Zinspolitik "Die Fed handelt kopflos"


Die US-Notenbank sorgt mit ihren Zinssenkungen für Panik an den Märkten, ist Manfred Neumann überzeugt. Der Volkswirt von der Universität Bonn kritisiert im stern.de-Interview die Politik der Fed massiv und spricht von "Anfängerfehlern" des Präsidenten Ben Bernanke.

Herr Neumann, die amerikanische Notenbank hat am Mittwoch die Leitzinsen erneut um 50 Basispunkte gesenkt. Damit summieren sich die Zinsschritte auf 1,25 Prozent in nur wenigen Wochen. An den Märkten wird von Panikmache gesprochen. Zu Recht?

Es scheint wirklich so zu sein, dass die Fed in Panik verfallen ist. Es war bereits sehr auffällig, dass Notenbank-Chef Ben Bernanke vor wenigen Tagen öffentlich betont hat, das Konjunkturprogramm der US-Regierung müsse sehr schnell kommen, sonst sei es wahrscheinlich schon zu spät. Danach kam gleich die große Zinssenkung um 75 Basispunkte. Mir ist völlig schleierhaft, welche Strategie hinter dieser Politik steckt.

Zu Beruhigung der Märkte wird die Fed so nicht beitragen.

Auf keinen Fall. Im Gegenteil: Sie handelt kopflos und sorgt damit für noch mehr Verunsicherung. Sie sucht ihr Heil offenbar in einer Überschwemmung der Wirtschaft mit Geld. Vor dem Hintergrund, dass wir schon seit einigen Jahren eine zu expansive Geldpolitik in den Vereinigten Staaten haben, ist mir diese Politik völlig unverständlich.

Sie schmeißt schlechtem Geld noch gutes hinterher?

(lacht) Das kann man wirklich sagen. Unter der Vorraussetzung, dass das Geld, das die amerikanische Notenbank herausgibt, überhaupt noch gut ist.

Im Zuge der Immobilienkrise können die Banken so immer hoffen, die Fed wird uns am Ende schon retten?

Ja, dabei wäre es viel wichtiger, dass die Banken die Folgen der Immobilienkrise stärker zu spüren bekommen. Schließlich haben sie sie ja auch selbst verursacht. Die Krise ist aber natürlich auch ein sozialpolitisches Problem, weil viele Hausbesitzer ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen können. Dieses Problem zu lösen, ist aber nicht Aufgabe der Fed. Die Notenbank muss die Inflation und die Konjunktur im Auge behalten. Nur derzeit tendiert sie viel zu weit in Richtung Stützung der Wirtschaft.

Wäre eine Politik der kleinen Schritte nicht viel besser gewesen?

Schon im Herbst des vergangenen Jahres hat die Notenbank erstmals die Zinsen gesenkt, dabei waren sie schon damals nicht wirklich hoch. Die Aktionen jetzt deuten an, dass es um die amerikanische Wirtschaft wirklich dramatisch stehen muss. Wenn dem wirklich so ist, hätte sie aber schon damals stärker handeln sollen und nicht erst jetzt.

Die Fed verspielt so ihr wichtigstes Gut: Glaubwürdigkeit.

Ja, ich habe keine Erklärung dafür, warum die Fed diesen Weg geht. Entweder sie weiß mehr als der Markt und die amerikanische Wirtschaft steht wirklich vor einer tiefen Rezession. Oder es handelt sich einfach um einen Anfängerfehler von Ben Bernanke, der versucht, besser zu sein als sein Vorgänger Alan Greenspan.

Halten Sie eine tiefe Krise der amerikanischen Wirtschaft für wahrscheinlich?

Ich sehe das im Moment nicht, aber vielleicht weiß die Notenbank mehr. Es wird sicherlich zu einer deutlichen Abschwächung der Wirtschaft kommen, aber an eine Rezession glaube ich derzeit noch nicht.

Aber auch wenn eine Rezession kommt, hat Bernanke sein Pulver nicht viel zu früh verschossen?

Ja, er kann jetzt für ein paar Jahre in Skiurlaub fahren.

Interview: Marcus Gatzke


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