekommene und angegraute Schlecker auch noch zunehmend attraktive Konkurrenz: DM, Rossmann oder Müller haben größere und vor allem schönere Märkte. Schlecker macht in seinen kleinen, oft schmuddeligen Läden immer weniger Umsatz. Verzweifelt versucht er, sein Unternehmen zu retten. Er kauft 2007 den Konkurrenten "Ihr Platz", um vom Glanz des Premiumanbieters zu profitieren. Er schickt seine Kinder in die Öffentlichkeit, um der Firma ein frischeres Image zu verpassen. Er fängt an, seine Filialen aufzuhübschen und sie "Fit for Future" (so der Name des Restrukturierungsprogramms) zu machen. Es hilft alles nichts. Anfang Januar 2012 muss Anton Schlecker Insolvenz anmelden.

Scheidung

Die Trennung verläuft schleppend und schmutzig, der lange aufgestaute Frust einer rund 40-jährigen Beziehung bricht sich Bahn. Zunächst werden rund 2200 Schlecker-Filialen im ganzen Land geschlossen, mehr als 10.000 Mitarbeiter, hauptsächlich Frauen, entlassen. Die wehren sich, viele klagen gegen ihre Kündigung. Doch damit nicht genug: Anton Schlecker werden die vielen Management-Fehler der vergangenen Jahre vorgehalten, kaum jemand lässt mehr ein gutes Haar an ihm und seinem Unternehmen. Der Insolvenzverwalter tut zwar alles, um einen Investor zu finden und Schlecker noch in letzter Minute zu bewahren. Doch die Firma steckt viel zu tief in den roten Zahlen, letztlich will sich niemand den Geldbeutel und die Finger schmutzig machen. Die Gläubiger drehen den Geldhahn zu, wollen nun das Unternehmen zerschlagen - sozusagen den Hausrat verscherbeln. Die Beziehung zwischen Anton Schlecker und Deutschland ist Geschichte.

Getrennte Leben

Die erste Zeit wird für alle Beteiligten schwierig. Viele Kunden werden weitere Wege zurücklegen müssen, um sich Seife, Kloreiniger oder Zahnpasta kaufen zu können. Die Schlecker-Mitarbeiterinnen werden sich auf einem ohnehin schon ziemlich überfüllten Arbeitsmarkt für Verkäuferinnen um die Stellen schlagen müssen. Und auch für die Familie Schlecker war die geschäftliche Scheidung teuer. Noch im vergangenen Jahr zählten sie zu den reichsten Menschen in Deutschland, nun ist ein Großteil des Geldes weg. Dass Anton Schlecker groß ins Geschäftsleben zurückkehrt ist eher unwahrscheinlich, zu angeschlagen sein Name. Die Geschwister Meike und Lars allerdings könnten eine neue Beziehung zwischen Schlecker und Deutschland wagen.